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„Ich freue mich auf die Orchesterpracht“, sagt Sebastian Weigle, hier in seinem Arbeitszimmer an den Städtischen Bühnen.
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„Ich freue mich auf die Orchesterpracht“, sagt Sebastian Weigle, hier in seinem Arbeitszimmer an den Städtischen Bühnen.

Oper Frankfurt

Sebastian Weigle: „Es fühlt sich angenehm normal an“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Sebastian Weigle, Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt, hat die Pandemie auch in Japan und den USA erlebt und probt jetzt die „Königskinder“-Wiederaufnahme. Ein Gespräch.

Herr Weigle, wie blicken Sie auf die vergangenen Monate?

Wir sind an einem Opernhaus gewöhnt, in großem Volumen zu musizieren, großes Orchester, viele Solisten, das Ganze vor großem Publikum. Gesagt zu bekommen, dass das alles gestoppt werden muss, ist eine absolute Katastrophe. Eine Woche geht es ganz gut, zu Hause zu sein, auch zwei Wochen noch. Man freut sich immer auf Ferien, auch wenn man seine Arbeit liebt. Man kocht, man backt, man liest Partituren. Man fängt an, unruhig zu werden. Man wartet darauf, dass sich die Politik dazu verhält, was mit den Künstlern ist. Und stellt fest, dass da zunächst praktisch nichts kommt. Das betrifft viele Bereiche, ich bin selbst einer der größten Unterstützer der Frankfurter Gastronomie. Jetzt merken wir, wie das alles langsam zurückkommt, ich kann langsam wieder durchatmen.

Sie waren außerdem in der ungewöhnlichen Situation, in Japan teils mit großen Besetzungen weiterarbeiten zu können.

Ja, ich bin in einem erschreckend leeren Flugzeug geflogen, Mitte November hin, Mitte Februar zurück. In der Zeit konnte beispielsweise ein Dirigent nicht anreisen, der einen „Tannhäuser“ hätte machen sollen, ich aber war schon da und konnte das zusätzlich übernehmen. In einer Zeit, in der ich ursprünglich „Lulu“ an der Met eingeplant hatte. Alles hat sich verbaut und verschachtelt.

Aber Sie konnten zwischendurch große Oper machen.

Wobei es schon seltsam war, bei einem „Tannhäuser“ zunächst jede Probe mit Maske zu singen und die allerersten Proben ohne Maske auf der großen Bühne zu haben. Alles war weit nach hinten verschoben, um den Orchestergraben zu schützen. Schwierig für den Dirigenten.

Die Säle waren voll?

Ja, wobei das auch wechselte, wieder zurück zu 70 Prozent, sogar zwischenzeitlich zu 50 Prozent. Asiaten sind es gewöhnt, Masken zu tragen. In der U-Bahn wird nicht gesprochen, nicht telefoniert, die gegenseitige Rücksichtnahme ist beeindruckend. Was für ein Kontrast zu New York, wo ich jetzt war und wo in den Bahnen telefoniert, geschrien und gesungen wird ohne Ende.

Sie haben ein breites Spektrum erlebt, in New York nämlich die Wiedereröffnung der Met. Nach einem Lockdown, der sich in der US-Kultur noch dramatischer niedergeschlagen hat als hier.

Nach 18 Monaten totalem Stillstand. Ich gehörte zu den Glücklichen, die dabei helfen durften, die Met wieder zum Leben zu erwecken, in einer der ersten Produktionen. Eröffnet wurde mit einer zeitgenössischen Oper, „Fire Shut Up In My Bones“ von Terence Blanchard, einem sehr interessanten Stück, und gleich am nächsten Tag war die Premiere von „Boris Godunow“. Wir haben also geprobt, mit Maske, bis es auf die große Bühne ging. Absolut alle Beteiligten mussten doppelt geimpft sein, es durfte niemand die Oper auch nur betreten, der nicht doppelt geimpft war. Und jeder hatte trotzdem zwei PCR-Tests in der Woche. Die wollen nicht das geringste Risiko eingehen.

Chor und Orchester der Met waren komplett aufgelöst, nicht wahr?

Im Chor sind es circa 40 Prozent neue Sängerinnen und Sänger. Im Orchester habe ich sehr viele wiedererkannt, da gab es ein großes Hallo und eine große Wiedersehensfreude, aber es gibt auch neue Gesichter.

Merkt man das bei der Zusammenarbeit sehr?

Die Solidarität am Haus war insgesamt enorm. Man muss sich wieder aneinander gewöhnen, hat vielleicht einen anderen Pultnachbarn. Aber es war eine Wiedergeburt auf einem Wahnsinnsniveau, und ich habe miterlebt, wie dieses Orchester Probe für Probe zusammengewachsen ist. Die ganze „Boris Godunow“-Serie war dann eine einzige Beglückung und auch Überraschung. Bei der dritten Vorstellung dachte ich: So, jetzt kann es nicht mehr besser werden. Dann kam die vierte Vorstellung, die in die Kinos übertragen wurde, was immer so eine Sache ist. Und die war dann die Beste. Dann kam die fünfte, und die war die Beste. Und so ging es weiter. Der Chor fand zu einem enormen Klang, wobei gerade er angesichts des großen Met-Spielplans noch einiges vor sich hat. Hier gibt es oft nicht mal eine Auffrischungsprobe, das wird mit den vielen neuen Leuten schwierig werden, aber lösbar sein.

Und das Publikum?

Es hat gefeiert. Auch mit Vorschusslorbeeren, schon als ich im „Boris Godunow“ in den Graben kam. So einen Jubel habe ich noch nicht erlebt. Ein Fest.

Wie kam es überhaupt, dass Sie dort sein konnten? Eine amerikanische Besetzung wäre naheliegender gewesen.

Sie wollten einfach ihren Spielplan einhalten und auch die Verträge, sobald sie das wieder konnten. Und ich hatte das Glück, an der Reihe zu sein. „Lulu“, wie gesagt, hatte zuvor nicht geklappt.

Jetzt sind Sie wieder in Frankfurt und bereiten die Wiederaufnahme von Engelbert Humperdincks „Königskindern“ vor. Wie ist es angelaufen?

Entspannt und intensiv. Die Probebühne in Rödelheim ist riesig, so dass wir viel Abstand haben. Die Truppe ist durchgeimpft. Es fühlt sich angenehm normal an.

Mögen Sie Wiederaufnahmen, nerven sie Sie?

Zur Person:

Sebastian Weigle, 1961 in Berlin geboren, war Solohornist der Berliner Staatskapelle, bevor er sich in den 90er Jahren aufs Dirigieren konzentrierte. Seit der Spielzeit 2008/09 ist er Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt, zuvor hatte er die gleiche Position am Gran Teatre del Liceu in Barcelona. Seit 2019 ist er außerdem Chefdirigent des Yomiuri Nippon Symphony Orchestra Tokio. Ende der Spielzeit 2022/23 läuft sein Vertrag in Frankfurt aus. Wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, wird Thomas Guggeis sein Nachfolger, aktueller Staatskapellmeister in Berlin – wie zuvor auch Weigle von 1997 bis 2002.

An der Oper Frankfurt bereitet Weigle in diesen Tagen die Wiederaufnahme von Engelbert Humperdincks Oper „Königskinder“ vor. Die Inszenierung von David Bösch in einem Bühnenbild von Patrick Bannwart und mit Kostümen von Meentje Nielsen hatte 2012 Premiere, Weigle dirigierte auch damals. Die Hauptrollen übernehmen nun Gerard Schneider (Königssohn), Heather Engebretson (Gänsemagd), Iain MacNeil (Spielmann) und Katharina Magiera (Hexe). Wiederaufnahme ist am Samstag, weitere Vorstellungen gibt es am 11., 14., 19., 21. November.

Als Neuproduktion leitet Weigle einen Monat später Nikolai Rimski- Korsakows selten gespielte Oper „Die Nacht vor Weihnachten“, Christof Loy führt Regie. Nach der Premiere am 5. Dezember gibt es Vorstellungen am 9., 17., 19., 23., 25. Dezember, 2., 8. Januar. www.oper-frankfurt.de

Sie nerven mich nur manchmal, wenn neue Sänger kommen und man zugleich trotzdem viel weniger Proben hat. Ich habe aber den Eindruck, dass wir jetzt gut vorbereitet sind. Die Motivation ist sehr hoch. „Königskinder“ ist eine der schönsten und wichtigsten Partituren, die um Richard Wagners Zeit herum entstanden sind. Ich freue mich auf die Orchesterpracht. Die Partitur ist so vielschichtig, viel reichhaltiger als „Hänsel und Gretel“. Eine lustige private Klammer übrigens: In Weimar wurde „Hänsel und Gretel“ uraufgeführt, ich habe „Königskinder“ zuletzt in Weimar dirigiert, als Hochschulprojekt. Die „Königskinder“ sind in New York uraufgeführt worden, wo ich gerade herkomme.

Warum sind die „Königskinder“ nicht so berühmt, wie sie angesichts ihrer Qualität sein müssten?

Die Partien des Königssohns und der Gänsemagd sind sehr, sehr anspruchsvoll, man braucht erfahrene Stimmen mit immensen Klangfarben, mit Ausdauer, Umfang und Volumen. Zugleich sollen sie in Körpern stecken, die als 16-Jähriger und 14-Jährige durchgehen.

David Böschs Inszenierung ist markant.

Sie erinnerte mich an die Filme von Tim Burton. Ich sehe da immer Johnny Depp um die Ecke kommen, ich sehe Bilder aus einem Kinderbuch, die in Bewegung geraten. Ich finde, es ist ein äußerst gelungener Weg, die verschiedenen Kunstrichtungen zusammenzubringen. Das macht mir große Laune, darum habe ich damals auch gesagt: Bei einer Wiederaufnahme bin ich unbedingt dabei.

Ist das Thema Regie sehr wichtig für Sie?

Es gibt Inszenierungen, mit denen ich ein großes Problem habe. Das ist unangenehm. Ich versuche dann, mich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Aber es wäre völlig falsch zu sagen, dass die Inszenierung zweitrangig ist. Ich sehe mich als musikdramaturgischen Dirigenten. Wenn ich beim Entstehen einer Produktion dabei sein kann, entwickle ich gerne bestimmte Dinge gemeinsam mit der Regie, sage an Stellen vielleicht: Nee, hier ist das nicht gut, hier müsste Stillstand sein, weil die Musik das erfordert.

Freuen sich alle Regisseure darüber?

Es gibt auch welche, die eher sagen: Mach du mal deine Sachen. Ich hatte da aber immer Glück. Und vielleicht sagt ja umgekehrt auch der Regisseur: Kannst du mir da drei oder vier Sekunden Ruhe geben vor dem nächsten Übergang? Und ich sage möglicherweise: Eigentlich geht das nicht, weil es da einen durchgehenden Rhythmus gibt. Aber während ich das sage, überlege ich schon, ob der durchgehende Rhythmus nicht ein Gedankenspiel sein könnte, so dass man ihn durchaus auch etwas verlängern könnte. Auch Komponisten denken oft bereits mit, dass an einer Stelle eine Dehnung nützlich sein könnte, um zum Beispiel das Licht zu ändern, eine Person auf- oder abtreten zu lassen. Richard Strauss schreibt häufig Fermaten, die so etwas erlauben, wenn erforderlich.

Auf die Wiederaufnahme folgt direkt eine Neuproduktion mit Christof Loy.

„Die Nacht vor Weihnachten“ von Rimski-Korsakow, Christof Loy hat sich dafür eingesetzt. Ich arbeite unheimlich gerne mit ihm zusammen. Ein musikalischer Regisseur, der immer supergut vorbereitet ist, der Noten lesen kann und sich nicht irgendwie mit einem Programmheft oder so durchwurschtelt.

Was ist das für ein Werk?

Mir war die Oper völlig unbekannt, ich wusste gerade mal, dass sie existiert. Es ist ein sehr reich koloriertes Spektakel, eine unglaublich schöne Musik, aber nicht einfach umzusetzen für mich, weil ich kaum große Linien sehe. Es ist immer rezitativisch, wie ein Puzzlespiel mit vielen Leitmotiven, vielen Wiedererkennungseffekten. Rimski-Korsakow ist ein Meister der Instrumentierung, es gibt Tanzmusiken, herrliche Chöre. Die Handlung ist sehr vergnüglich, man trifft weihnachtlich zusammen, macht Besuche, singt gemeinsam, trinkt, besucht gemeinsam wieder jemand anderen. Der Mond wird geklaut, Schnee wird herbeigezaubert, überhaupt geschehen seltsame Dinge.

Aber die Idee kam von Regisseur Loy und Sie haben erstmal ja gesagt?

Ich sage nicht grundsätzlich ja, nur weil Christof Loy etwas vorschlägt. Aber neugierig bin ich dann schon. Und ich bin ja insgesamt ein großer Freund der russischen Oper, große Chöre, Sehnsucht, Weite. Das geht mir auch in der Sinfonik so, meine Seele ist komplett mit slawischer Musik verwandt, sie hat eine magnetische Wirkung auf mich. Man kann vor Weihnachten wie immer „Hänsel und Gretel“ weiterspielen oder die „Zauberflöte“, aber wir hoffen, dass ein solches Stück das Publikum richtig neugierig machen kann. Man hört die Sterne glitzern, man hört das Funkeln im Schnee, einen Flug durch die Lüfte. Ich schlage eine beliebige Seite auf und denke wieder: Ist das großartig.

Das wird alles in normaler Besetzung möglich sein, „Königskinder“ wie auch „Die Nacht vor Weihnachten“?

Ich rechne fest damit, dass wir das mit Impfungen und Tests hinbekommen werden.

Noch ein Ausblick: Wie geht es weiter, wenn Ihr Vertrag in Frankfurt 2023 ausläuft? Was Ihnen entgegenkommen könnte, weil Sie auch jetzt schon viel reisen.

Ja, es kommt mir insofern entgegen, zumal der Kontakt zu diesem wunderbaren Haus bestimmt bestehen bleiben wird. Der Kalender füllt sich also mehr und mehr, aber ich muss auch ehrlich sagen, dass mir gewisse Ruhezeiten zwischen den Projekten guttun würden. Das ist eine Erfahrung aus der Pandemie und hat mir in meiner Karriere immer etwas gefehlt. Wenn man an einem schönen Ort ist, geht man nach dem letzten Konzert dennoch ins Hotel und packt den Koffer. Entweder ruft das nächste Projekt, oder Frankfurt ruft. Warum nicht einmal eine Woche länger bleiben, ohne Arbeit, Land und Leute genießen, ein bisschen rausfahren?

Wobei Sie in Japan im festen Engagement bleiben.

Bis 2025, genau, da habe ich sowieso eine gewisse Präsenzpflicht. Und ich kann mir vorstellen, dass ich Japan bereise, einfach mal ein halbes Jahr im Land bleibe. (Interview: Judith von Sternburg)

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