Berlin

Das glückliche Rad

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Bert Neumanns Volksbühnen-Skulptur steht wieder da, wo sie hingehört – am Rosa-Luxemburg-Platz.

Jetzt steht das Räuberrad wieder am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz. Ein gutes Jahr hat es gefehlt, beziehungsweise ein eher schlechtes Jahr natürlich. Nicht für das Rad: Es reiste nach Avignon, wurde im Anschluss metallwerkerisch gepflegt und war Gegenstand einer Debatte darüber, wofür es stehen darf und vor allem wo – was kann man mehr wollen als Objekt des öffentlichen Raumes? Das Speichenrad mit Beinen, inspiriert (wie vermutlich 1992 in der ersten Presseveröffentlichung der Volksbühne, der echten, der VB, stand) von einem Räuberzeichen, vielleicht von dem Kreis mit dem Pluszeichen darin, der bedeutet, dass es in einem Haus Essen gibt. Allerdings hat der Rad-Entwurf des VB-Künstlers Bert Neumann einen Strich mehr und dazu die niedlichen Strichmännchenbeine. Vielleicht hieß das schon immer: Füllt euch die Bäuche und bleibt in Bewegung (Take the money and run), vielleicht das Gegenteil, denn ohne Beinchen rollt so ein Rad ja eigentlich besser.

Bert Neumann jedenfalls, der das Gesicht der Volksbühne geprägt hat und auch auf der Bühne die Form vorgab, in die Frank Castorf hineinarbeitete, Bert Neumann also, 2015 mit 54 Jahren schockierend früh verstorben, Bert Neumann war es, der in einem Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ im April 2015, da war die ästhetische Wende an der Volksbühne kulturpolitisch schon beschlossen, damals sagte: „Die Frage ist, leistet man sich eine eigene Meinung oder hängt man sich an den Markt.“ Und: „Ich will was machen, wo ich selbst der Chef bin, das kann auch was Kleines sein. Ich überlege, ob ich ein Tattoo-Studio aufmachen soll.“

Daran muss ich seither immer denken, wenn ich das Wort „Kunst“ höre. Und wenn ich in die Rosa-Luxemburg-Straße einbiege, wo, anders als von ihm prognostiziert, die Sex-Shops doch nicht gewonnen haben. Und an die subversive Schönheit seiner Bungalows und Plastikstühle, Riesenschriftzüge, Frittenkostüme, Glitzervorhänge und ... das gesamte Prinzip einer künstlerischen Setzung als Folge eines Ausdruckswillens, für die er stand. Üblicherweise geht die meiste Energie im Kulturbetrieb ja in die Frage: Wem fällt was ein?

Das Räuberrad als Zeichen für die Freiheit namens Kunst, als Bert-Neumann-Denkmal und produktiver Widerspruch. Ich freue mich, dass es dort wieder steht.

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