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Wissen, wie sie uns treffen können: Stefanie Reinsperger und Andreas Döhler als Rott-Bauern.

Theater

„Glaube und Heimat“ im Berliner Ensemble: Es zuckt im Zillertal

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Michael Thalheimer inszeniert Karl Schönherrs „Glaube und Heimat“ in Berlin.

Reiß ihm das Herz aus, schlag’s ihm ums Maul!“, fordert die von Rachedurst geschüttelte, über die Leiche ihres Sohnes gebeugte Rottin. Und der evangelische Christoph Rott hat den katholischen Reiter, wegen dem sich der Junge in den Bach stürzte, fest am Hals gepackt. „Gelt, Bauersleut haben griffige Finger! Reiter, jetzt bist mein.“ Aber dann kommt er zur Besinnung, so heißt es in der Regieanweisung.

Er öffnet seine Faust, lässt den Reiter wieder atmen, und die Hand, die er, um seine Vertreibung, die Sprengung seiner Familie und den Tod seines Sohnes zu verhindern nur zum Abschwören hätte ausstrecken müssen, dies auch fast schon tat, diese Hand reicht er nun eben dem Reiter zur Versöhnung. „Christoph, du bist ja völlig über ein Menschen!“, sagt die Rottin noch, und im Berliner Ensemble, in der Inszenierung von Michael Thalheimer sind das die Schlussworte. Das Licht geht aus. Und ein bisschen was bleibt dem Zuschauer erspart. In Karl Schönherrs „Glaube und Heimat“, einem Stück über die schon in den 1830er-Jahren verspäteten Zillertaler Zuckungen der österreichischen Gegenreform, uraufgeführt 1910 in Wien, gibt Rott noch ein Bekenntnis zum Evangelium zu Protokoll. Und der Reiter hätte noch seinen Säbel zu zertreten und von so viel christlichem Edelmut geläutert niederzusinken.

Das wäre offenbar auch für Thalheimer zu viel, um es ohne den Abstand der Ironie vorzuführen. Denn wie immer schwillt bei ihm der heilige Ernst verallgemeinernder Ästhetisierung. Ein hermetischer blechbeschlagener Quader ragt in der Mitte der Drehbühne hoch hinauf in den Bühnenturm, dreht sich im Dämmer, im Nebel und später im Regen, wirft mattes Licht zurück, rostet und weist ein paar Ausbeulungen auf, die von verzweifelten Faustschlägen herrühren könnten. Sind da Menschen drin?

Die Schauspieler treten von außen heran oder werden von der Drehbühne auf die Szene getrudelt, sie wirken klein und sind aus dem Zentrum auf die Vorderbühne gedrängt. Aber sie haben immerhin Platz, können sich sogar auf eine um den Quader laufende Bank setzen. Das ist ja in den zunehmend sadistischen und spielfeindlichen, weil einengenden, niederdrückenden, schrägen Bühnenräumen, die sich Thalheimer von Olaf Altmann bauen ließ, zuletzt selten der Fall gewesen. Diesmal firmiert Nehle Balkhausen, die seit Jahren die Kostüme für Thalheimer entwirft, auch als Bühnenbildnerin.

Man darf erleichtert aufatmen. Es gibt Räume, die die Schauspieler wieder selbst mit ihrer Kunst füllen können, anstatt dass ihnen die Installationen regielich organisierte Qualen abquetschen. Stefanie Reinsperger und Andreas Döhler als Rott-Bauern wissen schon, wie man in die Magengrube der Zuschauer zielt. Wie Reinsperger im Kreis läuft, angeschlagen und Orientierung suchend, eingeklemmt in ihre Kittelschürze und zwischen ihre steifen, schweren, ihrer Funktion beraubten Arme, die später, beim Abschied nach ihrem Mann tasten wie nach einer schon lange verlorenen Erinnerung. Oder wie Döhler in der Bibel liest, wie er fast hineinkriecht in das kleine Buch, die eine Hand in der Luft, als müsse er mit seinen festen Fingern den Geist der Worte zu sich herunterzerren. Er liest mit Gier, Furcht und Entsetzen, denn bei ihm werden die Worte, wenn er sie versteht, sofort zur unerschütterbaren Wahrheit. Es gibt kein Selberdenken, keinen eigenen Zweifel, auch keinen Trost – nur Ansagen an das Gewissen. Dass er das Buch dann allerdings zerreißt, ist wieder so eine dekorative Kraftmeieridee.

Bei anderen rutscht die Spielweise in Pathosathletik mit Zitterkrampf, Gebrüll, Erstarrung und Händeringen ab. In aller zynischen Verlässlichkeit finden bei Thalheimer das operettenhafte Posengegockel des amtierenden Bösewichts, das virtuose Auszappeln von Theatertoden und ein paar Ekeleffekte Anwendung. Ein bisschen schwankhaftes Volkstheater mit In-die-Hände-Spucken, Rotz-Abhusten und Schweiß-von-der-Stirn-Wischen gehören ebenso zum Programm. Abgebunden wird auch das 90-Minuten-Fabrikat aus der Thalheimer-Werkstatt mit dem üblichen Ein-Motiv-Soundtrack von Bert Wrede – volltönend raue Cello-Dissonanzen über grummelnden Synthie-Drones. Immer feste druff.

Was ist der Antrieb, so ein Stück auf die Bühne zu bringen? Weil der Titel zwei Reizbegriffe heutiger Debatten liefert? Kann das vom „Völkischen Beobachter“ als Blut-und-Boden-Stück gefeierte Drama als ideologiekritische Schreckensfolie hergenommen werden? Sollen unsere eingebrannten ideellen Werte inventarisiert werden? Ist es ein Ruf nach Luft und Licht von Aufklärung, Demokratie und Zivilisation? Oder im Gegenteil, soll vielleicht an die immerwährende existenzielle Gebundenheit des Menschen an seine Scholle und seinen Stamm gemahnt werden? Egal, Hauptsache schick. Und immerhin braucht es einem diesmal nicht um das Stück leid zu tun.

Berliner Ensemble:  13., 20. Dezember, 18., 24., 31. Januar. berliner-ensemble.de

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