Mal ratlos, mal froh: Szene aus „Tambora“.
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Mal ratlos, mal froh: Szene aus „Tambora“.

Tanztheater Mainz

Giuseppe Spota „Tambora“: Vor der Windmaschine

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Giuseppe Spotas Choreografie „Tambora“ in Mainz findet keine Bewegungssprache für ihr Endzeit-Thema.

Tambora oder auch Temboro heißt ein aktiver indonesischer Vulkan. 1815 brach er so heftig aus, dass Zehntausende Menschen starben und es sogar in Europa so abkühlte, dass 1816 „Jahr ohne Sommer“ genannt wurde. Eine Hungersnot folgte, das Vieh starb in ungewöhnlicher Zahl. Von der zerstörerischen Kraft des Vulkans ließ sich nun der Choreograf Giuseppe Spota zu einem Stück inspirieren, es entstand für das Große Haus des Mainzer Staatstheaters. Dort raucht, flackert und grollt es nun.

Spota kümmert sich üblicherweise selbst um die Bühne. Dunkel und gewaltig erhebt sich im Hintergrund bald nach Beginn schroffes Gestein. Auseinandergenommen sind es schwarze Schaumstoffplatten, sie werden von den Tänzern später vielfältig bewegt. Aber erst einmal könnte das auch ein fremder Planet sein. Stefanie Krimmels Kostüme – silberner Overall und rotes Halstuch für alle – lassen an etwas zwischen Pfadfinder und Astronaut denken. Eine ganze Weile macht eine einzelne Tänzerin pantomimische Gehbewegungen, dann öffnet sich der Boden und hilft sie vielen Ebenbildern hoch. Mit dem Rücken zum Publikum scheinen sie lange irgendwo hin zu streben, aber wohin?

Drei zeitgenössische Komponisten hat Spota ausgesucht, Anna Thorvaldsdottir, Bruno Moretti und Michael Gordon. Morettis „Finis Terrae“ ist eine Auftragskomposition. Überwiegend schroff und dräuend, druckvoll, breitformatig und unmelodiös kommen alle drei daher, unter der Leitung von Hermann Bäumer spart das Philharmonische Staatsorchester nicht an Verve. So verdichtet sich die Endzeit-Stimmung.

Freilich ist „Tambora“ nicht Giuseppe Spotas erstes Stück, dessen Atmosphäre zunächst beeindruckt, bis auffällt, dass die Bewegungssprache nicht gerade variantenreich ist, dass den Tänzerinnen und Tänzer außerdem viel vom Gleichen abverlangt wird, dass dieses Gleiche auch nicht viel mit dem Thema zu tun hat – überhaupt mit irgendeinem Thema. 70 Minuten dauert die Choreografie und diese gute Stunde wird einem lang.

Der Musik folgend hat „Tambora“ drei Teile. Beginnt mit 14 Neubesiedlern oder vielleicht auch Forschungsreisenden, die schreiten, sich an den Händen fassen und Ketten bilden, den anderen mitziehen, wieder mal im Boden verschwinden, wieder auftauchen. In Jubel brechen sie plötzlich aus, hüpfen wie nach bestandenem Examen. Sie stürzen auch ständig, aber sie fallen ja auf Schaumstoff. In einer Projektion im Hintergrund springen indessen hübsche nackte Menschlein ins Nichts.

Dann sind auch schon alle in Partykleidung, lächeln, posieren, spreizen sich in einer Windmaschine wie auf einer Modenschau. Eine Nackte steckt von der Hüfte abwärts im Schaumstoff, sie windet sich wie im Schmerz, die anderen schubsen ihre Arme schließlich von rechts nach links und links nach rechts. Immer wieder und völlig sinnfrei. Allerdings wird sie verträumt tanzen können, wenn zuletzt ihre Quälgeister auf jeweils eigener schwarzer Insel sitzen – oder vielmehr stürzen, aufstehen, stürzen, Gliedmaßen schleudern, wieder stürzen usw. Es ist eine Bewegungssprache, die seit Jahren schon für irgendwie dunkle und verzweifelte Stimmungen herhalten muss. Und sie fühlt sich an wie Kunsthandwerk.

Staatstheater Mainz:  15., 30. Dezember, 2., 8., 12., 17., 21. Januar. www.staatstheater-mainz.com

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