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Sabine Rennefanz (l.), Kathleen Morgeneyer.

Deutsches Theater

Ein Akt von Gewalt

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Dreißig Jahre später: „Die Geschichte hat uns wieder“, ein Leseabend im Deutschen Theater Berlin.

Erik würde sich sicher nie in den Saal des Deutschen Theaters Berlin verlaufen, wo am Sonntag die Saison mit dem kleinen, intensiven Abend „Die Geschichte hat uns wieder“ eröffnet wurde, bevor es am Freitag mit der Premiere von „Lear“ (Regie: Sebastian Hartmann) richtig losgeht.

Erik, ausgebildet an der Forstschule im sächsischen Morgenröthe, ist manchmal zehn Tage lang allein im Wald unterwegs. Er sitzt dann in der Kabine eines Holzvollernters: „Du greifst die Bäume wie Kaffeebecher.“ Erik hat sich, wie er sagt, politisch gebildet, und er leugnet den Holocaust. Er redet dieses Sächsisch, das von der Gemütlichkeit ins Harte, Kalte kippt. Das DT-Ensemblemitglied Kathleen Morgeneyer beherrscht diesen Zungenschlag, das ist erklärlich, schließlich ist Erik ihr Bruder. Kurz beißt sich der Gedanke beim Zuhörenden fest, ob man ihren Text nicht als Zeugenaussage verwenden und Erik anzeigen könnte.

Darin zeigt sich, wie schmerzbewusst, riskant und zweischneidig diese Lesung an diesem hohen Ort ist, der aber doch zumindest über Familienbande bis tief in sein Herz verbunden ist mit den kulturell Abgehängten im Erzgebirge, in Brandenburg, in Dresden oder in Eisenhüttenstadt – um die nämlich soll es gehen 30 Jahre nach dem Mauerfall.

Neben Morgeneyer sitzt die Berliner Journalistin und FR-Autorin Sabine Rennefanz, die mit ihren Büchern „Eisenkinder“ und „Die Mutter meiner Mutter“ das Thema anhand ihrer eigenen Biografie schon seit Jahren beackert und tapfer die damit eingehenden familiären Kollateralschäden in Kauf nimmt. Sie beschreibt unter anderem die „friedliche“ Beerdigung ihrer Großmutter, bei der sich die Gräben auftun und verhärtete Fronten zeigen, die durch ihre Familie laufen. Das Ende der DDR wirkte hier verheerend: Existenzängste, Kränkungen, Abservierungen und tiefer liegende Schichten nicht verarbeiteter Kriegs- und Nachkriegstraumata. Rennefanz zu ihrem Vater: „Friedlich, das war tatsächlich das Wort, das du benutzt hast um die Trauerfeier zu beschreiben. So friedlich wie der Kalten Krieg.“

Sie selbst war jung genug, um sich lösen zu können, zu reisen, zu studieren, zu reflektieren und um Schuldgefühle auf sich zu laden: „Was ist falsch mit mir, warum muss ich alles immer wieder an die Öffentlichkeit zerren? Warum kann ich all die Scham und Angst nicht begraben lassen? Warum kann ich nicht schweigen, wie die anderen auch? Warum kann ich mich nicht mit dem Unsagbaren abfinden?“

Auch Morgeneyer ist sich darüber bewusst, was sie ihrer Familie und sich selbst zumutet – und vielleicht zumuten muss: „Ich rede oft in Gedanken mit ihnen, nicht in Wirklichkeit, in Wirklichkeit habe ich Herzklopfen und Herzkrämpfe, wenn ich anfange, mit ihnen darüber zu reden. Und selbst das Reden fühlt sich schlecht an, als wäre auch das Reden ein Akt von Gewalt.“

Die Leistung des Abends, der beiden lesenden Frauen ist es, diesen scheinbar unlösbaren seelischen Konflikt und den Versuch seiner Heilung mit der Öffentlichkeit zu teilen. Bei den anschließenden Tischgesprächen, bei denen man mit ein paar Flaschen Weißwein über das Gehörte und selbst Erlebte sprechen kann, zeigt sich bei vielen Zuhörern, wie nah das Herz der Zunge kommt.

Termine

Deutsches Theater Berlin: 20. Oktober. www.deutschestheater.de

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