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Getanzte Trauer

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Von: Sylvia Staude

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Tänzertierchen tummeln sich in "Woodland".
Tänzertierchen tummeln sich in "Woodland". © Hibbard Nash Photography

Die Martha Graham Dance Company gastiert in Darmstadt, erinnert an ihre große Gründerin, erfreut auch mit Neuem.

Als älteste Tanzcompany der USA stellte sich die in New York beheimatete Martha Graham Dance Company im Staatstheater Darmstadt vor; eingeladen zum Gastspiel war sie vom Hessischen Staatsballett. Martha Graham (1894-1991) gründete 1926 eine eigene Schule, aus der das Ensemble hervorging. Da war die auch klassisch ausgebildete Tänzerin bereits auf dem besten Weg, einen charakteristischen Stil zu finden, der den Einfluss des O-Mensch-Expressionismus erkennen lässt, aber dank einer herben Eckigkeit, dank extrem klar in den Raum gestellter Linien doch auch 2018 noch modern und weitgehend frei von Pathos und Süßlichkeit wirkt.

Die Tänzerin als Skulptur

Am besten zu erkennen war das an einem Solo, dem von Anne Souder mit hinreißendem Ausdruck und Präzision getanzten „Ekstasis“ (1933). Die Choreografie arbeitet viel mit Hüft- und Schulterverschiebungen, die Bewegungssprache ist erotisch angereichert, aber auch kühl und beherrscht. Der Körper der Tänzerin erhält skulpturale Qualitäten. Das gilt ähnlich auch für „Errand Into the Maze“, ein Duo Martha Grahams, das die Minotaurus-Geschichte verarbeitet. Die (mittels eines Stocks im Nacken) für die Dauer des viertelstündigen Stückes erhobenen Arme des Tänzers sind die Hörner des Stiers, die Tänzerin legt sich zuletzt erfolgreich mit ihm an.

Jeder Schritt wirkt in Martha Grahams Choreografien wohlüberlegt, ausgemessen, die Werke haben einen fast zeremoniellen Charakter. In „Dark Meadow Suite“ formen die insgesamt zehn Tänzer ihre Hände gleichsam zu kleinen Dächern, halten sie, als wollten sie im Schattenspiel eine Ente auftreten lassen. Der Titel mag bukolisch klingen, die Anmutung der Ensembles ist eher die eines ägyptischen Frieses.

Tanzkompagnien, die jahrzehntelang von der künstlerischen Handschrift einer Person dominiert wurden, haben mehr oder weniger nur die Wahl, sich nach deren Tod aufzulösen (so geschehen bei der Merce Cunnigham Dance Company auf Wunsch des Choreografen) oder fürs Repertoire neue Werke erarbeiten zu lassen. Wie ein solcher Neuanfang offenbar spalten kann, das ist gerade beim ehemaligen Ensemble von Pina Bausch zu verfolgen.

Der Martha Graham Dance Company ist es unter der Leitung Janet Eilbers gelungen, die Werke der Modern-Dance-Ikone mit kongenialen, frischen Arbeiten anzureichern. Drei „Lamentation Variations“ von Bulareyaung Pagarlava, Aszure Barton und Larry Keigwin haben sich mit Grahams bildmächtigem „Lamentation“-Solo auseinandergesetzt. Die drei überzeugen mit unterschiedlichen Ansätzen, aber in allen Fällen geht es sichtbar um das Thema Trauer, wenn auch stilisiert.

Und Pontus Lidbergs den Gastspiel-Abend in Darmstadt beschließendes „Woodland“ bezirzt mit aparten Tierchen (Tänzern mit aparten Tiermasken), die möglicherweise von einer im Wald spazierenden jungen Frau nur herbeifantasiert werden. Märchenhaft kommt diese Choreografie daher, dies aber mit völlig unkitschiger Eleganz.

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