Theater

Von gestern

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Thomas Ostermeier inszeniert Ödön von Horváths „Italienische Nacht“ in der Berliner Schaubühne.

Im Bühnendunkel ist zuerst der Leuchtkasten des Gasthauses „Lehninger“ zu sehen, der Handlungsort von Ödön von Horváths „Die italienische Nacht“. Wir sitzen in einer Thomas-Ostermeier-Premiere im großen Saal der Schaubühne; das langsam einsickernde Licht, macht die Fassade des sich drehenden Hauses erkennbar, die bald in voller Härte die motivgebende Tristesse zeigt. Offenbar wurde ein gasundurchlässiger Kunstharzputz verwendet, Moos- und Rostflecken erscheinen auf der Außenhaut wie Ausschläge kranken Schweißes – sehr naturalistisch. Aber dann sieht man – in Höhe einer Jungfrau Maria-Statuette – eine schmale horizontale Auskragung, denkt noch, diese Banausen haben es nicht geschafft, Kabelschächte in den Unterputz zu stemmen, bevor klar wird, dass es sich um eine Kulissenleiste handelt. Festgespaxt mit Aluschrauben, die den Zuschauer gedanklich sofort zurück in den Saal holen.

Das hier (Bühne: Nina Wetzel) sieht zwar ein bisschen so aus wie die Welt da draußen, ist aber ehrliches altes Volksheater ohne doppelten Boden. So wird auch gespielt: Die Figuren sind mit der Gegenwart und Leiblichkeit ihrer von Ann Poppel originalgetreu kostümierten Spieler ausgestattet, lassen als solche im Gang der Handlung ordentlich aktualisierten Horváth-Text und echten Schweiß fließen, bleiben aber ungeniert zusammengeschraubte Klischees.

Das Stück stammt aus dem Jahr 1931. Der sozialdemokratische Stammtisch, pardon: Ortsverband will den geselligen Jahreshöhepunkt begehen, seine traditionelle „Italienische Nacht“. Leider marschieren gleichzeitig die Faschisten auf und begehen ihrerseits einen deutschen Tag in ebendem Stammlokal der geschäftstüchtigen Wirtin Josefine Lehninger (Traute Hoess). Einig ist sich die Linke gerade mal in ihrem Hass auf die korrupte Wirtin. Statt die Faschisten zu verkloppen, zerlegt man sich selbst: Hier die in trägem Demokratievertrauen eingeschlafenen Opportunisten, angeführt vom Stadtrat (Hans-Jochen Wagner), da die Radikalen, die sich hinter den übellaunigen, fanatischen Martin (Sebastian Schwarz) stellen. Das Ganze wird dramaturgisch unter moralisch-libidinösen Heckenbeschuss genommen, der den Kontrast der alten sozialdemokratischen und der jungen faschistischen Bewegung hinsichtlich von Potenz und Aggression symbolisiert. In Sachen Frauenverachtung nehmen sie sich nicht viel, die Inszenierung spielt es aus.

An diesem Punkt tut der satirische Abend mal kurz weh. Die brave Anna (Alina Stiegler), bewundert ihren Martin aus reinem Herzen und soll auf sein Geheiß mit den Faschisten flirten und deren Pläne ausspionieren. Es kommt, was kommen muss: Anna wird von einem hübschen Faschisten (Laurenz Laufenberg) erst ganz züchtig angebaggert, dann aber im angebauten Gasthausklo vergewaltigt. Man sieht es nicht, aber muss zuhören mit Blick auf die beschriebene Fassade.

Der Faschist schließt seine Hose, springt auf die Wirtshausbühne, grölt was von „Deutschland erwache!“ (angetrieben von einer dreiköpfigen Liveband, Musik: Nils Ostendorf), Neonazis tanzen Pogo, grüßen Hitler. Die Bühne macht eine Drehung, und auf einmal herrscht wieder Italienische Nacht im Saal: Dieselbe Band spielt nun Schlager wie Santa Maria, die Sozialdemokraten sind besoffen und können nicht tanzen, was sie aber nicht davon abhält. Die stumpfe Frohsinnsnacht endet in einer internen Schlägerei, während draußen die Faschisten in Stellung gehen.

Das Stück lässt sich verdächtig leicht der Gegenwart anpassen: Die antisemitischen Agitationen aus dem Original werden verbrämt, wie es heute Brauch ist. Finanzkapitalismus- und Globalisierungsverschwörungen sind leicht eingestrickt, die Neonazistatisten brüllen, was heute so gebrüllt wird. Aber sind wir damit tatsächlich im Heute angekommen? Stehen wir vor dem nächsten Zivilisationsbruch? Wäre es sinnvoll, die Faschos und vielleicht auch gleich die besorgten Wutspießer mit vereinten Kräften und ohne falsche Rücksichten noch rechtzeitig und gründlich durchzuprügeln?

Der Abend endet offen – vor der Rettung der feiernden Opportunisten durch die wehrbereiten linken Kräfte. Volksverräter!, wird draußen gebrüllt, und dann geht das Licht wieder aus. Dass das Theater keine Antwort gibt, muss man vielleicht hinnehmen. Das hier aber tut in seiner ästhetischen Selbstgerechtigkeit so, als hätte es gar keine Frage.

Schaubühne, Berlin: 26., 27. November, 23., 26., 31. Dezember. www.schaubuehne.de

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