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Es brennt! Michael Birnbaum, Lina Habicht, Anne Lebinsky, Tobias Lutze (v.l.). Karl und Monika Forster
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Es brennt! Michael Birnbaum, Lina Habicht, Anne Lebinsky, Tobias Lutze (v.l.). Karl und Monika Forster

Staatstheater Wiesbaden

„Gespenster“: Die Fähigkeit, sich abzuwenden

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Ibsens „Gespenster“ am Staatstheater Wiesbaden inszeniert von Johannes Lepper.

Henrik Ibsen machte in „Gespenster“ keinen Bogen um den Skandal, den das Stück in den damit völlig überforderten 1880er Jahren dann auch auslöste. Aber so arg die Schilderung substanzieller Verderbtheit in bürgerlichen Kreisen inklusive einer vom Vater an den Sohn weitergegebenen Syphilis sich darstellen mag – die Verlogenheit und die Härte vor und hinter den dramatischen Enthüllungen knüpft noch weit gruseliger an die Gegenwart an als das Schauerthema der vererbten Sünde.

In der Inszenierung von Johannes Lepper für das Staatstheater Wiesbaden ist das überzeugend in der Figur der Regine zu sehen, Lina Habicht, die durch die Geschichte schlenkert – von Sabine Wegmann dafür kokett und puppenhaft eingekleidet – und oft schläfrig wirkt, aber doch ihren Ehrgeiz hat. Den derben, aber irgendwie auch arglosen Vater, Uwe Kraus, den sie zumindest für ihren Vater halten muss, will sie loswerden, längst seinem Milieu entwachsen. Jetzt darf nichts schiefgehen, jetzt darf er sie nicht blamieren. Eine andere Welt, die der wohlsituierten Alvings, kann ihr offen stehen. Lina Habicht braucht keine ostentative Kälte dafür, den alten Mann abzuservieren, wie nachher den jungen, aber kranken Osvald, der ihre gesellschaftliche Hoffnung war. Ihre Entschlossenheit kommt auch ohne zur Schau getragenen Sozialdarwinismus aus. Sie ist bloß ein Mensch von heute, der sich abgrenzen und abwenden kann.

In unbehaglich karger Umgebung, für die Doreen Back zuständig war, eröffnet sich zuvor der düstere Blick auf eine verstörte Konstellation. Lepper legt keinen Wert darauf, dass die Fassade zunächst gewahrt bleibt. Herbstlaub ist längst in den mit dürftigen Pflänzchen versehenen Wintergarten geweht. Draußen – das passte am Dienstagabend ausgezeichnet – regnet es ohne Unterlass gegen die Scheiben.

Zu fast allem bereit

Drinnen dominiert ein pompöser, aber auch improvisiert erscheinender und nachher bloß glimmender Kronleuchter. Lina Habicht baumelt hier eine ganze Weile, sie ist bereit, den Affen zu machen, wenn es ihrer Sache dient und Osvald unterhält.

Das Drehen der Empfindungen nach außen probiert die Inszenierung auf verschiedene Arten durch. Es entstehen ausgelaugte, aber auch originelle Bilder dadurch. Anschaulich, aber nicht zwingend, wenn Mutter und Sohn Alving, Anne Lebinsky und Tobias Lutze, sich bei der großen Aussprache mit einem Rolltisch je nach Gemengelage hin- und zurückschieben. Oder wenn der Brand des soeben erst fertiggestellten Kinderasyls sich in einem theatralisch beleuchteten und opernhaft bewegten und tönenden Tableaux spiegelt. Ein Moment der nackten Heuchelei und des Betroffenheitspomps, was aber eher daran erinnert, dass Lepper eigentlich wenig Interesse daran zeigt, die Doppelbödigkeit einer Gesellschaft ernsthaft in Szene zu setzen. Dass das unentschlossen wirkt, passt freilich zu den Menschen in „Gespenster“, die bei aller Exaltiertheit menschlicher werden, indem die Fassade nicht nur bröckelt, sondern gar nicht erst zu sehen ist.

Und das kleine Ensemble bekommt Platz. Anne Lebinsky ist keine ältere Diva in einer Paraderolle des Sprechtheaters, ihre Frau Alving ist ein wunderliches Individuum, das den Kontakt zu seinem beherrschten bürgerlichen Selbst schon zu Beginn weitgehend verloren hat. Man mag sie mehr, als man sollte. Einmal tanzt sie ganz für sich einen ausgeflippten kleinen Tanz der Sehnsucht und Verzweiflung, wie man ihn nicht alle Tage sieht. Tobias Lutze als kranker Osvald findet sich routinierter in die offensichtliche Rolle des Menschen, der von Anfang an nichts mehr zu verlieren hat. Die Inszenierung nimmt sich nicht wirklich die Zeit, ihn näher kennenzulernen.

Jenseits der Alvings, zu denen auch Regine gehört, ohne es eingangs zu wissen, geht es behäbiger und klassischer zu. Michael Birnbaums Pastor Manders und Kraus’ Engstrand haben die Verdrängung perfektioniert. Die Wiesbadener „Gespenster“ erzählen vom Weitermachen. Es bleibt nur immer wieder einmal einer auf der Strecke.

Staatstheater Wiesbaden: 11. Juli. www.staatstheater-wiesbaden.de

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