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Kruna Savic als Marianne.

Theater

„Geschichten aus dem Wiener Wald“ in Mainz: Der Glanz und die Realität

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K.D. Schmidt zeigt Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in Mainz als schlüssiges Gruselvarieté.

Alle meine Stücke sind Tragödien, sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind“, hat Ödön von Horváth einmal über sein eigenes Werk gesagt. Und so hat Regisseur K.D. Schmidt für seine „Geschichten aus dem Wiener Wald“ entschieden, eine Art Gruselvarieté auf die Bühne des Mainzer Staatstheaters zu stellen. Ein Conférencier mit Frackoberteil und Pencilskirt führt durch den Abend, immer wieder erklingt Johann Strauß’ Walzer „Geschichten aus dem Wiener Wald“ aus den Lautsprechern.

Alle Figuren haben maskenhaft weiß geschminkte Gesichter mit roten Wangen und schwarzen Strichen als Augenbrauen. Und der Metzger Oskar, den die junge Marianne auf keinen Fall heiraten möchte, ist in dieser Inszenierung kein grobschlächtiger Brutalo, sondern ein hageres Männchen mit Sturmfrisur und extrem hochgezogenen Schultern.

Horváths modernes Volksstück über verunsicherte Kleinbürger in Wien zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise beginnt denn auch mit einem Jahrmarkt-Bild: Die Figuren stehen erwartungsfroh zwischen Karussellpferden, glänzenden Glückskugeln, einem Zeppelin und einem Miniaturhaus – bis all diese Attraktionen an Stangen in den Bühnenhimmel hochgefahren werden und die nackte Realität zurückbleibt: Marianne soll den Metzger Oskar heiraten, denn etwas essen müssen die Leute ja selbst in Krisenzeiten, sagt sich ihr Vater, der mit seiner Puppenklinik kein rechtes Geld mehr verdient.

Doch seine Tochter verliebt sich in den charmanten Halbstarken Alfred, der sich bis dahin von der reichen Trafikantenwitwe Valerie hat aushalten lassen. Von Marianne und dem gemeinsamen Kind hat er schon bald die Nase voll; ihr sozialer Abstieg kann beginnen.

Daniel Mutlu verleiht Alfred mit freiem Oberkörper, albern hochtoupierter Tolle und den stets selbstbewusst ins Hüftkorsett gestemmten Händen genau jene grausame Oberflächlichkeit, welche Horváth seinen verzweifelten Charakteren auf den Leib geschrieben hat. Eben noch säuselt er Marianne etwas von Seelenverwandtschaft vor, im nächsten Moment verrät er sie, um Geld von seiner Großmutter zu erhalten oder vor der Trafikantin Valerie niederzuknien und sie mit leeren Worthülsen um Vergebung zu bitten, doch erst, nachdem er für den Kniefall sein Stofftaschentuch auf dem Boden bereitgelegt hat.

Die Szenen sind so genau gearbeitet wie Maren Greinkes Bühnenbild mit wenigen ausgesuchten Mitteln große Vorstellungskraft erzeugt. Auf die Rückwand der ansonsten leeren Bühne werden unterschiedliche Fotos riesengroß projiziert, die als Kulisse dienen. Aufnahmen des Wiener Waldes, einer alten Fleischerei, vorüber ziehende Wolken, Nackttänzerinnen der zwanziger Jahre.

Die unglückseligen Figuren, die alle auf ein besseres Leben hoffen, spielen sich die Bälle zu. Simon Braunboeck überzeugt als faschistische, sich selbst kommandierende Anziehpuppe, Sebastian Brandes als irrer Philister Oskar, Denis Larisch als süffisanter Conférencier, dazwischen immer wieder Musik von Strauß.

K.D. Schmidt schafft in einer schlüssigen Inszenierung eine außergewöhnliche Bildsprache. Er setzt auf das Unheimliche, Komische des Stückes. Doch der bodenlosen Verzweiflung der Figuren, ihrer Ausweglosigkeit und Tragik gibt er zu wenig Raum. Dem demütigenden Auftritt der von Alfred verlassenen Marianne (Kruna Savic), die inzwischen als Nackttänzerin arbeitet, damit ihr Baby genug zu Essen hat, schenkt er nur wenige Sekunden. Und auch, wie sie sich am Ende in ihr scheinbar auswegsloses Schicksal fügen muss und all ihre Träume von einer besseren Welt zerplatzt sind, zeigt der Regisseur nur im Zeitraffer.

Termine

Staatstheater Mainz, Kleines Haus: 22., 27. September. www.staatstheater-mainz.com

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