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Eines von zahlreichen Deutschmonstern. 

Berlin

„Germania“ in der Volksbühne: Muskeln des Theaters

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Protzig, krachig, mit Musik: Der Müller-Abend „Germania“ von Claudia Bauer in der Volksbühne Berlin.

Am Donnerstag kam die dritte Großproduktion dieser Spielzeit an der Volksbühne heraus. Es war der dritte Zündungsversuch des von Klaus Dörr wieder auf die Schiene gesetzten Theaters mit Ensemble und Schauspieldirektion. Als Dörr im Sommer 2017 das innerhalb einer knappen Spielzeit von Chris Dercon zum Festspielhaus umgewidmete, leergespielte und trotz eines millionenschweren Übergangsetats heruntergewirtschaftete Haus übernahm, füllte er die Spielplanleere mit solidarischen Gastspielen und ersten Eigenproduktionen auf, die mit einer halben Million aus den noch von Frank Castorf hinterlassenen Rücklagen finanziert werden mussten.

Parallel muss Dörr sofort angefangen haben, auch die Spielzeit 2019/20 zu entwerfen, die erste, die er ohne Dercon-Vorplanungen umsetzen kann. Betriebsstrukturen und Stellenpläne mussten wieder aufgebaut werden, und vor allem mussten Künstler gefunden werden, die den nötigen schwindelfreien Mut und bretternden Ausdruckswillen mitbringen, um das noch immer mit der glorreichen Castorf-Ära identifizierten Theaters zu erobern.

Nun also – nach der „Odyssee“, einem durchgerührten psychoanalytischen Vater-Sohn-Konflikt-Salat von Schauspieldirektor Thorleifur Örn Arnarsson und nach Kay Voges’ kulturpessimistischer Digitalgesellschaftskritik „Don’t be evil“ – die dritte Packung: „Germania“, eine Heiner-Müller-Collage von Claudia Bauer. Nicht undelikat bei allem: Die Regisseurin und ihre beiden Kollegen waren zwischenzeitlich auch als Volksbühnen-Intendanten im Gespräch, während der Kultursenator Klaus Lederer ernsthaft eigentlich nur mit René Pollesch verhandelte, der das Haus im Herbst 2021 übernehmen wird.

Ein Mangel an Mut und Ausdruckswillen ist auch bei dieser dritten Regiearbeit nicht das Problem. Sondern – wie auch bei ihren beiden Vorgängern – ihre unaufgeräumte gedankliche und dramaturgische Kanalisation. Überkomplexe Zeichenpampe, die mit Schmackes und unter Aufbietung eines hochtourenden Theaterapparates – egal, ob irgendwer im Saal noch folgen will und kann – über die Rampe gekippt wird, das klingt doch eigentlich nach der Fortsetzung guter alter Castorf-Tradition.

Möglicherweise sind dessen vibrierenden Hervorbringungen dann aber doch luzider, böser, überraschender und dringlicher, vor allem aber fehlen die Schauspielerinnen und Schauspieler, die ihre eigene Künstlerschaft im Zenit des Rundhorizontes abfeuern, die nicht nur schreien, grinsen und grimassieren, sondern senden, und zwar von Herz zu Herz, mit allen Lüsten, Schmerzen, mit allem Klamauk der geschwisterlichen Verzweiflung, vereinigt mit dem Publikum auch im nervenzerfetzenden Widerstand gegen diesen Regisseur mit dem unerschöpflich blubbernden und sprudelnden Genie-Ego. Bitte nicht nachmachen!

Dass nun Heiner Müller gespielt wird, der erste und oberste unter den Hausgeistern der Castorf-Volksbühne, und dass das Ganze in einem zweistöckigen Leichtbaucontainer à la Bert Neumann stattfindet (Bühne: Andreas Auerbach), auf dessen Wellblechrückwand die allgemein bleibende Hysterie in Videogroßaufnahme mit den Augen rollt, reißt alle vernarbten Volksbühnen-Trennungswunden wieder auf.

Dabei ist es doch – in Zeiten des allerorten wiederaufkeimenden Nazi-Drecks im Jahr dreißig nach der Wiedervereinigung – keine schlechte Idee, die textlichen Hauptbestandteile des Abends zwei Müller-Stücken zu entnehmen, die sich mit den Abgründen der deutschen Seele beschäftigen: „Germania Tod in Berlin“ (1971), dessen erste Dialoge schon in den 1950ern entstanden sein sollen und das in der DDR verboten war, und „Germania 3. Gespenster am toten Mann“, das letzte, lang ersehnte Stück Müllers, das er in seinem Sterbejahr 1995 beendete. Beides Szenen-Bruchhalden, in denen dialektisch verbundene Deutschmonster schlachtdurchsuppte und utopieverkeimte Alptraumdialoge ausscheiden.

Alles in kalt entsetzter Gleichzeitigkeit: Hermannsschlacht, Nibelungen, Preußen, Stalingrader Kessel, Kriegsendegräuel, 17. Juni und Eigentumsrückübertragung nach der Wende zum Beispiel in Parchim, immer mit dabei die beiden Diktatoren und millionenfachen Massenmörder mit den markanten Schnurrbärten: Hitler und Stalin, braunrote Schicksalsdämmerung auf dem Abort, am Schluss hängt eben alles miteinander zusammen.

Claudia Bauer stürzt sich auf das von Müller kichernd eingeschriebene Kasper- und Clownstheater samt Verteilungsslapsticks und Pimmelwitzen – von Pathos keine Spur, worüber man allerdings auch erleichtert sein kann. Die durchnummerierten Spieler treten zuerst in Tüllkleidern, zuletzt in grünen Aufblaskostümen, dazwischen in allen möglichen illustrativen Verkleidungen auf (Kostüme: Patricia Talacko). Einander im Schnee von Stalingrad aufessende Totenkopfpuppen kommen hinzu. Ein ganzer Männerchor dekoriert erst in diskretem Bankfilialenoutfit, dann als Windspiel-Rudel das krachige Bühnengewusel. Und von dem Orchester samt dreier Sängerinnen und Schlagzeug, das da am Drehbühnenrand mit komplexen Kompositionen (Musik: Mark Scheibe) vom immer zähflüssigeren Geschehen und von den Müller’schen Blut-, Schlacht- und Todesbonmots ablenkt, war noch gar nicht die Rede.

Beim Schlussapplaus nach drei Stunden fasst die breite Volksbühnenrampe das spielende, singende und musizierende Personal bei weitem nicht. Erleichterung macht sich breit, und es gibt sogar punktuelle Begeisterung im Saale. Zumindest aus einem Grund ist sie wohl berechtigt: Die Volksbühne hat ihre Muskeln wieder. Sie steht und geht. Es wäre schön, wenn sie ihr Publikum mitnimmt.

Berliner Volksbühne: 19., 31. Oktober, 10., 16. November.

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