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Gerhard Polt: Wie die Leute daherreden

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Von: Stefan Michalzik

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Maresa Well, Maria Well, Michael Well, Gerhard Polt (v. l.).
Maresa Well, Maria Well, Michael Well, Gerhard Polt (v. l.). © Alte Oper / Salar Baygan

Der Kabarettist und Autor mit drei Wells in der Alten Oper.

Gerhard Polt ist längst in den Bestand der Klassiker des Humors deutscher Sprache eingegangen, in einer Reihe mit Karl Valentin, Helmut Qualtinger und Loriot. Humor in diesem Sinne, das ist etwas anderes als das, was gemeinhin als Kabarett gehandelt wird und sich auf das Reden und Handeln der Politik bezieht. Politisch ist der Humor Polts auf eine andere Weise, mit Tagesaktualitäten hat er in der Regel nichts zu tun.

Nun, knapp eine Woche nach seinem achtzigsten Geburtstag, stand Polt auf der Bühne der Frankfurter Alten Oper, zusammen mit drei Mitgliedern der Well-Familie. Die Art seines Humors ist natürlich vertraut, zum tatsächlich Tränen lachen erheiternd ist er immer wieder aufs Neue. Polts Figuren reden, wie die Leute daherreden, nur einen Tick weitergetrieben.

Prozess wegen Kuhglocken

Ein Herr aus Göttingen mit näselndem Hochdeutsch, der an den für ein reich-schnöseliges Klientel bekannten Tegernsee gezogen ist, hat sich als Erstes mit seiner Frau Trachtenjoppe und Dirndl gekauft. Zu seinen weiteren Integrationsbestrebungen gehören Prozesse wider die Belästigung durch Kuhglocken und den Röhricht am Seeufer – weil der ein Nest der lästigen Fliegen ist. Der Leiter der Gebietskrankenkasse Tirol echauffiert sich darüber, dass der ADAC die Krankenhausreifen von der Skipiste weg „wie die Geier“ nach Garmisch-Partenkirchen entführt. Sehr komisch auch der Hochwürden aus Indien mit seinem Englisch mit doppelt indisch-bayerischem Akzent, der angesichts leerer Kirchen Bayern rechristianisieren soll.

Die pointierte Einfachheit in der Raffinesse hat einen erheblichen Anteil an der Großartigkeit dieses soziologischen Humors. Der Sprache Polts ist ein enormes Maß an Musikalität eigen. Die Tonfälle, die Art, wie sich die Figuren in Rage um Kopf und Kragen reden, das erst macht das Eigentliche der Komik Polts aus.

Wie immer nicht minder unterhaltsam die Musiker. Von den Well-Brüdern aus’m Biermoos (vor der Umbesetzung hießen sie Biermösl Blosn) konnte bloß einer auftreten. Wie der Tuba-, Akkorden-, Drehtleier und Brummtopfspieler Michael Well erklärte, haben sich die beiden anderen Brüder gerade den Virus gefangen. So sind zwei andere aus dem weitverzweigten Musikerfamilienclan angereist. Maressa, Stofferls Tochter, spielt Violine, Maria, die Tochter Michaels, Cello; beide erneuern sie mit den nouWell cousines die Tradition der Familie. Die Musik des Ad-hoc-Ensembles an diesem Abend lässt sich als eine famose kammermusikalische Spielart der Stubenmusik charakterisieren.

Michael Well, zuweilen dialogischer Stichwortgeber für Gerhard Polt, gibt mit einer Irish-Dance-Einlage in der Zugabe applausträchtig den Michael Flatley. In die seit den frühen Tagen der gemeinsamen Auftritte mit Polt obligaten Schmähverse auf Politiker hat er Feldmann eingearbeitet, den Frankfurter Oberbürgermeister, der gut „auf die Wohlfahrt seiner Familie“ geachtet habe.

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