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Selfie-König Ai Weiwei, hier mit US-Botschafter John Emerson (rechts) und seiner Frau Kimberly bei der Berlinale-Eröffnung.
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Selfie-König Ai Weiwei, hier mit US-Botschafter John Emerson (rechts) und seiner Frau Kimberly bei der Berlinale-Eröffnung.

Ai Weiwei

Wer genau wird hier (nicht) beleidigt?

Ai Weiwei streckt vor der Berliner Volksbühne seinen Finger aus. Was aber will er uns damit sagen?

Von Ulrich Seidler

Uns erreicht ein Bild von einem Stinkefinger vor der Berliner Volksbühne. Sattes Schwarz-Weiß, Wolken am Himmel, Ausrufezeichen an den Seitenportalen, in Frakturschrift „Pause“ im Anzeigenkasten und davor, mittig, besagter Finger.

Nein, das ist wohl kein Selfie des Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner oder von Henry Hübchen, sondern eines von dem großen chinesischen gesellschaftskritischen Selfie-Künstler Ai Weiwei. Das über Instagram verbreitete Bild steht natürlich für sich, aber es gehört auch in die Serie „Study of Perspective“. Der Künstler hat seinen Mittelfinger bereits vor dem Deutschen Reichstag, dem Tor des Himmlischen Friedens (mit Mao-Antlitz) oder dem Eiffelturm (ein kleines Phallus-Symbol-Battle) gereckt.

Der apolitische Titel soll die vermeintlich unmissverständliche Geste im Handumdrehen wieder aushöhlen. Was wiederum ein politischer Akt ist: Ein dialektischer Fingerzeig, bei dem die Deutungsrichtungen kurzgeschlossen werden, schnell auf Touren kommen und beredt verpuffend durchbrennen.

Nochmal einen Schritt zurück: Es ist Ai Weiweis Finger. Und er streckt ihn (angeblich nicht) aus, um jemanden zu beleidigen. Fragt sich, wessen Ehre genau er da (nicht) verletzen möchte. Die des Hauses selbst? Kann ein Haus, selbst ein von Arbeitern finanziertes, eine Ehre haben? Hm.

Vielleicht geht es Ai darum, jene Teile der Belegschaft (nicht) zu beleidigen, die an den derzeitigen Museumsleiter und zukünftigen Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon einen, wie in Kunstkreisen missbilligt wurde, unhöflichen (beleidigenden?) Brief geschrieben haben? Oder ist es der Theatergeist als solcher, der hier von einem bildenden Künstler (nicht) herausgefordert wird?

Wie reagiert das Zottelvieh?

Und wie wird das alte Zottelvieh darauf reagieren? Wird es zulassen, dass das Bild des fingerverzierten Theaters als Kunstwerk im Museum hängt? Während der Museumsmann Chris Dercon die Volksbühne unter seine Fittiche nimmt?

Dieses dialektisch-reflexive Spiel spielt der Bußgeldkatalog für Beleidigungen im Straßenverkehr übrigens nicht mit. Eine verbale Beleidigung, etwa „Arschloch“ wird mit 1500 Euro geahndet. Besonders schlaue Verkehrsteilnehmer, die die Beleidigung in den Konjunktiv verpacken: „Am liebsten würde ich jetzt Arschloch zu dir sagen!“, zahlen noch einmal 100 Euro drauf.

Für das Zeigen des Stinkefingers werden sogar 4000 Euro fällig – und wir wissen nicht, ob das Zeigen des Stinkefingers sozusagen im mehrdeutig ausgehöhlten konjunktiven Rahmen eines Kunstwerks nicht sogar eine besonders würzige Note bekommt.

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