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Sie haben ihn auf die Schultern gestelllt. Und dann?

Tanz in Kassel

Sie gehen die Wände hoch

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Johannes Wielands dreiteiliger, bei aller Nacktheit strenger „Rite of Spring“-Abend im Kasseler Opernhaus.

Seit dem furiosen Strawinsky-Nijinsky-Doppelschlag, der Geburt des „Sacre du printemps“ im Mai 1913, hat fast jeder Choreograf mit einigem Ehrgeiz eine „Sacre“-Fassung und -interpretation vorgelegt. Herausragend Pina Bauschs Torf-Schlacht bis zur völligen Erschöpfung, auch Marie Chouinards bizarre, pralle Frühlingsexplosion. Nun hat Kasels Tanzchef Johannes Wieland – die Originalmusik Strawinskys ist keineswegs abendfüllend – einen dreiteiligen „The Rite of Spring“-Abend choreografiert. Im ersten Teil erklingt nach einer stillen Weile Bachs Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll, im zweiten flüstern György Ligetis „Ramifications“, eine Musik fein wie Spinnweben, nach der Pause folgt dann das eigentliche „Sacre“. Es spielt das Staatsorchester Kassel unter der Leitung von Alexander Hannemann.

Es scheint Johannes Wieland um die Darstellung einer zunehmenden Entgrenzung, aber auch das Thema der Ausgrenzung zu gehen – des Fremden oder auch nur als fremd Empfundenen. Intendant Thomas Bockelmann höchstselbst spricht in jedem Teil (melancholisch am Rand neben oder hinter den Tänzern hockend) einen kleinen, unaufdringlichen Text, in dem es zum Beispiel um Ordnung, Kontrolle, Chaos oder den „Melaninanteil in unserer Haut“ geht. Der sehr dunkelhäutige Shafiki Sseggayi ist im dritten Teil (fast) der Einzige, der seinen Anzug anbehält und sich auch kaum einmal tanzend einreiht – kühl (oder vielleicht ist er ja auch nur vorsichtig) schaut er auf die Nackedeis. Wenn sie ihn auf die Schulter heben, beziehungsweise stellen, lässt er das geschehen.

Karg und ziemlich spektakulär ist das Bühnenbild Momme Röhrbeins, das sich vom schmalen hohen Schacht, in dem die Tänzer sich vertikal fast mehr bewegen als horizontal, etwas weitet, bis die grauen und graubraunen Blöcke zuletzt eine Mauer bilden quer über die Bühne. Im Publikum fallen die Wörter Trump und Mexiko, als der Vorhang aufgeht, so hoch will aber wohl nicht einmal der US-Präsident bauen. Dass aber jetzt nur auf dem vorderen Teil der Bühne getanzt wird, dass die Tänzer bald nackt und wie sie ausgeleuchtet sind (Licht: Dirk Thorbrügge), das lässt sie immer wieder wie ein steinernes Fries wirken. Und wie fast immer, wenn Darsteller nackt auftreten, spielt diese Tatsache bald keine so große Rolle mehr.

Wieland, bereits seit der Spielzeit 2006/07 Tanzdirektor in Kassel, ist Vertreter eines Tanztheaters, das in der Bewegung einen Ausdruck für menschliche Befindlichkeiten sucht. Seine Tänzerinnen und Tänzer – ein feines Ensemble übrigens – sind immer auch schauspielernd und in ihrer Emotionalität gefordert.

„Rite of Spring“ zeigt sie zunächst als gegen die Wände Anrennende, sie Abtastende, Hochgehende, aber sie scheinen nicht verzweifelt nach einem Ausgang zu suchen – es gibt ja auch einen: Hinten gleiten immer mal wieder Tänzer seitlich weg oder kommen neue hinzu, als könnten sie durch die Wand gehen. Sehr sportlich und raffiniert ist es, wenn seitlich angebrachte Haltegriffe ins Spiel kommen, die überwiegend in schwarze Anzüge gekleideten Tänzer (Kostüme: Angelika Rieck) sich turnend schichten.

Dann wird der Raum ein Stück erweitert, entspricht der Zartheit der Musik eine Reduzierung der Personen: Weniger artistisch, doch mimisch und gestisch weiterhin expressiv treiben die Tänzer nun durch den Raum, erscheinen manchmal zögernd-ziellos, manchmal verträumt, manchmal verirrt. Keine Frühlingsgefühle vorerst.

Und dann also das eigentliche „Sacre du printemps“, ein laufendes, hüpfendes, sich zusammenballendes und auseinandertreibendes Bild aus Körpern. Nur für Momente formieren sich Ensembles, ein ziemliches Chaos ist ausgebrochen, aber wie eine beherzte Orgie wirkt das nun auch nicht gerade. Zwar brechen die Akteure manchmal in Lachen aus, aber richtig froh klingt es nicht. Vielmehr sind diese Menschlein Getriebene, von ihren Gefühlen Beherrschte und Irritierte – fast möchte man sagen, dass Es mit ihnen tanzt, was auch immer Es sein mag.

Eine große, verblüffend eigenwillige Neuinterpretation ist Wielands „Rite of Spring“ nicht geworden, aber in ihrer relativ strikten Formalität und Verweigerung der ursprünglichen Opfer-Geschichte ein doch wiederum anderer, frischer Entwurf. Und das Staatstheater bietet im Opernhaus viele überzeugende Kräfte dafür auf.

Staatstheater Kassel: 14., 20. Mai, 6., 9., 16., 24. Juni. www.staatstheater-kassel.de

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