Alte Oper

Gegen das Böse stimmen

  • schließen

Grandiose Sängerinnen aus Süditalien in der Alten Oper Frankfurt: die Geschwister Politi und das Trio Assurd.

Starke Frauen aus Süditalien? Aber ja, denn das Patriarchat gebiert neben Ergebung auch entflammten Widerstand, und wo Mafia-Gefahr ist, wächst Rettungsaktivismus gerade auch. So beim palermitanischen Trio Politi, das mit engagierten Bänkeltönen dem Übel auch auf Straßen und Plätzen zu Hause anklagend begegnet und nun, unter dem Etikett „Weltmusik“, seine lustvoll-kämpferische Kunst im Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt zu Gehör brachte.

Durchaus als Kunst also. Aber doch eine aus besonderen, vielfältigen Zusammenhängen. Einmal in der eher nostalgisch-resignativen Perspektive eines versunkenen, von Forschereifer mühsam erinnerten und in musealem Erhaltungszustand konservierten „Kulturguts“. Zum andern, und das ist spannender, als ein noch mobilisierbares „Volksvermögen“, das sich für kritischen und aufmüpfigen Einspruch „von unten“ einsetzen lässt: Frauen gegen Männergewalt, die Stimm- und Machtlosen gegen die Mächtigen. In Palermo oder Neapel sind, anders als in Hessen, traditionelle volksmusikalische Intonationen noch nicht völlig aus dem Alltagsleben verschwunden.

Und von Stimmlosigkeit kann bei den Geschwistern Matilde und Gabriele Politi (der Name wirkt angesichts ihrer öffentlichen Präsenz wie ein Pseudonym) und ihrer Partnerin Simona di Gregorio schon gar nicht die Rede sein: diese eine zierliche Gestalt mit flirrendem, leicht schnarrendem Timbre; Matilde Politi mit umwerfend mächtiger Emission; Bruder Gabriele unterfüttert alles mit feinen, lebhaften Geigenschnörkeln. Lied- und Tanzformen wachsen bei ihnen quasi natürlich aus simulierten Straßenauftritten, Marktgeschrei oder anderen alltäglichen Gegebenheiten hervor und gehen wieder in sie über.

Als zweites Team kam dann das Frauentrio Assurd aus Neapel auf die Bühne, ebenfalls multiple Persönlichkeiten mit Akkordeon, Tamburin und populären Geräuschinstrumenten, vor allem aber machtvollen, mitunter gar in maskuline Register hineindröhnenden Stimmen. Witzig jonglieren sie mit polyglott sprach(un)fähigen Ansagen und vermitteln die Souveränität alterfahrener Unterhaltungs-Löwinnen. Auf ihre Weise entwickeln auch sie eine temporeiche, steigerungssichere Virtuosität, nicht zuletzt in einem A-cappella-Terzett ohne Mikrophone an der Rampe – genaues Aufeinanderhören und sorgfältig abgestimmte Intonation als Kehrseite der oft unbefangen plärrenden Selbstdarstellung.

Außer Kulturgut und alltagspolitischer Wehrhaftigkeit vermittelten die süditalienischen Animationen noch etwas Drittes: den unwiderstehlichen Appell zum Mitmachen. Natürlich fanden sich Palermo und Neapel als Sextett auf der Bühne zu gemeinsamer Improvisation zusammen, aber nach und nach wurde auch das Publikum zum Mitklatschen und -tanzen motiviert. Musik als Symbol oder Illusion sozialer Bindungskräfte. Oder ganz schlicht als kollektives abendliches Gesundbad.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion