Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Schreckliches Kind: Nancy Gustafson als Salome.
+
Schreckliches Kind: Nancy Gustafson als Salome.

Teatro Nacional de Sao Carlos

Gefährliches Kinderspiel

Karoline Gruber verlegt Richard Strauss' "Salome" in Lissabon auf einen Spielplatz: Es ist offenbar schwer, außerhalb der Hochburgen der Strauss-Pflege, einen Mindeststandard zu sichern. Von Joachim Lange

Von JOACHIM LANGE

Christoph Dammann hat es an der Kölner Oper nicht leicht gehabt, aber ganz einfach ist es in Lissabon, an der westlichen Peripherie von Opern-Europa, wohl auch nicht. Im schönen alten Teatro Nacional de Sao Carlos stemmt er im Stagione-Verfahren einen Nibelungen-Ring, holt verdauliches Regietheater wie Loys "Faust" aus Frankfurt, hat Konwitschnys Leipziger "Bohème" einstudieren lassen und jetzt eine "Salome" mit dem japanischen Biwaki Theater koproduziert. Dass er die in Österreich geborene Regisseurin Karoline Gruber für den Strauss-Einakter engagiert hat, spricht für einen gewissen Deutungsmut vor den Erwartungsthronen.

Gruber liefert denn auch keine übliche Variante einer von der Fin- de-Siècle-Schwüle aufgeladenen Geschichte über die Liebe, die so bitter schmeckt, weil die gefährliche Kindfrau nur den abgeschlagenen Kopf des Jochanaan küssen kann. Sie versucht vor allem, der dahinter liegenden Geschichte von Obsessionen und Verdrängungen näher zu kommen, die einer Figurenkonstellation die Orientierung geben, bei der weder sexuelle Erfüllung, noch ein gemeinsames Leben denkbar sind.

Es gibt eine berührende Szene, in der jeder, halb traumverloren, auf den weist, den er eigentlich begehrt. Der Page auf Narraboth, der auf Salome, die wiederum auf Jochanaan und der auf den Pagen. Ein Ringelreihn der Unmöglichkeiten. Was schon dadurch im Momenthaften bleibt, dass Salome hier sowohl Narraboth als auch den Pagen mit dem Messer ersticht. Für dieses schreckliche Kind bedarf es dann schon der Verdoppelung. Dem mörderischen Mädchen mit der rosa Strickjacke über der weißen Bluse und den blonden Zöpfen, das Nancy Gustafson überzeugend spielt, ist ein kindliches Double beigegeben: Auch die Schlimmste war mal ein unschuldiges Kind, das höchstens mal seiner Puppe den Kopf abreißt. Wenn aber Salome das tut, dann ist das eine Ankündigung und hat blutige Folgen.

Dieser Versuch, dem Warum nachzuspüren, kulminiert in einem verblüffend gegen den Strich gebürsteten Tanz. Die Bühne von Hermann Feuchter zeigt einen Spielplatz mit Sandkasten, Schaukel, Klettergerüst und mit Fenstern, die zwischen archaischen Waben und simpler Platte changieren. Die Spur, die der verdächtig sich dort herumdrückende Mann in legt, mündet nicht in einem entsprechend illustrierenden Tanz vorm lüsternen Stiefvater, sondern in einer naiven Heile-Welt-und-Intakte-Familie-Fantasie. Da ist der halbseidene, sich auch schon mal mit Dessous behängende Herodes plötzlich der liebevolle Papi und liebestolle Herodias die treusorgende Mami. Da gibt es für ein glückliches Kind eine Geburtstagstorte und gemeinsames ausgelassenes Spielen. Bis dieser Verschleierungs-Traum plötzlich, geradezu kafkaesk umschlägt und insektenartige Alptraumwesen aus dem Fenster schauen und über Salome herfallen.

Diese assoziativ-diagnostischen Ansätze haben allerdings auch ihren Preis. Denn ihr diskursiver Gehalt kollidiert dann doch mit der aufgebrochenen inneren Stringenz, zu der diese Geschichte auf dem Spielplatz der kaputten Welt von heute nicht zu finden vermag, wie sie es zwischen den archaischen Mauern des Palastes immerhin kann.

Wenn hier eine bunt dekadente Truppe am Sandkasten auftaucht, wirkt das zwar verstörend fürs Kind, erklärt sich aber auch für den Erwachsenen nicht von selbst. Oder wenn Jochanaan erst wie ein blutender Penner einfach so kommt und geht und dann der unbekannte Spielplatzbeobachter dessen Kopf in der Schubkarre anfährt, ist das in der Logik der Binnengeschichte, in die alles verpackt ist, nicht zwingend.

Problematischer freilich als die offenen Fragen, die ein origineller Zugang oft mit sich bringt, ist die musikalische Seite der Produktion. Es ist offenbar schwer, etwas außerhalb der Hochburgen der Strauss-Pflege, einen Mindeststandard zu sichern.

Julia Jones jedenfalls gelang das mit dem oft unpräzisen Orquestra Sinfónia Portuguesa nur bedingt. Sie ließ es einfach krachen, so dass selbst die Vehemenz, mit der sich Jason Howard für seinen Jochanaan ins Zeug legte oder mit der Nancy Gustafson ihr überzeugendes Spiel auch stimmlich zu beglaubigen versuchte, nur von Teilerfolgen gekrönt war. Dem normalen Standard hielt Carlos Guilherme hoch, und der Tetrarch hat immerhin das letzte Wort.

Teatro Nacional de Sao Carlos, 1., 27., 29. April, 20 Uhr, www.saocarlos.pt

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare