Pina Bausch 1990.
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Pina Bausch 1990.

Tanztheater

Zum 80. Geburtstag von Pina Bausch: Eine Form für die Wahrheit

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Pina Bausch, die Choreografin, die das Tanztheater erfand, wäre am Montag 80 Jahre alt geworden.

Ich bin ja in der glücklichen Lage, meine Stücke nicht analysieren zu müssen. Ich muss sie nur machen.“ Die Interviewpartnerin Philippine „Pina“ Bausch war gefürchtet für ihre langen Sprechpausen, denen schmale Sätze folgten. Aber sie hatte ja recht, es war nicht ihre Aufgabe zu erklären, was da seit Mitte der 70er Jahre in Wuppertal geschah, sie brachte es nur auf die Bühne: Unerwartetes, Unerhörtes, Überw��ltigendes. Skandalöses, wie mancher Zuschauer fand? Die Tanzkunst krempelte sie jedenfalls um, das Theater veränderte sie wie nebenbei mit. Pina Bausch, 33, als sie die Leitung des Balletts der Wuppertaler Bühnen übernahm, wusste, was sie wollte: eine Form für die Wahrheit finden. Dafür, was der Körper in Bewegung – auch mit Hilfe von Sprache – vom Menschen erzählen kann. Berühmt ist ihr Ausspruch: „Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt.“

Da hat sie, die am heutigen Montag 80 würde, sich getäuscht, denn lauten müsste der Satz: „Mich interessiert, wie die Menschen sich bewegen und was sie bewegt.“ Denn sie kümmerte sich doch auch um jeden Armschwung, jede Fuß- und Fingerstellung, jede Bewegungsnuance, bis ihr Gefühl, ihr „Bauch“ (ja, sie sprach vom Bauch, und warum auch nicht) ihr sagte, dass es so richtig sei. Und es stimmt nicht, dass in ihrem Tanztheater die Choreografie zurücktrat hinter die kuriosen, melancholischen, poetischen, aus dem Leben gegriffenen kleinen Spielszenen. Diese wären in all den Bausch-Stücken weniger als die Hälfte gewesen, hätte nicht dazwischen der Tanz immer wieder Deutungsräume weit geöffnet. Ihr feingestimmtes Ensemble wurde nicht umsonst minutiös und bis in die Zehenspitzen trainiert, sollten Tänzerinnen und Tänzer doch durch die Ausdruckskraft ihrer Körper zum Kern des Menschen und seiner Gefühle führen. Ein falscher Ton kann auch getanzt werden.

Pina Bausch - schöpferische Mitbestimmung der Tänzer

Was sie zum Zweck der größeren Lauterkeit in der Kunst abschaffte: den Tänzer als Befehlsempfänger. Gewiss, auch die schöpferische Mitbestimmung mag in den 70ern in der Luft gelegen haben, aber indem sie mit Fragen an ihre Tänzerinnen und Tänzer arbeitete, sie nicht nur zu Improvisationen, sondern auch zu Wahrhaftigkeit herausforderte, brachte sie nicht nur ihre eigenen Beobachtungen und ihre eigene Lebens-Erfahrung in die Stücke ein.

Freilich behielt sie sich, siehe „Bauch“, das letzte Wort immer vor. Streng sortierte sie aus dem Erarbeiteten aus. Und sortierte dann noch mehr aus. Authentizität war gut und schön, auch eine gewisse Verspieltheit und Versponnenheit, aber Geschwätzigkeit gehörte nicht auf Pina Bauschs Bühne. Viele ihrer Stücke sind nicht gerade kurz, aber sie fühlen sich nicht lang an.

Pina Bausch tanzt im Juli 1995 in Avignon in „Cafe Müller“.

Es ist kaum überraschend, dass Philippine Bausch (schon die eine Gastwirtschaft mit Hotel führenden Eltern riefen sie Pina), es zuerst nicht leicht hatte in Wuppertal. Türenschlagen und vernichtende Kritiken. Aber relativ schnell drehte sich das Blatt, endgültig wohl Ende 1975 mit einem dreiteiligen „Frühlingsopfer“-Abend, dessen dritter Teil zur Musik Strawinskys und getanzt auf einer Schicht Torfmull (die Ausstattung besorgte Bauschs früh verstorbener Lebensgefährte Rolf Borzik), bald herausgelöst wurde.

Dem „Sacre“ folgten zwar in ihrem Werk keine durchchoreografierten Tanzstücke mehr, das heißt, das Theater gesellte sich fortan zum Tanz und wich nicht mehr von seiner Seite, aber eines der berühmtesten Stücke Pina Bauschs blieb doch diese kraft- und ausdrucksvolle „Frühlingsopfer“-Version. Wim Wenders ließ 2009, nach Pina Bauschs Tod, 3D-Kameras zwischen die Tänzerinnen und Tänzer schlüpfen für seinen Film „Pina – tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“ (er ist bis 14. September in der ARD-Mediathek zu sehen, zögern Sie nicht).

Pina Bausch wurde in späten Stücken lyrischer

Seit der ersten Begegnung mit ihrem Werk soll Wenders hingerissen gewesen sein. Und wie auch nicht. Pina Bauschs Stücke öffnen die Augen und öffnen das Herz.

Und was sie alles nebeneinander packt, und es muss so sein, es fühlt sich richtig an. In „Nelken“ (1982/83) zum Beispiel die Liebe und die Sehnsucht nach dem Geliebtwerden, die Unschuld und ihre Bedrohung. Ein Feld aus dicht gesteckten künstlichen Nelken, durch das die Tänzerinnen und Tänzer heiter wie Häschen hüpfen, während auf einem Steg über ihnen Männer mit (echten) Schäferhunden patrouillieren. Ein Paar, das sich mit Spielzeugschäufelchen Erde auf den Kopf schaufelt. Ein Tänzer, der den Song „The Man I Love“ mit Gebärdensprache begleitet. Ein Tänzer, der seinen Pass vorzeigen, die Hose ausziehen und den Hund mimen soll. Dafür tritt Amor neckisch und gut gelaunt im Lurexkleidchen auf.

Nebenbei: Wie viele Tanzschöpfer, aber auch wie viele Theatermacher haben sich bei ihr die Episodenstruktur abgeguckt. Die beiläufigen Auftritte und Abgänge. Sogar den vom Darsteller selbst hineingetragenen Stuhl. Die starken Frauen vielleicht sogar, die keinen Prinzen brauchten, die die Zähne und ihre Verletzlichkeit zeigten. Sie können gemein sein, die Frauen bei Pina Bausch. Sie können einfach hinreißend sein.

In ihren späten Stücken wurde Pina Bausch milder, lyrischer, ließ pure Schönheit und helle Farben zu, oder das Wasser dunkel glänzen und den Mond darüber zaubrisch scheinen. Ließ auch die Waagschale sich zugunsten des Tanzes senken. Jede Tänzerin bekam ihr, jeder Tänzer sein Solo, darauf konnte man sich verlassen; und die Verlässlichkeit war ein Versprechen, dass bestimmt noch diese und dieser eine weitere Bewegungsfarbe auftragen würden. Denn obwohl die Choreografie immer Pina Bauschs elegant-intrikate, ihre feinziselierte Handschrift trug, so ließ sie doch Raum für Individualität. Stets prägte man sich auch die Neuen im Ensemble schnell ein, und das lag daran, dass sie so viel von sich gaben und so viel geben durften.

Längst sind natürlich die Tänzerinnen und Tänzer, die noch mit Pina Bausch arbeiteten, ausgewechselt, längst bemüht sich, bestimmt aus Überzeugung, ein neues, jüngeres Ensemble um das Repertoire. Dieses wird sich, zwangsläufig, verändern durch die anderen Persönlichkeiten, anderen Körper.

Elf Jahre nach Pina Bauschs Tod sind ihre Stücke in der ganzen Welt noch nachgefragt, Gastspiele begehrt, also wird man nach Corona wieder touren. Doch in Wuppertal haben die Verantwortlichen einen Neuanfang vermasselt, eine künstlerische Leitung, Adolphe Binder, herausgeekelt. So gibt es nun keinen kräftigen Impuls, das Tanztheater Wuppertal auf zwei Beinen stehen zu lassen: dem Erbe der großen Pina Bausch, aber auch neuen Stücken, die ihr Werk als Inspiration nehmen.

Ein lange geplantes Pina-Bausch-Zentrum könnte, heißt es inzwischen, 2027 mit neuem, sparsameren Konzept eröffnen. Sparsam, das ist freilich ein trauriges Wort in Zusammenhang mit der in ihrer Kunst einst so großzügigen, so hinreißend eigenwilligen Pina Bausch.

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