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Nein, diese Frau wird nicht machen, was ihr Vater sagt: Lisetta, Elizabeth Sutphen.

Bockenheimer Depot

„La gazzetta“ in Frankfurt: Jetzt rasch eine Zeitung

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Die wunderschöne Rossini-Rarität „La gazzetta“ mit der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depotternburg

Wie soll man einer Oper widerstehen, die das Wort Zeitung im Titel trägt? Beachten Sie in diesem Zusammenhang die ausführliche Szene, die sich der Aufregung, Vorfreude, ja, Gier beim Eintreffen der aktuellen Ausgaben am Kiosk widmet.

Gioachino Rossinis „La gazzetta“, 1816 in Neapel uraufgeführt, ist zwischen „Otello“ zur Spielzeiteröffnung und „Bianca e Falliero“ im April das zweite von drei Werken, mit denen die Oper Frankfurt in dieser Saison feiert, was ungerechterweise in den Schatten des „Barbiers“ oder der „Cenerentola“ geriet. „La gazzetta“ (drei Monate älter als „Otello“ und drei Jahre älter als „Bianca e Falliero“) ist das Leichtgewicht darunter und das Bockenheimer Depot der ideale Ort dafür.

Regisseurin Caterina Panti Liberovici und Bühnenbildner Sergio Mariotti passten sich ihm zudem charmant an, Hauptschauplatz ist ein meist in nächtliche Blautöne getauchter Bahnhof: Die Bühne setzt die Architektur des einstmaligen Straßenbahndepots mit eleganten Stahlsäulen und -trägern fort. Auch die rollenden (und grollenden) Zwischenwände sind massiv und funktional.

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot: 4., 6., 8., 10., 12., 14., 16. Februar. www.oper-frankfurt.de

Dezent vermittelt das die Zukunft von einst, und auch wenn die Idee, die Geschichte in die 1920er Jahre zu verlegen, vor allem eine Deko-Entscheidung ist, so ist sie doch klug. Die Regie kann damit die Volkstümlichkeit dieses ziemlich buffonesken „Dramma per musica“ beiseitelassen und ihm eine bekömmliche Schlankheit und kühle Frische geben. Dazu passt, dass Panti Liberovici und Raphaela Rose (Kostüme) den „alla turca“-Appeal der Verkleidungspossen und des nachher vorgesehenen Maskenballs ignorieren beziehungsweise allein seine Sinnfälligkeit mitverwenden: Ein Mummenschanz gibt Gelegenheit, sich gehen zu lassen, und dazu taugt auch der elegante Operettenmaskenball-Chic.

Die Figuren haben in dieser Umgebung die Chance, die stereotypen Bezirke der bräsigen Väter, motzigen Töchter, entrüsteten Liebhaber und reingelegten Alten zu verlassen. Ferner zeigt sich, dass Rossinis Musik auch mit Blick auf Modetänze der Zwanziger tauglich ist (Choreografie: David Laera).

Vom Ensemble ist Beweglichkeit in jeder Hinsicht gefordert und wird in Perfektion geboten. Die trefflichste Entscheidung dabei dürfte die Besetzung des Don Pomponio mit Sebastian Geyer sein, einem drahtigen, wendigen, generell unpompösen und sogar ziemlich sympathischen Bariton. Er singt rasant und bietet das realistische Gegenbild zu dem eitlen Einfaltspinsel, für den man Don Pomponio gemeinhin halten muss: einen neureichen Neapolitaner, der im Original auch Neapolitanisch sprach, dies offenbar ein Hinderungsgrund für häufigere Aufführungen – heute hat er wie alle einen italienischen Text. In Paris will er kurzum seine liebreizende Tochter per Annonce meistbietend verheiraten.

Dadurch entsteht ein Wirrwarr, in dem zunächst gleich vier junge Menschen unglücklich sind, bis mit der Pracht & Macht der italienischen Oper ad hoc sich alles zum Guten wendet: Elizabeth Sutphen ist die lieblich singende sowie zwitschernde Lisetta (die Tochter des Don). Ihr Sopran ergänzt sich mit dem eine Nuance abgedunkelteren von Angela Vallone als Doralice zum himmlischen Duett – und zum frechen, modebewussten Engelstrio, wenn noch der nuancenreiche Mezzo von Nina Tarandek als rührige Madama La Rose dazukommt.

Matthew Swensen ist der zur Schlaffheit neigende Privatier Alberto, den sein Tenor aber doch zur Lichtgestalt macht (Doralice ist begeistert). Mikolaj Trabka mit beinahe überdimensioniertem Bariton gestaltet den Hotelier Filippo als windigen Beau (Lisetta hat sich längst verliebt). Panti Liberovici streut an dieser Stelle eine kleine Gangstergeschichte ein. Cool waren sie, aber auch dunkel, die goldenen Zwanziger, wie „Babylon Berlin“-Zuschauerinnen wissen.

Dazu virtuose Rossini-Nummern. Das Publikum wird sich nicht daran stören, dass ihm einiges bekannt vorkommen dürfte. Im Programmheft kann man nachlesen, wo sich der gestresste Komponist im eigenen Werk bediente – oder es später tat, um wieder etwas anderes fertigzubekommen. Es ist ein besonderer, auch irritierender Reiz, dass es sich nicht um simple Übernahmen, sondern um Variationen handelt. Andere Instrumentalisierungen, andere Verläufe, es ist, als würde „La Cenerentola“, „Il barbiere“ oder „Il turco in Italia“ herüber- und vorüberwehen. Unter den „Originalpassagen“, die sich in keiner Weise verstecken müssen, ist, wie Dirigent Simone Di Felice erklärt, ein echter Missing Link, das erst 2012 wiedergefundene Quintett im ersten Akt.

Diese fein gebaute, temporeiche und von Di Felice auch flott durchgezogene Musik fordert höchste Konzentration. Immer wieder in der Premiere scheint das filigrane Bauwerk schier auseinanderzufliegen. Es passiert aber nichts Schlimmes und ist Zeugnis der Lebendigkeit auf und vor der Bühne, wo das Orchester (mit dem Dirigenten selbst am Hammerflügel) platziert ist.

Panti Liberovici und Raphaela Rose (Kostüme) spielen aber nicht bloß geschmackvolle Verkleidungsspiele in Schwarzweißfilmtönen mit goldenem Glamour. Sie geben Lisetta und Doralice auch eine Emanzipationsgeschichte mit, die sich in modischen Typveränderungen spiegelt. An dieser Stelle muss man nicht nur aufpassen, dass man das Bühnenpersonal immer auseinanderhalten kann. Es ist auch eine Entscheidung für den Reiz der Oberfläche und gegen eine subtilere Ausnutzung der erheblichen schauspielerischen Fähigkeiten der Sängerinnen und Sänger. Effektvoll aber die Bilder, in die sich auch ein vielfältiger, individualisierter Miniaturchor nahtlos einpasst. Zweifellos wären hier noch viele andere Geschichten zu erzählen.

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