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Frankfurtam Main, 24.03.2020

Theater

Ganz schön viel Theater

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Jetzt aber schnell eine Woche Sprechbühnen-Streaming

Es ist nicht dasselbe, aber auch die Sprechbühnen tun, was sie können. Alle Welt verfolgt darum längst die Lyrik- und Home-Office-Videos des Schauspiels Frankfurt, wo zum Beispiel Peter Schröder auf und neben einem Fahrrad Thomas Bernhards Geschichte „Ein Kind“ vorträgt. Die perfekte Anregung für alle, die denken, nur heute und bei ihnen gäbe es Einsamkeit & Verzweiflung. Jetzt aber wollen wir ein paar Inszenierungen sehen.

Am heutigen Freitag  ist Gelegenheit, in Antú Romero Nunez’ eigentlich dreiteiliges „Ode an die Freiheit“-Schiller-Projekt am Thalia Theater Hamburg auf www.thalia-theater.de  einzusteigen. Die Proben gerieten bereits in die Coronakrise hinein, als klar war, dass das nichts mehr werden konnte, planten die Beteiligten mithilfe des Filmemachers Martin Prinoth direkt eine digitale Variante. „Maria Stuart“, das vor wenigen Tagen Online-Premiere hatte, ist am heutigen 3. April noch einmal zu sehen. Am Samstag  folgt ebenfalls um 19 Uhr die Online-Premiere von „Wilhelm Tell“. Der dritte Teil, „Kabale und Liebe“, wurde nicht mehr fertig.

Wem die Filme zu wenig Theater sind, der findet Alternativen. Unter www.schaubuehne.de  gibt es ebenfalls am heutigen Freitag  Lars Eidinger als Shakespeares „Richard III.“ in der 2015er-Inszenierung von Thomas Ostermeier (18.30 Uhr). Das ist nun ausreichend theatralisch, und der glühende Eidinger wird sich auch auf dem Bildschirm prächtig machen. Die Berliner Schaubühne, wir werden darauf zurückkommen, lanciert das vielleicht krasseste Online-Programm: jeden Tag eine Vorstellung, abwechselnd aus den Tiefen des Schaubühnen-Fundus und aktuelle Stücke.

Ebenfalls am Samstag  gibt es eine Nunez-Alternative auf nachtkritik.de, den Stream zu Witold Gombrowicz’ „Operette“ vom Staatstheater Kassel in der Inszenierung von Philipp Rosendahl, ein noch taufrischer Abend. Wer ihn verpasst hat – man war ja damals jeden Abend unterwegs –, hat jetzt eine einmalige Nachholgelegenheit. Das nachtkritik.de-Digital-Programm: sensationell. Die Seite – auf Theaterkritiken spezialisiert, aber da ist momentan nicht viel zu tun – bietet täglich von 18 bis 24 Uhr einen anderen Stream an, Preziosen darunter.

Am Sonntag  besser nicht versäumen: Stefan Puchers „King Lear“ an den Münchner Kammerspielen, die gegenwärtig in der „Kammer 4“ einiges los machen. Die Inszenierungsstreams via www.muenchner-kammerspiele.de  sind auch hier nur ein Teil des flotten Video-Programms. Wechsel ist täglich um 18 Uhr. „King Lear“ eröffnete im vergangenen September die Spielzeit, der FR-Kritiker schrieb zur „wahnsinnig umjubelten Vorstellung“ unter anderem den wiederholenswerten Satz: „Thomas Schmauser und Samouil Stoyanov sind als Lear und Graf von Kent respektive der Narr das irrste, intensivste und einprägsamste Männerpärchen seit Starsky und Hutch.“

Am Montag  ist endlich Zeit, sich der „Parallelwelt“ zuzuwenden, die schon seit dem heutigen Freitag für eine Woche im Programm des Berliner Ensembles unter www.berliner-ensemble.de  und des Theaters Dortmund unter www.theateredo.de  ist. Kay Voges, Experte für filmisches Theater, lieferte hier eine immens aufwendige Simultanaufführung aus beiden Häusern mit Split-Screen und weiterem Pipapo. Was davon im Ohrensessel ankommt – wer weiß. Das Berliner Ensemble wechselt immer freitags das Programm und zeigt dann eine Inszenierung eine Woche lang. Auch hier gibt es viel Zusatzstoff, darunter Diskussionen, die das Niveau der Selbstgespräche daheim etwas heben können. In Dortmund geht es gleichfalls munter zu. Viele bisher gezeigte Stücke bleiben vorerst weiter im Angebot. Eine Fundgrube.

Finsteres Theater-Theater bietet sich dann erst recht für den Dienstag  an. Auch das Schauspiel Köln, schauspiel.koeln  , zeigt unter dem Motto „Dramazon Prime“ neben Lockdown-Podcasts aus dem Ensemble wöchentlich eine andere Inszenierung, vom 3. (18 Uhr) bis 9. April Georg Büchners „Woyzeck“ in der konzentrierten, sparsamen Inszenierung der Schwedin Therese Willstedt.

Von Mittwoch bis Freitag,  8. bis 10. April, schließt sich der Kreis und wird es unter www.schaubuehne.de  noch klassischer, mit der „Orestie des Aischylos“ von Peter Stein von 1980. Als damalige Fernsehaufzeichnung für das ZDF: Es waren andere Zeiten, auch wenn einen Unlust überkommt, im tollen Wechselspiel des Schaubühnen-Online-Ersatzspielplans das Gestern gegen das Heute auszuspielen.

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