Theater

Der Gärtner beißt ins Gras

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Pedro Calderón de la Barcas „Das Leben ein Traum“, geradeaus und leichtfüßig in Mainz.

Der sprichwörtlich gewordene Titel „Das Leben ein Traum“ faltet sich sinnig und dunkel-heiter auf in der Mainzer Inszenierung von Pedro Calderón de la Barcas Stück für Fürsten und alle anderen auch. Wenn das Leben ein Traum ist, zwingt die Fragilität dieser Existenz logischerweise zur Vorsicht. Wenn das Leben ein Traum ist, verbietet sich übles Betragen auch dem gegenwärtig (im Traum) Mächtigen, denn wer weiß, was danach kommt. Wenn das Leben ein Traum ist, sollte der Träumende die Traumzeit nutzen, um dann wenigstens sanft zu erwachen. Unwiderstehlich auch die Konstellation, die der Spanier vor gut 380 Jahren wählte, denn der König und Hobbyastrologe, der den unter schlechten Sternen geborenen Sohn wegsperrte, um Schlimmes zu verhindern, schoss wie einst Laios die Kugel nach hinten ab. Der allmächtige Vater hat Kind und Lage falsch eingeschätzt, interessant.

Regisseur K. D. Schmidt bewegt sich leichten Fußes im reichhaltigen Getümmel, findet in seiner 105-Minuten-Fassung des Versdramas Raum für Späßchen am Rande, nimmt aber die existenzielle Bodenlosigkeit, der Prinz Sigismund und letztlich alle Figuren auf der Bühne ausgesetzt sind, ernst. Als der Vorhang sich am Ende schließt, sind sie aus ihrem Taumel immer noch nicht herausgekommen. Als der Vorhang sich öffnet – der erste, denn wenn das Leben ein Traum ist, weiß man nie, wo was beginnt und endet, die Bühne, die Welt –, wird man im Kleinen Haus des Staatstheaters unversehens hineingeschleudert in die öde Welt des gefangenen Sigismund, die Ambitionen der schlappen, aber selbstbewussten Jugend am Hofe und die Nöte der hier besonders shakespearisch wirkenden Neuankömmlinge. Valentin Köhlers Bühne, mit Baumversteck für den Prinzen und Büchertribüne für den belesenen und doch unklugen König ausgestattet, konzentriert sich darauf, den Schauspielern freie Bahn zu geben. Ebenso die Kostüme von Lucia Vonrhein: angestaubter Barock-Chic.

Alles entwickelt sich jetzt aber aus dem Spiel und aus der Sprache selbst, wobei Schmidt das Artifizielle zum Natürlichen, das Fundamentale zum schnellen Scherz, die Bagatelle zum Alles-oder-Nichts gesellt. Daniel Mutlus unglücklicher, intelligenter und sich nicht mit der Ausstellung seiner Kasparhauserhaftigkeit aufhaltender Sigismund lässt uns jederzeit an seinen Gedanken teilhaben, ein Mann, für den es permanent um die Existenz geht – analog zur strengen, dramatischen Rosaura, Kruna Savic mit bloß so einem Hauch von Ironie, die als Verlassene eintrifft, um sich am Verflossenen zu rächen.

Mark Ortel ist das und zusammen mit Gesa Geue als Thronaspiranten-Pärchen die grandios personifizierte Blasiertheit. Ihnen beim Tanzen zuzuschauen: eine Freude (dazu eine effektvolle Barockmusikschlaufe). Die Alten, Armin Dillenberger als König und Martin Herrmann als glänzend ambivalenter Wächter und Lehrer Sigismunds, können von Glück reden, dass es glimpflich ausgeht.

Die Tür zu uns und eine weitere Variante des Titels – das Leben ein Schauspiel – stellt Vincent Doddema als Rosauras Diener Clarin dar, immer ein Blick fürs Publikum, ein postdramatischer Abstand zur Handlung, ein Kalauer, mal schwächer, mal besser, mal fabelhaft. Ein alter Trick, so eine Type, hier aber taufrisch.

Staatstheater Mainz: 22., 26. Oktober.
www.staatstheater-mainz.com

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