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Perfekte Hinhaltetaktik: Paula Murrihy in der Titelpartie.

Oper Frankfurt

Gabriel Fauré: Personen-Konstellationen oberster Klasse

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Wie Odysseus umschiffen sie alle Klippen der Versuchung: Gabriel Faurés einzige Oper zeigt sich in Frankfurt in szenisch und musikalisch glänzender Verfassung.

Eines der ersten hohen Paare der abendländischen Kultur sind Odysseus und Penelope, Herrscher von Ithaka, die nach 20-jähriger Trennung durch den Trojanischen Krieg wieder zusammenkommen. Der Mann – zehn Jahre kämpfend vor Troja und danach zehn Jahre auf Irrfahrt zurück in die Heimat. Die Frau derweil mit dem Sohn gemeinsam den Königshof haltend. Der eine allen Versuchungen von Sirenen oder Kirke widerstehend. Die andere den adeligen Freiern der umliegenden Länder die Stirn bietend, die sich im Palast mit Heiratsabsichten gegenüber der als Witwe geltenden Königin breitgemacht und ihn ausgeplündert haben. Ein Ehepaar getrennt an zwei Fronten und nicht kleinzukriegen. Listenreich genug, um sich gegen die Bedrängung zu wehren, sind sie beide: Ausreden und Hinhalten, das ist ihre Taktik.

Odysseus in der Rolle des Bettlers

Gabriel Fauré (1845-1924), der Komponist eher kleinerer Formen im Spannungsfeld von Impressionismus und wagnerischer Klang-Hegemonie, hat sich für seine einzige Oper „Pénélope“ die „Odyssee“ gewählt und seiner reduzierenden Gestaltung unterzogen. Es geht, im Libretto René Fauchois’, lediglich um das finale Wiedersehen der beiden so lange getrennten Eheleute, wie es Homer in den Gesängen 18 bis 24 seines Werks beschrieben hat. Eine moderne Verknappung und Konzentration: die Oper umfasst die letzten zwei Tage am Hof von Ithaka, wobei im Libretto noch die Figur des Prinzen Telemachos gestrichen ist.

Penelopes Widerstand wird gespeist von der Hoffnung auf die Wiederkunft ihres Gatten: eine Hoffnung und ein Warten gegen alle Vernunft, aber offensichtlich Haltung gebend. Verbunden mit hinhaltender List – ständig webt sie am Totenhemd des Schwiegervaters Laërtes, jede Nacht löst sie das Geschaffene wieder auf, um einer Neuvermählung auszuweichen. Der zurückkehrende Odysseus in der Rolle des Bettlers täuscht alle, um sein Rachewerk und die Befreiung von Gattin und Hof organisieren zu können.

Grandiose Darstellung durch Corinna Tetzel

Wie die Geschichte ausgeht, weiß ein jeder, und so ist die eigentliche Bedeutung des „poème lyrique“ Faurés weniger in einem dramatischen Plot zu erkennen, der den Irrfahrten des Helden die Krone aufsetzt, als in der feinsinnigen Situationsbeschreibung am Hof. Die Interaktion der herumlungernden Freier mit ihren hedonistischen und strategischen Ambitionen, die völlig verschlossene Königin, der königliche Kriegsheimkehrer inkognito sowie die alte, treue Gefolgschaft der Amme und des Hirtenvolks.

Eine Art zweistündige Momentaufnahme in einer Atmosphäre, die aus reich getönten Klangbildungen einer eher langsamen Gangart mit akkordischen Vagheiten und einigen markanten Leitmotiven besteht. Ein ständiges Verweben und wieder Auflösen musikalischer Textur, die durchaus eingängig, aber nicht süffig oder grell, dabei weich und anschmiegsam ist. Ein musikalisches Gewebe gleich jenem, an dem Penelope sich festhält. Eine Penelope-Musik also, in der ihr eigenes klangliches Monogramm die Umkehrung des Odysseus’schen ist, das sich wiederum aus einem diffusen Bereich bis zu einem markanten Quintsprung steigern kann. Öfters muss man an Debussys Oper „Pelléas et Mélisande“ denken, aber auch an die gleichnamige Bühnenmusik, die Fauré selber bereits 1898 schrieb: schwermütig, sanft lastend, wenig Helle und Aussicht gewährend.

Ersetzung des finalen Massaker-Schwerts

In Frankfurt hatte das bedeutende Werk von 1913 jetzt, 17 Jahre nach seiner deutschen Erstaufführung in Chemnitz, Premiere in einer grandiosen Darstellung durch Corinna Tetzel, die dem knappen, auf den Kern reduzierten Ansatz Faurés völlig gerecht wird. Ein begehbares Dach eines größeren Gebäudes ist der treffliche Spielort (Bühne: Rifail Ajdarpasic). Hier versammeln sich die in zeitgenössischem Business-Dress gekleideten Freier mit ihrem weiblichen Escort-Anhang in safrangelber Wellness-Dienstkleidung.

 Die Königin ebenfalls ganz geschäftsmäßig im Business-Look, unter dem sie das Totenhemd ihres hinhaltenden Wartens trägt. Ausdruck ihrer Verschlossenheit, aber auch ihrer Selbstbewahrung. Einmal wird sie, als sie von ihren Hoffnungen spricht, sich ein Ballkleid umwinden, das dann wie ein größeres Totenhemd wirkt (Kostüme: Raphaela Rose).

Corinna Tetzel hat in der Bebilderung, gleich einem regielichen Odysseus, alle Klippen der Versuchung tagesaktuellen Mitläufertums souverän umschifft. Nichts lenkt von der Musik ab. Die Video-Zusätze Bibi Abels haben stimmungshaften, raum- und zeitfokussierenden Charakter. Ein kunstgewerbliches Arrangement aus leeren Weinflaschen, in denen weiße Rosen stecken – die der junge Hirte im 2. Akt teils durch Pfeile seines Köchers (Amor und Rache) ersetzt – ist nicht weiter störendes Ornament.

Balance zwischen Außenseiter und Insider

Schiefe Assoziationen legt die Ersetzung des finalen Massaker-Schwerts durch ein Messer nahe. Dafür gelingen Personen-Konstellationen oberster Klasse. Der Augenblick im schon beginnenden Kampfgetümmel, als die Eheleute sich erkennen und nahekommen, ist in Verbindung mit der kurz aufrauschenden Musik schlichtweg überwältigend. Dass Tempofragen nicht allein solche der Musik, sondern auch der Personenführung sind – hier wird’s Ereignis. Und der Mut, Sänger minutenlang nicht zu bewegen und sie damit aus dem Korsett aktivistischer Scheinhaftigkeit zu entlassen, war dem Beharrungsvermögen der Titelpartie ebenbürtig.

Lesen Sie hier die Besprechung zu  Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ am Schauspiel Frankfurt.

Die wurde von Paula Murrihy perfekt in der Ambivalenz verhaltener Verschlossenheit gegeben: mit weicher, aber nicht zu runder Mittellage und nicht zu mächtiger Höhe. Zu großer Form lief der Tenor Eric Laporte auf, der auch in der Interaktion die Balance zwischen Außenseiter und Insider von Macht und List zu wahren wusste. Tadellos das Freier- und Mägde-Ensemble sowie der alte Hirte und die Amme von Božidar Smiljanic und Joanna Motulewicz.

Transparenz und eine nicht zu bedeckte, eher hell timbrierte Darstellung waren Kennzeichen der musikalischen Leitung Joana Mallwitz’. Die schwebende bis schwimmende, jedenfalls changierende Dimension des Fauré-Klangs trat nicht zu sehr in den Vordergrund. Chor und Orchester wirkten bestens präpariert.

Oper Frankfurt:6., 11., 15. Dezember, 11., 17., 23. Januar. www.oper-frankfurt.de

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