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"Wie beliebt war der Bühnenbildner in den Werkstätten? Da muss man genau hinhören", sagt Bernd Loebe.

"Für die nächsten 70 Jahre"

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Der Frankfurter Opernintendant Bernd Loebe im Interview über Innen- und Außenwirkungen bei der Arbeit, Spielpläne, die nicht einlullen, und einen Bühnenneubau als realitätsnahe Variante.

Herr Loebe, Sie blättern hier in den Spielplänen seit Beginn Ihrer Intendanz 2002/2003. Was hat sich verändert? Hat sich was verändert?
Erstaunlich wenig. Ich glaube, ich bin mir über all die Jahre sehr treu geblieben. Ich glaube auch, dass diese Berechenbarkeit, die ein Publikum natürlich auch nicht einlullen sollte, von den Zuschauern erkannt und geschätzt wird: Der Typ steht für was. Deswegen haben wir so einen kontinuierlichen Zuspruch. Man könnte jetzt kritisch hinzufügen, da fehlt ein Überraschungsmoment. Mal schauen, wir werden die Spielpläne der nächsten Jahre daraufhin überprüfen.

Haben Sie noch Stücke aus Ihrer Anfangszeit im laufenden und kommenden Spielplan?
Aber ja. „Die Frau ohne Schatten“, auch „Die Entführung aus dem Serail“ ist ein Klassiker bei uns und kommt in der nächsten Spielzeit wieder. „La Cenerentola“ ist noch im Angebot. „Die Zauberflöte“ wurde bereits vor meiner Zeit hier herausgebracht, ich wollte sie eigentlich nach einem Jahr ermorden, habe dann aber meine eigene Meinung zurückgenommen, weil ich gesehen habe, wie sehr sie in Frankfurt geliebt wird. Auch der „Werther“ ist noch da.

Sie haben sich zurückgenommen?
Nein (lacht), ich habe noch immer einen Stachel in mir und Lust, zu verführen und zu überraschen. Es ist inzwischen nicht mehr ganz so schwer, wobei es nie richtig schwer war. Wir spüren die Sympathie des Publikums, das uns sehr trägt. Das ist schon ein Faustpfand, dass man in der Stadt, meiner Heimatstadt, gemocht wird. Das gibt ein Gefühl von zuhause.

Der Regisseur der Frankfurter „Tosca“, Andreas Kriegenburg, sagt, er könne nur mit Darstellern zusammenarbeiten, die das, was auf der Bühne passiert, begriffen haben. Müssen Sie als Intendant alles verstehen, was auf der Bühne passiert?
Ich möchte schon möglichst viel verstehen, aber ich habe kein Problem mit Geheimnissen, die bleiben, oder mit Situationen, die mehrfach interpretierbar sind. Es wäre Volkshochschule, wenn der Regisseur im Programmheft erklären wollte, wie ein Requisit zu verstehen ist. Das Theater bezieht sein Mysterium auch aus dem Unverständnis sowie aus der Kombination mit der Musik. Dadurch kommt dann eine Emotion dazu, die uns an guten Abenden dem Schauspiel überlegen macht.

Reden Sie viel mit einem Regisseur vor dessen Engagement? Wollen Sie viel wissen oder sind Sie eher der Intendantentyp, der sich sagt, der Regisseur soll mal machen?
Regisseure lassen sich selten früh in die Karten schauen. Zunächst ist es oft so, dass ich Regisseuren ganz konkret Werke vorschlage. Es ist nicht so, dass ich frage: Was willst du gern machen? Selbst wenn ich von Regisseuren an anderen Häusern Inszenierungen gesehen habe, die mir überhaupt nicht gut gefallen haben, zählt für mich nur die Frage, was er hier in Frankfurt macht. Es gehört eine Nase dazu zu spüren, welcher Regisseur zu welchem Stück passt. Unter unseren Arbeitsbedingungen sind Regisseure oft einen Tick besser als anderswo. Ich weiß nicht genau, worauf das zurückzuführen ist, vielleicht liegt das am Ethos in diesem Haus, dass man besonders gut sein will. Und dass man bis zur Premiere malocht und nie aufgibt.

Ist das eher eine Leistung der Dramaturgie, weil Sie selbst nicht zu viel mitreden?
Es ist eine Leistung des ganzen Hauses. Der eine Dramaturg schaltet sich dominanter ein, der andere eher aus dem Hintergrund, jeder authentisch. Ich schalte mich bei Bauproben und Modellpräsentationen schon ein, wenn ich das Gefühl habe, da geht etwas in die falsche Richtung.

Wie früh ist das dann?
Ein Jahr vorher. Das ist der Zeitpunkt, wo man noch eingreifen kann. Danach wird das Bühnenbild gebaut. Natürlich kommt auch während der Proben schon mal ein Dramaturg zu mir und sagt, komm mal vorbei, du musst mal mit dem reden. Es gibt zu den Regisseuren, die an diesem Haus arbeiten, ein großes Vertrauensverhältnis, die erwarten sogar von mir, dass ich mich äußere. Bei den neuen muss man ein solches Vertrauensverhältnis natürlich erst aufbauen und das Gefühl vermitteln, ich halte euch den Rücken frei. Wenn der Eindruck entstünde, ich wollte ständig kontrollieren oder überwachen, spräche sich das sofort herum, so dass es hieße, das ist ein Haus, an dem muss man nicht arbeiten.

Spielen, was man immer wieder aus Schauspielhäusern hört, krasse Kriseninterventionen eine Rolle? Weil etwa der Regisseur auf den letzten Metern die Nerven verliert. Oder verläuft das in der Oper wegen der Musik in festeren Bahnen?
Ich glaube, es verläuft in festeren Bahnen, weil das Gerüst der Musik die Menschen von vorneherein vernünftiger macht. Aber natürlich kommt es wiederum vor, dass ein Dirigent mit einem Sänger nicht einverstanden ist. Es gibt also genügend Brandherde. Aber es gibt auch genügend Möglichkeiten, sie zu löschen. Ich wünsche mir eigentlich immer eine Produktion in Harmonie. Ich weiß, das eine in Disharmonie auch mal ein Wahnsinnswerk werden kann, aber vielleicht nur einmal im Jahr. Jede Produktion hat eine Außenwirkung, aber auch eine Innenwirkung, für die der Intendant verantwortlich ist. Wie beliebt war der Bühnenbildner in den Werkstätten? Da muss man genau hinhören.

Verunsicherte Sänger sind wahrscheinlich viel riskanter als verunsicherte Schauspieler, weil Sänger vermutlich nicht mehr singen können.
Ja. Aber unsere Sänger werden hier sehr getragen. Sie bekommen das Gefühl, dass wir sie mögen. Gastierende Sänger kommen manchmal mit einem gewissen Dünkel hierher. Vor allem Italiener, die sich daran festhalten, dass ihr Land die Oper erfunden habe, während die Opernhäuser dort heute am Boden liegen, glauben, sie müssten das Klischee des Sängers bedienen.

Immer noch...
… das ist eine Art von Selbstschutz, doch dann merken sie, dass sie das hier nicht brauchen, weil das an diesem Haus vollkommen unüblich ist. Man muss hier nicht Diva sein, man muss sich hier nicht ängstigen. Wenn man das merkt, marschiert man mit den anderen mit. Das Klischee von der Diva gibt es noch, aber nur noch in Maßen.

Was Sie jetzt sehr höflich umschrieben haben, heißt: Sänger sind in den letzten Jahren sehr viel reflektierter und intelligenter geworden.
Ja. Es gehört mehr dazu als nur eine schöne Stimme. Auch deswegen haben wir in den letzten Jahren ein sehr enges Band zu den Amerikanern geknüpft, zur Juilliard School in New York. Die haben, im Vergleich zu Spanien und Italien, in ihrer Ausbildung schon sehr viel Szenisches.

Tut sich zunehmend eine Kluft auf zwischen der reinen Musikliebhaberei unter vielen Zuhörern und den modernen Inszenierungen?
Es gibt nicht das eine Publikum. Es gibt ein Eventpublikum, das in die „Tosca“ kommt. Und es gibt ein völlig anderes, das Honeggers „Jeanne d’Arc“ besucht. Es ist gut, wenn alle zu ihrem Recht kommen. Ich möchte nicht belehrend sein, dass ich mir ein Publikum erzwinge, wo ich mir sage: Ich habe das erzogen. Ich wünsche mir schon ein aufgeklärtes Publikum, das auch mitmarschiert bei Uraufführungen und bei anspruchsvolleren Abenden, aber es hat auch ein Recht darauf, für ein paar Stunden entführt zu werden.

Wie oft müssen Sie „La Bohème“ geben, um froh eine „Jeanne d’Arc“ machen zu können? Der Intendant macht eine Mischkalkulation?
Es stimmt schon, mit „Jeanne d’Arc“ haben wir vielleicht eine Auslastung von 75 Prozent, und die fehlenden zehn Prozent zum Schnitt holen wir dann locker mit der „Tosca“ rein. Ja, eine Mischkalkulation, ich bin schließlich auch Geschäftsführer. Ich bin froh, dass ich seit 2002 nicht einmal zur Stadt gehen musste, um zu sagen: Ich bin nicht mit dem Geld ausgekommen.

Es geht Ihnen immer wieder um Repertoireauffrischung. Wenn Sie „La Traviata“ rausnehmen, dann nehmen Sie den „Troubadour“ rein. Der wird’s dann schon reißen.
Der muss es reißen, der muss es reißen! 

Der muss es dann auch in den nächsten Jahren tun.
Ja. Wobei wir unser Verdi-Repertoire ein wenig verändert haben. Ich würde sehr leiden, wenn ich jeden Abend dieselben Titel hören müsste.

In der kommenden Spielzeit hat Bellinis „Norma“ Premiere, seine „Schlafwandlerin“ kommt wieder ins Programm. Ist eigentlich Belcanto wieder im Kommen?
Ich weiß nicht, sehen Sie das so?

Ja.
Ich empfinde es jetzt nicht so, dass das en vogue wäre. Es gibt Wellenbewegungen, bei denen Opern verschwinden und wieder auftauchen. Also mit anderen Worten: Belcanto wird in den nächsten Jahren an diesem Haus gepflegt werden.

Oder Meyerbeer, dessen „Afrikanerin“ Sie bringen …
… Meyerbeer ist so ein Fall. Da sagen uns die Wissenschaftler, der ist mindestens so gut wie Wagner. Da bin ich nicht ganz der Meinung. Im Ernst: Es gibt schon einen Grund, dass Wagner mehr als Meyerbeer gespielt wird. Dass wir uns hier mit ihm auseinandersetzen und das Publikum entscheiden lassen, ob da was dran ist oder nicht, ist schon absolut nötig.

Ein Zeitsprung, warum haben Sie in dieser Saison nicht einen Telemann zu seinem 250. Todestag gespielt?
Wir haben vor drei oder vier Jahren einen Telemann gespielt, aber ich habe noch nie einen Spielplan von Jahrestagen abhängig gemacht. Das ist ja ein fatales Eingeständnis, wenn man Spielpläne davon abhängig macht. Zudem ist es eine Beleidigung für Komponisten, zu solchen Jubiläen aufgeführt zu werden. Von Telemann mal ganz abgesehen ist zum Beispiel die Hindemith-Gesellschaft der durchaus nachvollziehbaren Meinung, dass hier unbedingt Hindemith gespielt werden müsste. Ich habe es mit seinem Werk immer wieder versucht, denn es ist nicht so, dass ich ein für alle Mal etwas beschließe. Aber für mich ist „Mathis der Maler“ eine Abhandlung von Text, zu dem dann die Musik konstruiert ist. Es ist ein sehr geistreicher Text, und zu dem hat der Meister dann etwas gestrickt. „Cardillac“ ist die mit Abstand beste Oper, die ist unmittelbar vor meinem Beginn hier gespielt worden. Ansonsten „Harmonie der Welt“ – also, das geht nicht. „Neues vom Tage“ – derzeit nicht. Vielleicht, wenn Regisseur und Dirigent mich überzeugen.

Der Musikliebhaber Loebe plant den Spielplan mit.
Ja.

Sie können sich nicht selber ausschalten.
Nein.

Sie haben im Spielplan die „Tosca“, im Bockenheimer Depot gibt es vom jungen Mozart „Betulia liberata“ als „Kirchenbegehung“, Sie bringen die religiöse Johanna-Legende. Wiederkehr des Religiösen – nur Zufall?
Die FR ist die erste Zeitung, der das auffällt. Natürlich waren der Jeanne d’Arc-Stoff und Mozarts „Betulia liberata“ als Doppel geplant. Natürlich könnte man damit dramaturgisch-marktschreierisch angeben. Mir gefällt eine Dramaturgie, die sagt: Leute, wir haben uns was dabei gedacht. Wenn Ihr es merkt, schön. Wenn nicht, ist es auch nicht so schlimm. Aber natürlich freut es mich, wenn es bemerkt wird.

Wie viel Prozent der nächsten Spielpläne sind schon fertig?
Die Neuproduktionen bis 21/22 stehen schon. Darüber hinaus auch schon einige Gedanken auf einem Stück Papier, da muss man abwarten, wie es weitergeht, ob Sanierung oder Abriss? Sollte hier im Juni 21 der Hammer fallen, mit einem etwaigen Abriss unmittelbar danach, dann würde ich ganz normal aufhören. Ich möchte hier nicht „Parsifal“ machen oder „Meistersinger von Nürnberg“, ich hätte Angst vor so einer Überfrachtung einer Situation.

Eines Abschieds?
Ja. Wie beendet man so etwas? Und ich rede jetzt nicht von mir, sondern von dem Haus. Wie wird man dem Anlass gerecht? Schwer. Mir missfiele eine Überhöhung.

Aber Sie denken bereits darüber nach?
Man muss ja zwangsläufig. Man verdrängt es immer wieder. Aber dann schlägt man die Zeitungen auf, und es wird darüber geredet.

Es wird aber nicht nur in den Zeitungen darüber geredet. Es wird in den Zeitungen darüber berichtet, weil geredet wird.
Ja, sicher. Vor allem wünsche ich mir sehr, dass das Thema nicht im Wahlkampf ausgewrungen wird.

Ein frommer Wunsch.
Hier im Haus arbeiten 1200 Leute, mit enormen Engagement für das Haus, aber auch für die Stadt. Dies ist ein Haus für Frankfurt, für die Bürger, für das Umland. Man sollte das Thema aus wahlkampftaktischen Diskussionen heraushalten.

Die Summe von 880 Millionen Euro, die für einen Neubau genannt worden ist, erscheint realistisch. Halten Sie auch den Zeitrahmen, in dem die Aufgabe gestemmt werden soll, für realistisch?
Wenn man den Raumbedarf noch einmal neu anschaut und alles noch einmal neu prüft…

… ein seriöser Architekturwettbewerb und zukunftsweisender Entwurf ist nur durch eine seriöse Raumbedarfsanalyse zu erzielen, sonst wird es Murks.
Eben. Ich vermute, dass man erst im Herbst endgültige Vorstellungen hat. Wir müssen sehen, ob wir dann die Genehmigung erhalten, um über das Jahr 2021 womöglich weiterzuspielen. Es gibt keine faktische Entscheidung, 21 müsse Schluss sein. Es gibt von der Feuerwehr und anderen Abteilungen der Stadt allerdings die Warnung, dass die Risiken höher sein werden. Man ist nicht in einer souveränen Situation. Man ist sicherlich unter Zeitdruck, aber man darf jetzt nicht unter diesem Zeitdruck einen Fehler machen.

Aber Sie favorisieren mittlerweile auch einen Neubau?
Natürlich. Mir gefällt diejenige Position, die sagt, das ist eine Investition für die nächsten 70 Jahre. Das kommt eigentlich der Realität sehr nahe.

Es geht um so etwas wie einen Generationenvertrag.
Ja. Das Haus ist für die Bildung unserer Kinder und Kindeskinder. Ich wäre sicherlich ein ganz anderer Mensch geworden, wenn ich nicht von meiner Jugend an, erstmals im Jahr 1968, in dieses Haus gepilgert wäre. Insofern werde ich mich mit Haut und Haaren dafür einsetzen, dass die Städtischen Bühnen zusammen mit dem Schauspiel an diesem Platz bestehen bleiben.

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