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Friedlos unterm Vollmond

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Ein heilloses Versprechen hängt über Giulietta, Emilie Renard.
Ein heilloses Versprechen hängt über Giulietta, Emilie Renard. © Annemone Taake

Eine feine, merkwürdige Entdeckung: Das Theater Heidelberg spielt Zingarellis „Giulietta e Romeo“ im Schwetzinger Rokokotheater.

Keine Erstaufführung diesmal, aber eine für Generationen unerhörte Rarität bietet das „Winter in Schwetzingen“-Programm. Seit Jahren ist es auf den Spuren der für Innovationen und Experimentierfreude berühmten neapolitanischen Opernschule. Unter diesem Aspekt auch eine musikwissenschaftliche Tat, aber – zusammen mit den Werken und ihren putzmunteren Umsetzungen – auch eine zumeist zutiefst publikumsfreundliche.

Jetzt grub das Theater Heidelberg ein Werk von Niccolò Antonio Zingarelli aus, dessen Lebensspanne (1753-1837) die von Mozart und Schubert locker umfasst. Zingarelli, liest man, galt als konservativ und wurde nach einer sehr erfolgreichen Karriere nach seinem Tod bald vergessen. Seine länger gespielte Oper „Giulietta e Romeo“ (1797) hängt dermaßen reizvoll zwischen Barock und klassischem Belcanto, dass die Kastratenrollen überraschen und eine Einordnung schwierig wäre. Gespielt wird eine für das Rokokotheater in Schwetzingen erarbeitete Fassung, die ihre Legitimation aus der seinerzeit üblichen Praxis einer flexiblen Partitur – inklusive Fremdmusik – sowie der dramaturgischen und musikalischen Überzeugungskraft des Ergebnisses bezieht. Mit straff gestalteten Arien, hinreißenden Ensembles, manchmal schon verdi-artig bewegten Chören. Die Handlung ist durch William Shakespeare vertraut, der geringfügig abgeändert wurde und in der Schlussphase der grauenhaften Verwicklungen und fatalen Informationslage die üblichen Längen zeigt.

Felice Venanzonis kerniges Dirigat trägt erheblich zur belebenden Wirkung bei, die nicht in einen kuriosen Gegensatz zur Ernsthaftigkeit der Vorgänge gerät, diese aber mit Schwung erzählt. Dass zwei der männlichen Hauptfiguren, Romeo und ein gewisser Gilberto, der Freund und Priester irgendwie in Personalunion absolvieren muss, von Countern gesungen werden, prägt den Abend ins Dekadente, zumal tiefe Männerstimmen unter den Solisten fehlen. Auf Dauer ist die Wirkung etwas zwiespältig, eine Veranstaltung jedenfalls für Liebhaber des Diskant (gut, dass der Chor recht stark beschäftigt ist).

Klug greifen Nadja Loschky und Thomas Wilhelm das in ihrer Regie auf, dabei trefflich unterstützt von Violaine Thels Kostümen: Metrosexuelle Zeitgenossen, Freunde der futuristischen achtziger Jahre und zarte elisabethanische Gecken tummeln sich auf der Bühne, auf der gleichwohl nicht lang gefackelt wird, wenn es gilt, die Klingen zu kreuzen (eine veritable Kampfchoreografie wurde von Thomas Ziesch einstudiert). Angesichts der Beweglichkeit des Ensembles hätte man sich eine noch lebhaftere Inszenierung vorstellen können, zumal Daniela Kercks Bühne kein Feuerwerk bietet (aber einen Mond und eine vergebliche Friedenshoffnung). Schön aber auch so die Hundemasken, die Feinde zum Feindlichsein und als Schutz im Gefecht nutzen.

Ganz wunderschön sogar das sicht- und hörbar junge, sympathische Paar: Emilie Renard als Julia mit weichem, kultiviertem Mezzo, Kangmin Justin Kim als Romeo häufig über ihr und – in der allerdings anstrengendsten Partie der Oper – bei den Spitzentönen auch intonatorisch an seinen Grenzen. Souverän Terry Wey als Gilberto, sehr hörenswert Zachary Wilder als Julias Vater, auch wenn sein jugendlicher Tenor merkwürdig fehl am Platze wirken muss. Bestenfalls ein großer Bruder. Dafür aber allemal eigene Opernpfade.

Rokokotheater im Schloss Schwetzingen: 30. November, 2., 9., 15., 19., 27., 29. Dezember.

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