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Farbe auf Mensch: "Projeto Brasil" von Marcio Abreu im Mousonturm Frankfurt.

„Projeto Brasil“

Fremde Menschen küssen

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Die Welt könnte viel besser sein, das ist ja das Schlimme: Das Festival Projeto Brasil im Frankfurter Mousonturm präsentiert „Projeto Brasil“ von Marcio Abreu.

Projeto Brasil“ ist eine zweistündige Einführung in Zustände, die brasilianisch-lateinamerikanisch sein dürften, aber einem bisweilen auch deutsch-europäisch vorkommen. Regisseur Marcio Abreu, der mit seiner Companhia Brasileira de Teatro in der Millionenstadt Curitiba ansässig ist, lässt zwei Frauen und zwei Männer reden, schwanken, küssen, aber vor allem reden.

Im Mousonturm Frankfurt stand dem namensgebenden Stück des gegenwärtigen – in sechs deutschen Städten spielenden – Festivals ?Projeto Brasil? ein kreisförmiges Podest mit etlichen Mikrophonen zur Verfügung. Dahinter eine runde Wand, gegen die nachher graue Farbbeutel flogen und an der eine enorme graue Luftballongirlande verstaut werden konnte. Manchmal scheint auch das naturgemäß Grelle in gedeckten Farben aufzutreten.

Abreu ließ die vier – und die im Publikum platzierten Helfer sowie Stimmen aus dem Off in einem portugiesisch-englisch-deutschen Sprachgemisch – Politiker-, Aktivisten-, Expertenreden halten. Über die persönliche Freiheit in der Partnerwahl und in der Gestaltung des eigenen Lebens bis hin zur Einführung einer gleichgeschlechtlichen Ehe. Oder über die Rettung der von Ungerechtigkeit, Krieg, Hunger bedrohten Menschheit durch eine vernünftige Prioritätensetzung.

Und obwohl die mögliche Ablehnung selbstbestimmter Liebe ebenso im Raum stand wie das Menetekel „Sonst gehen wir unter“, so war das Signal der milde Vortragenden doch merkwürdig, geradezu irritierend positiv. Als würde eine Dystopie gerade dadurch aufgezeigt, dass den Zuschauern so freundlich und ruhig erklärt wurde, wie lösbar die meisten Probleme wären, eigentlich, was ja den Status quo nur schlimmer macht.

Das schläfrig machende Element zivilisiert vorgetragener Reden nimmt Abreu offenbar nicht nur in Kauf, sondern plant es direkt ein. Außerdem wüsste man gerne einmal, wo sie die fast schon unheimlich makellose, dialektfreie Herrenstimme her hatten. Dazwischen dann zwar krause Szenen der Gewalt, zunächst intensiv gegen eine Frau, später lässig gegen die Luftballons und ferner gegen die Ohren des mit immenser Lautstärke konfrontierten Publikums. Aber sie löst sich meist in Ruhe auf, in erneute friedliche Zweisamkeit, Nacktheit, Ganzkörperwaschung (erforderlich nach dem Farbeiereinsatz), zwischendurch die eine oder andere Musiknummer.

Auch waren stille Vierbeiner unterwegs, Menschenaffen fürwahr, friedlich, aber auch ein wenig stumpf aneinanderstupsend. Oder das Podest wurde zur spiegelglatten Fläche, auf der die Darsteller so wenig Halt fanden wie eine völlig verunsicherte Gesellschaft, zum Beispiel. Aber sie versuchten es immer wieder.

Nicht zu vergessen sein werden über die nächsten Jahre die Küsse, die die vier – nach dem Plädoyer für die gleichberechtigte Homoehe – eine Weile lang bereitwillig im Publikum verteilten. Echte Küsse, wahlweise lang, auch lang bis ins Rumgeknutsche.

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