1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

„Freischütz“ am Staatstheater Kassel: Teufel in Weiß

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

In der bunten Alptraumzeit: Mittendrin Max, Mirko Roschkowski, rechts Jonathan Stolze.
In der bunten Alptraumzeit: Mittendrin Max, Mirko Roschkowski, rechts Jonathan Stolze. © Birgit Hupfeld

Ersan Mondtags fabelhaft oberflächlicher „Freischütz“ am Staatstheater Kassel.

Der neue Kasseler „Freischütz“ fördert zusammen mit einer Bilderflut zutage, was als bekannt vorausgesetzt werden kann. Es ist etwas faul im deutschen Wald. Hier wird scharf geschossen. Hier wird Gewalt ausgeübt, und die Macht der Obrigkeit wird von einer so huldigungs- wie hohnbereiten Menge flankiert. Die hochdramatische Verwicklung ist mit einem biederen und gottesfürchtigen Ende nicht in den Griff zu bekommen. Denn man hört die Heuchelei durch die Musik hindurch.

Dass Samiel seine teuflischen Freikugeln an den Mann bringen kann, ist zum Beispiel überhaupt nur die Folge unseliger gesellschaftlicher Regelungen, verantwortet von Despoten, aber auch von der Menge mit ihrer Aggressivität und ihrem Gleichmut. Und vom Librettisten selbstverständlich, Friedrich Kind, den es übrigens seinerzeit grämte, als Texter der Erfolgsoper so wenig gewürdigt zu werden. Heute sieht man sich dazu leider nicht mehr ernsthaft veranlasst, andererseits zieht die stets mit einer finsteren Note versehene Ambivalenz der Musik – selbst des jetzt auch in Kassel freudig mitgesummten Jägerchores – den Text mit in die Höhe beziehungsweise in abgründige Tiefen.

Der vom Sprechtheater kommende Ersan Mondtag, der vor zwei Wochen an der Deutschen Oper Berlin aus der Außenseiter-Oper „Antikrist“ von Rued Langgaard alles herausholte, sagt im Vorabinterview auf der Internetseite des Staatstheaters: Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ sei seine erste Operninszenierung, mit der er mitten ins große, hundertfach interpretierte Repertoire komme. Da stellt sich natürlich die Frage, warum er jetzt den Holzhammer herauszieht, als müsste er endlich zeigen, was doch schon so oft zu sehen war (es ist etwas faul im deutschen Wald …).

Wie jüngst Alexander Nerlich in seiner Mainzer Inszenierung, aber weit unsubtiler, nimmt auch Mondtag in Kassel die Zeitangabe für die „Freischütz“-Handlung, kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, ernst. Das heißt, er nimmt sie nicht ernst, aber er lässt die lustigen psychedelisch bonbonbunten Zombies (für das unterhaltsame Kostümfest sorgt Teresa Vergho) erstmal zusammenballern. Auf dem Balkon des Lokals „The Outpost“ haben sich dafür Kuno und Konsorten postiert. Generell wird hier nicht auf Wild, sondern auf Menschen geschossen.

Nach Art der Untoten

Der Chor überlebt’s nach Art der Untoten und steht kichernd wieder auf, alles ist, begreift man bald, ohnehin auf Traumzeit gestellt, auf Alptraumzeit. Der traumatisierte und mit Drogen vollgepumpte Ex-Soldat Max, vormals Meisterschütze, hat Visionen, die auch das Publikum im Folgenden zudröhnen. Interessant: Die Probenbilder im Programmheft zeigen auch Max noch in greller Verkleidung, jetzt trägt er ein Krankenhaushemd und eine Jogginghose.

Um ihn herum der Alp: Auf der hinteren Seite der Drehbühne (also hinterm „The Outpost“) ein Wald aus Riesenpilzen (Halluzinogene, wohin man schaut, Bühne: Nina Peller). Agathe ist ein lilahaariges, trauriges Punkmächen aus besseren Kreisen, Ännchen trägt eine krasse Teufelshörnchenfrisur – beide haben einen Brass gegen den alten „Nazi“, den Urvater Kuno, den Mondtag mit dem Kasseler Rüstungsfabrikanten Oscar Robert Alexander Ernst Henschel (1899-1982) in Übereinstimmung bringt. Auch die bunten Zombies neigen zu Hitlergrußandeutungen, Nazis überall, lernen wir. Kaspar ist ein Puppentheaterkasparle, der Eremit ein großes Pelztier.

Es kommt im Detail nicht darauf an. Träume sind Schäume. Die Figuren haben kaum miteinander zu schaffen. Der Psychologiewert liegt um null herum.

Das ist drollig, weil der Kasseler „Freischütz“ ja in einer psychiatrischen Situation spielt. Der junge Mann in Weiß (Jonathan Stolze vom Schauspiel-Ensemble), der hier die Fäden zieht, erweist sich in der opulenten Wolfsschluchtszene als Samiel in Person. Das ist sein großer Moment, obenrum ist er ein blondes Knäblein, unten hat er die größten Krallen, die wir je auf einer Theaterbühne sahen. Samiels Hauptaufgabe ist aber ansonsten, naseweis als lebendes Programmheft in die Handlung reinzureden, Adorno oder Lautréamont („Die Gesänge des Maldoror“) zu zitieren, die Gräuel der „Hochzeit von Magdeburg“ zu schildern (da wird es angesichts der fidelen Zombies aber echt zynisch) und uns zu behandeln, als hätten wir keine Ahnung. Wer den Teufel noch nie leiden konnte, versteht jetzt besonders gut, warum. Er ist auch noch ein Streber und ein nerviger Witzbold obendrein. Zwischendurch angelt er im Orchestergraben und zieht die Dirigentenhand raus, der Stab hängt noch dran.

Stört die Musik da nicht ein bisschen, in der Tat? Ersan Mondtag lässt sich zumindest nicht anmerken, dass er viel mit ihr anfangen kann. Das wiederum lassen sich Mario Hartmuth und das Orchester nicht anmerken. Die getragene Ouvertüre ist kein Zufall, aber die Präzision ist gleichwohl sofort bestechend, ein geruhsames Auskosten der Details (auf die es nun eben doch ankommt), dann auch mit Schwung, aber ohne jede Derbheit. Die Bläser sind exzellent, der Chor (einstudiert von Marco Zeiser Celesti) singt mit Finesse, die dem Zombiewesen natürlich entgegensteht.

Mirko Roschkowski überzeugt mit lyrischem, standfestem Tenor und wirft sich mit schauspielerischer Verve in Maxens Alptraum. Margrethe Fredheim lässt eine sanft glühende Agathe hören, Emma McNairy ein gar nicht so niedliches, sehr energisches Ännchen. Frauen von heute, aber was tun sie dann hier?

Der heftigste Regieeinfall: Der Einsatz von Waldarbeitsgeräten, Motorsägen, Astschredderern. Für einige Minuten ist auf der Bühne die Hölle los, die wahre Hölle, grauslig für die Ohren, aber in diesem Moment ist das Drastische, das hier die ganze Zeit über bloß behauptet wird, wenigstens wirklich da. Fürs Regieteam Gebuhe, aber kein sehr großes. Mehr war da auch nicht und vieles ja unterhaltsam.

Staatstheater Kassel: 18., 26. Februar, 4., 11., 27. März. www.staatstheater-kassel.de

Auch interessant

Kommentare