Im je charakteristischen Kostüm: Moritz Buch, hinten Axel Gottschick. Felix Holland
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Im je charakteristischen Kostüm: Moritz Buch, hinten Axel Gottschick.

Freies Schauspiel Ensemble Frankfurt

Freies Schauspiel: Erlösung und ihre Abwesenheit

  • vonMarcus Hladek
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„Rituale“ nach Cees Nooteboom beim Freien Schauspiel-Ensemble im Frankfurter Titania.

Rituale“, dieser erste Erfolgsroman des Niederländers Cees Nooteboom, ist komplex genug, um lieber gleich bei Bühne und Kostümen und den drei Darstellern in Bettina Kaminskis Regie für das „Freie Schauspiel-Ensemble“ anzufangen. Die Zuschauer, die in Märtyrer-Gesinnung dem Virus trotzten und zwei Stunden lang die Reihen füllten, obzwar mit freien Sitzen zwischen sich, fanden auf Gerd Friedrichs Bühne eine verhohlen mythische Szene vor.

Fertig und bereit für alles, was da käme, standen auf dem trampolinartigen weißen Spielquadrat drei Männer frontal nach vorn. Zentral der jesushafte Moritz Buch: er sollte die Hauptfigur, Inni Wintrop, spielen. Zu seiner Linken, rechts für uns, der ältere Axel Gottschick als Innis Vormund Arnold Taads. Links schließlich Ives Pancera (auch: Kostüme), der dann Taads’ Sohn Philip und die Frauenrollen verkörperte. Wie diese drei im Prolog über ihre hocherhobenen Arme an fesselnden Plastikbahnen zur Decke hin standen, erinnerte an den Feuer- und Hoffnungs-Dieb Prometheus, dem am kaukasischen Fels täglich die Leber weggefressen wird, aber auch an Christus zwischen den Schächern. Erlösung und ihre Abwesenheit lautet denn auch ein Thema dieser Geschichte. Zugleich darf man im Figurentrio wohl eine entfaltete Autoren-Instanz, gleichsam ein dreifach modellhaftes Alter Ego Nootebooms, sehen.

Anfangs in nichts als Sumoringer-Lendenschurze gekleidet, lösen sie sich unter Klängen von Tom Waits (später folgen tüpfelnde Klavier- und Cellostücke, Bachs Matthäus-Passion, ein wenig Jazz, Windgeräusche, Vogelzwitschern) aus der Fesselung und etablieren sich im Chor-Modus der Erinnerung, indem sie den „Rauch- und Haselnuss“-Geschmack des allerersten Whiskeys heraufbeschwören, den Taads seinem Zögling als Kind einflößte.

Alle drei sind damit gleichrangig textlich präsent, so rätselvoll ihr Chor auch ausfällt. Wie sie ihre Plastikfesseln zum je einzigen Kostüm von charakteristisch unterschiedlichem Schnitt machen, ist besonders schön erdacht: der militante Hobbyphilosoph, miesepetrige Stoiker auf Sartres Spuren und Pünktlichkeitsfanatiker Taads streng gegürtet wie seine allzeit klaren Ansichten. Inni: asketisch wie ein Wüstenvater. Und Philip mit weiblichem Touch, der die tollen Frauenverkörperungen vorwegnimmt. Wie Panceras Figur einen Japan-Fimmel pflegt und nach erfolgter Teezeremonie und verstiegen suizidären Gedanken den Tod findet, so spiegeln die von ihm gespielten Mädchen und Frauen mehrfach die handwerkliche Perfektion japanischer „Onnagata“-Darsteller wider.

Nach dem Prolog folgt das Bühnengeschehen nachvollziehbar den drei Teilen des Romans über die Hauptfiguren, nicht ohne auch den im Roman eingestreuten Reflexionen über Sartre und das Nichts, Katholizismus und Zen, Tod und Erlösung Raum zu geben. Kaminskis Darsteller halten scheinbar mühe- und allemal lückenlos die beträchtliche Spannung im Spiel aufrecht: beginnend mit der „Ich“-Konstitution aus Prägung und Existenz-Verkrachtheit nebst ritueller Plastik-Investitur im Prolog, fortgesetzt in Innis Kindheit mit dem Stolz der Familie Wintrop und Tante Thérèse und dem fordernden Rigorosmus Taads’, weiter zur Konzentration auf ihn selbst in seiner (Gottschicks) eingefrorenen Skifahrer-Pose, den gestrengen Sentenzen („Die Menschen sind verweichlicht und verwöhnt“) und all den kleinen Marotten wie abgeschaut von Samuel Beckett – das Vorauskochen für eine ganze Woche etwa.

Seinem angedeuteten Tod im Schnee folgt Rotlicht als Hinweis auf Innis Frauen und Mädchen nebst einer Messe mit Priester, dann schon Innis Erwachsenenleben als Horoskopeschreiber und etwas leere Zeit mit stampfendem Discotanz zur Vertreibung dusterer Gedanken: „Das Leben ist ein Club. Man kann jederzeit gehen.“

Der untreuen Liebe Zitas („Die neue Liebe ist das Krematorium der alten“) und dem missglückten Suizidversuch schließt sich das entspanntere „beste Alter“ mit Ablenkungen wie Kunst- und Börsenhandel an, was über rituelle Bildbetrachtungen im leeren Raum zur Zufallsentdeckung Philips führt. Der münzt die väterliche Missachtung in sublimierten Selbsthass à la Schopenhauer um, was Inni immerhin ein Rettungswerk an die Hand gibt, das am Ende nicht fruchtet.

Selbst Literaturdiskussionen finden ihren Platz, wobei manch Formulierung beim Sprung vom Roman in die Szene milde Komik entfaltet („Das brünstige Lodern des Vergehenden“). Dabei ist und bleibt dies eine gelungene, gerade in der Textfassung (mit Victor Schlothauer) geglückte Dramatisierung mit drei tollen Schauspielern, die ohne szenischen Übereifer gegen die Vorlage auskommt.

www.freiesschauspiel.de

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