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Freies Schauspiel Ensemble: Einst hat Papa getanzt

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Von: Sylvia Staude

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Doppelter Eddy: Ives Pancera, Axel Gottschick.
Doppelter Eddy: Ives Pancera, Axel Gottschick. © Felix Holland

Ein Theaterabend über zwei Romane von Édouard Louis.

Bereits mit Anfang 20 erschien der 1992 geborene Schriftsteller Édouard Louis (eigentlich Eddy Bellegueule) mit Macht auf der französischen Literaturszene mit dem autobiografischen Roman „En finir avec Eddy Bellegueule“, „Das Ende von Eddy“. Es ist die Geschichte einer Befreiung. Zuerst wurde der homosexuelle Eddy auf einem musischen Gymnasium in Amiens aufgenommen. Dann ging er nach Paris. Es ist aber auch die Geschichte seines Vaters, eines Arbeiters, der immer ein ganzer Kerl sein wollte, der nach einer Rückenverletzung als Straßenkehrer arbeiten musste. Einst, findet der Junge heraus, war sein Vater ein guter Tänzer und glücklich dabei. An seinem Absturz, seinem „Buckeln“ sind der Benzinpreis und die Sozialgesetzgebung und also Politiker von Chirac über Sarkozy bis Macron schuld. „Die Geschichte deines Körpers ist die Geschichte dieser Namen, die aufeinandergefolgt sind, um dich zu zerstören.“

Zornig und politisch bewegt

Dies erzählt Louis in einem weiteren Roman, „Wer hat meinen Vater umgebracht“. Aus beiden Büchern hat nun Bettina Kaminski (mit Victor Schlothauer) eine knapp anderthalbstündige Theaterfassung erstellt, die unter der Regie von Kaminski jetzt beim Freien Schauspiel Ensemble im Frankfurter Titania Premiere hatte.

Louis schreibt als zorniger, politisch bewegter, politisch engagierter junger Mann, er tut es immer aus seiner Perspektive. Kaminski lässt dennoch zwei Schauspieler, Ives Pancera und Axel Gottschick, den Text sprechen, ohne dass der erheblich ältere Gottschick den Vater „spielt“. Dazu kommt auf der ansonsten leeren Bühne der Schlagzeuger Günter Bozem, dem man dabei zusehen kann, wie er die dringlichen, wütenden Worte mal mit heftigen Schlägen, mal mit schmerzendem Quietschen, mal nur mit sanftem Besenwispern begleitet.

Es ist eine gute und einleuchtende Entscheidung, den Text, der in Teilen eine Tirade ist, nicht in ein Realismus anstrebendes Spiel zu übersetzen. Die beiden Akteure rufen auch so reichlich (oft unangenehme, bestürzende) Bilder im Kopf hervor. Eddy wird von Mitschülern gequält, mit Rotz und Spucke; wird von der Mutter gefragt „warum bist du nur so?“ und rächt sich (verpfeift die Mutter beim Vater, dass sie dem älteren, drogensüchtigen Sohn Geld gegeben hat); entdeckt nach den Schuldgefühlen und der Scham auch die Freuden des Sex. Und triumphiert, denn das Gymnasium nimmt ihn auf und schreibt einen höflichen Brief an „Herrn Bellegueule“. Er kann sich kaum vorstellen, dass er das ist. Aber er ahnt bereits, dass das der Zugang zu einer besseren Welt sein kann.

Was Kaminski nicht verhindern kann – da sie sich nun mal für beide Romane entschieden hat –, ist ein Bruch, der durch Louis’ zuletzt doch arg simplifizierte Erklärungen entsteht. Nicht die Frage interessiert ihn mehr, warum sein Vater „ein ganzer Kerl“ sein und ihn zu einem „echten Kerl“ machen wollte, warum seinem Vater das Tanzen später peinlich war, sondern nur noch die „Anklage der politischen Geschichte“ unter Nennung von Politiker-Namen. Als würde es nur einen höheren Sozialhilfe-Satz brauchen.

Freies Schauspiel Ensemble im Titania Frankfurt: 25.-27. Februar, 11.-13. März. www.freiesschauspiel.de

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