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Die Frau, die Schlampe genannt wurde

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Bettina Hoppe als "Die Frau, die gegen Türen rannte".
Bettina Hoppe als "Die Frau, die gegen Türen rannte". © Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Bettina Hoppe brilliert in Frankfurt als Paula Spencer - „Die Frau, die gegen Türen rannte“.

Paulas Pulli, ein lilafarbenes Teil mit Musterungen im oberen Bereich, wurde mit Bedacht ausgewählt. Man spricht nicht darüber, zu Recht, aber das tragen Leute, die Probleme statt Geld haben.

„Die Frau, die gegen Türen rannte“ ist ein Roman des Dubliners Roddy Doyle von 1996. Frankfurts Schauspiel-Intendant Oliver Reese hat aus dem 200-Seiten-Monolog einen 80-minütigen gemacht und führt auch Regie. In den Kammerspielen schlüpft Bettina Hoppe hinein, in den brandmarkenden Pulli (Kostüm: Lene Schwind) und in die Rolle von Paula Spencer, Schlampe genannt, seit sie zwölf ist, Alkoholikerin und 17 Jahre lang von ihrem Mann geschlagen, bis sie ihn rauswarf, jetzt allein mit ihren Kindern und Putzstellen. Ihr Ex-Mann ist kürzlich von der Polizei erschossen worden, nachdem er eine Frau ermordet hatte. Paula ist noch völlig platt darüber.

Dass zu spielen, dürfte einfach und schwierig zugleich sein. Paulas gibt es viele, aber sie reden nicht wie die von Roddy Doyle. „Das war ein schöner Schreck, als mir klar wurde, dass ich dumm war“, solche Sachen. Bettina Hoppe, ausgesetzt auf und vor schneeweißem Grund (Bühne: Olga Ventosa Quintana), muss also das Wunder vollführen, ganz Paula und ganz Schauspielerin zu sein, die einen literarischen Text vorträgt. Das gelingt ihr fabelhaft.

Zupass kommt ihr das Vergnügen, das Paula an theatralischen Gesten hat. Obwohl sie aber steht, geht, zürnt, tanzt oder zügig demonstriert, wie sich ein Alkoholiker nach langem Warten volllaufen lässt für einen Moment Pseudo-Entspannung, ist sie zugleich wie nach innen verlagert.

Sie spricht uns an, aber das ist gleichgültig. Sie ist ganz Verzagtheit, Ratlosigkeit, Energie. Sie zeigt, was Paula etwa auf RTL nie zeigen könnte. Dafür muss man ins Theater gehen (oder das Buch lesen, aber das ist dann ohne Bettina Hoppe), in dem das Artifizielle mehr vom echten Leben erzählt, als wir hier draußen je zugeben könnten.

Immerhin, findet Paula, „mein Leben hat einen tollen Soundtrack“. Auch davon ist einiges zu hören. In den anschließenden Jubel mischt sich möglicherweise der Respekt vor Bettina Hoppe und Paula, schwer zu sagen. Es entspräche jedenfalls dem Erlebnis, nicht zu wissen, wer einen mehr umgehauen hat, die Frau, die gegen Türen rannte, oder die Schauspielerin, die eine Präzisionsverausgabung bot.

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