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„Frankfurt hat mir die schönste Bühne geboten“

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„Shakespeare goes Finanzwelt, ein Stück wie für Frankfurt geschrieben“: Oliver Reese in Daniel Roskamps Bühnenbild zu „Königin Lear“, das am Samstag Premiere hat.
„Shakespeare goes Finanzwelt, ein Stück wie für Frankfurt geschrieben“: Oliver Reese in Daniel Roskamps Bühnenbild zu „Königin Lear“, das am Samstag Premiere hat. © peter-juelich.com

Schauspielintendant Oliver Reese spricht vor seiner letzten Frankfurter Saison über große und weniger große Theatermomente, über das Publikum und seine Pläne.

Von Claus-Jürgen Göpfert, Judith von Sternburg

Herr Reese, als wir zuletzt über Ihren Wechsel ans Berliner Ensemble sprachen, haben Sie den schönen Satz geprägt: Berlin hat Berlin zu bieten. Was hatte Ihnen Frankfurt zu bieten, was bietet es Ihnen in der letzten Saison?
Eine ganze Menge. Ich bin sehr froh, dass ich in einem recht behalten habe: Diese Bühne in Frankfurt ist erstmal schwierig. Man muss ein Gespür dafür haben, was für ein besonderes Theater das ist. Ich hatte natürlich, bevor ich hierher kam, schon Theater in Frankfurt gesehen. Dennoch war ich von den Dimensionen der Bühne dann überrascht. Man muss sich bewusst sein, dass das keine normale Sprechbühne ist. Sie ist in ihren Ausmaßen so außergewöhnlich, dass man da ein spezielles Programm machen muss. Frankfurt hat mir die schönste, größte, schwierigste Bühne geboten.

Sie haben von einem Cinemascope-Format gesprochen.
Tarantino wäre ein passender Regisseur. Aber ein Thalheimer kann es eben auch.

Wie haben Sie sich darauf eingestellt?
Ich bin in jeder Dramaturgie-Sitzung dabei. Wenn Stücke vorgeschlagen werden, sage ich immer wieder: Ja, tolles Stück, aber nicht für die große Bühne! Man muss immer an die Regie denken: Ich muss mir sicher sein als Intendant, dass die Regisseure sich nicht überrumpeln lassen von dieser Bühne. Sie hat große Schönheiten und große Schwierigkeiten. Es ist ja auch toll, dass man nicht in ein kleines, traditionelles Guckkästchen schaut. In Frankfurt können Sie vergessen, dass Sie im Theater sind. Da können Autos fahren, da kann Tennis gespielt werden. Da konnte Michael Thalheimer eine gigantische „Penthesilea“-Szene aufbauen. Wunderschön. Ich genieße es. Aber es braucht hier ein besonderes Ensemble, besondere Stücke und besondere Regisseure.

Man muss sich auf den Raum einlassen.
Theater hat immer auch mit Raum und der Geschichte des Ortes zu tun. Was ist hier schon gelaufen? Wie tickt die Stadt? Was brauche ich für Schauspieler? Ich hatte für Frankfurt damals 2000 Bewerbungen von Schauspielerinnen und Schauspielern. Ich habe 200 vorsprechen lassen. Fünf davon sind ins Ensemble gekommen. Das Kriterium war immer auch: Hat derjenige die Präsenz und die sprachliche Kraft, diesen großen Raum zu bespielen? Die früheren Klagen, dass man die Texte nicht versteht, sind jedenfalls verstummt.

Was wird bleiben von der Zeit in Frankfurt?
Wir haben es geschafft, das Theater in der Bevölkerung zu verankern und zu etablieren, dass dies ein Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist. Und es muss immer einige Aufführungen geben, die unvergesslich sind, die eine, pardon, Ära prägen. Momente wie die „Medea“ von Michael Thalheimer. Oder, in aller Bescheidenheit, die „Phädra“, die ich inszeniert habe und die hier seit sieben Jahren läuft. Und natürlich der „Ödipus“ zur Eröffnung meiner Intendanz 2009. Ein paar von diesen großen Momenten haben wir erwischt. Die werden bleiben. Und jetzt kommt ja noch eine Saison, vielleicht die mutigste in acht Jahren – nur mit neuen Stücken, auch im großen Haus, und noch einmal dem Schwerpunkt Antike.

Was haben Sie aus Ihrer Sicht künstlerisch erreicht? Sie haben klassische Stoffe in neuer Form auf die Bühne zurückgeholt, das war wichtig, oder?
Es war wichtig, zu zeigen, dass große Schauspielkunst möglich ist an einem Stadttheater. Dass man nicht anreisende Gäste braucht. Dass man das mit dem Ensemble machen kann. Ich bin richtig stolz darauf, dass wir fast ausnahmslos durchgehalten haben, alle zentralen Rollen vom Ensemble spielen zu lassen. Wenn wir es nicht besetzen können, dann machen wir das Stück nicht. Wenn ein Regisseur anderer Meinung ist, fragen wir einen anderen Regisseur. Wir haben von König Lear über Phädra bis Medea Schauspielerinnen und Schauspieler damit groß gemacht: Stefanie Eidt, Kathleen Morgeneyer, Bettina Hoppe, Marc Oliver Schulze. Josefin Platt war heimatlos, bevor sie hierher kam. Die meisten Schauspieler haben jetzt einen Rang, den sie früher nicht hatten. Constanze Becker war schon groß. Corinna Kirchhoff war schon groß. Aber auch sie spielt jetzt Rollen wie demnächst in „Eine Familie“, das ich inszeniere...

... die anders sind als die Rollen, die sie früher gespielt hat.
Wir haben Schauspieler entwickelt. Immer wieder. Nehmen wir Wolfgang Michael, den ich liebe. Der aber umstritten ist. Den ich immer wieder einsetze.

Nehmen Sie jetzt diese Menschen, die Sie lieben, mit ans Berliner Ensemble?
Es passiert das, was immer passiert bei einem Intendanz-Wechsel: Einige gehen mit, einige bleiben hier, einige gehen woanders hin.

Können Sie Namen nennen?
Da ich noch keine Pressekonferenz in Berlin hatte... Aber Sie dürfen davon ausgehen, dass Constanze Becker, die mit mir gekommen ist, auch mit mir gehen wird. Oliver Kraushaar, der einzige unkündbare Schauspieler in Frankfurt, wird auch mitkommen. Mehr möchte ich einfach nicht sagen derzeit.

Sprechen Sie mit den Schauspielern derzeit darüber?
Ja, schon längst.

Als Intendant können Sie Tabula rasa machen, wie kein anderer in einer Chefposition. Beschäftigt Sie das sehr?
Davon dürfen Sie ausgehen. Aber es ist unser System – und so übrigens nur in wenigen Ländern möglich. In Schweden zum Beispiel ist ein Schauspieler nach zwei Jahren unkündbar. Unser System hat Vor- und Nachteile – künstlerische Freiheiten und soziale Härten. Dass auch Intendanten nicht verlängert werden können, ist da nur ein geringer Trost. Am Anfang bin ich immer nur drei Jahre an einem Theater geblieben.

Sie werden langsamer jetzt in Ihrem Rhythmus.
Das bringt der Job mit sich. Intendanten-Wechsel schütteln immer ein Haus durch. Am Berliner Ensemble ist der Wechsel jetzt nach 18 Jahren! Ich habe zwei Intendanten-Vorbilder: Gerard Mortier und Frank Baumbauer. Baumbauer hat immer aufgehört, wenn es am schönsten war. Ich finde eine Zeit von acht Jahren wie jetzt in Frankfurt ziemlich ideal.

Wollen Sie am Berliner Ensemble zur Ruhe kommen?
Das ist ja reizend, dass Sie mir diese Frage jetzt schon stellen! Ich bin zarte 52 Jahre alt...

...das ist uns klar...
...jedenfalls muss es ein Leben neben dem Theater geben. Wenn wir das nicht hätten, wüssten wir gar nicht, wovon wir auf der Bühne erzählen.

Noch ein Versuch, schon mal zurückzublicken: Ist in Frankfurt ein neues Publikum entstanden?
Zunächst einmal schlicht ein viel größeres, zuletzt 190 000 Zuschauer, darunter über 50 000 junge Leute, Schüler und Studenten! Wir haben uns richtig stark verändert in den Jahren. Wir haben ständig neue Erfindungen gemacht: Das Regie-Studio, das Autoren-Studio. Wir haben so viele Regisseure hervorgebracht, wie vielleicht kein anderes Haus. Wir haben uns programmatisch sehr verändert. Dass wir jetzt in der letzten Saison so viele neue Stücke am Großen Haus haben, ist außergewöhnlich. Wir eröffnen mit Tom Lanoyes „Königin Lear“, Shakespeare goes Finanzwelt, ein Stück wie für Frankfurt geschrieben. Mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Patrick Marbers „Drei Tage auf dem Land“ zeigen wir ein neues Lieblingsstück von mir, Regie Kriegenburg. Und Ersan Mondtag, der Shooting-Star der jungen Regieszene, aus unserem Regiestudio hervorgegangen, zeigt in der Goethe-Festwoche mit einer eigenen, radikalen „Iphigenie“ bereits seine fünfte Frankfurter Arbeit. Dank der Akzeptanz, die wir haben, werden auch schwierige Stücke vom Publikum angenommen. Nach dem Motto: Wir verstehen es noch nicht ganz. Aber wenn ihr es macht, dann wird was dran sein.

Sie haben politische Akzente gesetzt.
Immer stärker. Das habe ich in Frankfurt gelernt. Als ich antrat, wollte ich gutes Theater machen. Punkt. Das war schwer genug. Ich habe gelernt, wie wichtig die Funktion des Theaters als politischer Ort ist: Über das Spielen von Theaterstücken hinaus. Deshalb mache ich konsequent Gesprächsreihen. Daniel Cohn-Bendit kommt jetzt wieder. Michel Friedmann ist die ganze Zeit dagewesen. Wir setzen Akzente mit den Thementagen, diesmal „Erfindung Europa“.

Oder ein Festival wie „Fluchtpunkt Frankfurt“ zu Flucht und Vertreibung.....
...so ist es. Die tolle theaterpädagogische Arbeit von Martina Droste. Oder als wir erinnert haben an 70 Jahre Auschwitz-Befreiung, habe ich gedacht: Das macht die ganze Stadt. Wer hat es gemacht? Niemand außer uns.

Sie haben in Frankfurt das Alleinstellungsmerkmal als Stadttheater. Das wird in Berlin ganz anders sein.
Ja, das BE ist eines von fünf städtischen Theatern.

Sie müssen umlernen.
Nein. Ich muss mich erinnern, ich habe ja 15 Jahre lang am Maxim-Gorki-Theater und am DT Theater in Berlin gemacht. Es ist eine ganz andere Planung. In Frankfurt finde ich es richtig, Allrounder zu sein. Da braucht man als Intendant ein weites Herz. In Berlin ist es viel notwendiger, ein Profil zu schärfen.

Werden Sie weiter Regie führen?
Ja, nach den ausgesprochen glücklichen Jahren hier mit Uraufführungen wie denen von Moritz Rinke oder Ferdinand von Schirach oder Dauerbrennern wie „Die Frau, die gegen Türen rannte“ oder „Der nackte Wahnsinn“ – aber erstmal weniger. Wir müssen jetzt das neue Berliner Ensemble etablieren. Ich habe den Ehrgeiz, auch da ein guter Intendant zu sein, das wird sehr viel Kraft brauchen, diesen Neuanfang zu bewerkstelligen.

Gab es einen besonderen magischen Moment für Sie in den neun Jahren Frankfurt?
Der Moment, der mir unvergesslich ist, ist der in der Eröffnungspremiere, als Marc Oliver Schulze als Ödipus die Bühne betrat. Ich habe gespürt: Das stimmt. Da beginnt wirklich etwas. Ich habe gespürt, mitten unter dem Publikum – es geht etwas durch den Raum. Das Tollste ist, wenn ich merke: Die Schauspieler haben es einfach. Sie gehen über das Geprobte hinaus. Heben ab, fliegen. Dann bin ich ein glücklicher Mensch.

Was tun Sie, wenn Sie merken, dass es nicht klappt?
Dann reagiere ich. Das ist mein Handwerk. Intendant ist auch ein Handwerk. Es gibt unterschiedliche Varianten. Sprechen, eingreifen, sich mit dem Team kloppen oder auch mal still übernehmen. Ich habe sie alle schon erprobt.

Sie greifen ein.
Selbstverständlich. Im besten Fall so, dass das nach außen gar niemand merkt, auch die Frankfurter Rundschau nicht. Wie gesagt: Handwerk. Intendant ist auch ein Beruf. Nicht nur ein Titel.

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