Die Opernseite der Städtischen Bühnen Frankfurt am Willy-Brandt-Platz.
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Die Opernseite der Städtischen Bühnen Frankfurt am Willy-Brandt-Platz.

Städtische Bühnen

Frankfurt hat die „Oper des Jahres“: Licht in der Finsternis

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Wieder einmal ist die Oper Frankfurt das Haus des Jahres. Knapp und nicht allein, aber keineswegs zufällig.

Auch eine unter bis dahin unvorstellbaren Gründen abgebrochene Saison hat der Oper Frankfurt gereicht, in der Fachzeitschrift „Opernwelt“ zum Haus des Jahres gekürt zu werden. Gleichauf das Grand Théâtre de Genève in einer knappen, aber mit Blick auf die vergangenen Jahre nicht zufälligen oder allein glücklichen Wahl.

Acht von geplanten elf szenischen Frankfurter Premieren konnten 2019/20 stattfinden, darunter in buchstäblich letzter Minute Barrie Koskys spektakulärer Blick auf Richard Strauss’ „Salome“, deren Ausstatterin Katrin Lea Tag nicht wegen dieser Produktion Bühnenbildnerin des Jahres wurde. Tags Bühne lebt davon, dass sie nicht vorhanden ist, nein, nicht eine leere schwarze Bühne, sondern eine von einem fahlen Mondlichtkegel durchzogene absolute Finsternis. „Wie schwarz es da drunten ist“, singt Salome, „es muss schrecklich sein, in so einer schwarzen Höhle zu leben!“ Und das Publikum sieht unterdessen, dass diese junge Frau selbst es ist, die in pechschwarzer Nacht festsitzt.

Oper Frankfurt steht für A-Pläne

Dass sich mit einer so unerbittlichen, ausgefeilten und eben auch finsteren Produktion der Vorhang für so lange schloss, hatte und hat einen symbolischen Gehalt. Dass die Oper Frankfurt nicht zu den Häusern gehörte, die am schnellsten und besonders forsch ans Weitermachen dachten, schadete dem Ansehen, wie sich zeigt, nicht. Vielleicht ist es sogar ein Zeichen dafür, wie sorgfältig am Haus das Für und Wider für alle Beteiligten abgewogen wird, das die A-Pläne für den Spielzeitstart kippte und mit einem ganz anderen, ebenfalls perfekt vorbereiteten Abend in den Corona-Herbst einstieg. Unvergesslich, wie vor Gian Carlo Menottis kurzer Oper „The Medium“ die Männer und Frauen des Chores nacheinander mit Masken in strenger Diagonalformation selbst ihr eigenes Bühnenbild waren: fabelhaftes Sinnbild für das Weitermachen unter allen Umständen, aber mit Bedacht.

Claudia Mahnke, Ambur Braid und AJ Glueckert in Katrin Lea Tags „Salome“-Ausstattung für die Oper Frankfurt.

Es ist für das Frankfurter Publikum eine schöne Gewohnheit geworden, dass ihr Opernhaus vorne mitspielt, wenn Kritiker (und auch ein paar Kritikerinnen) in der „Opernwelt“ ihre Stimmen einreichen. 1996, 2003, 2015, 2018 war es auch schon so, vier der fünf Auszeichnungen fallen damit in die lange, aber nicht fade werdende Amtszeit von Bernd Loebe, einem der mit Abstand präsentesten der uns bekannten Opernintendanten. Nur zuletzt saß er nicht immer vorne rechts im Parkett, offensichtlich um einen der kargen Plätze mehr frei zu machen (handhaben viele, aber nicht alle so, gehört zu den interessanten Details dieser Tage).

Oper Frankfurt: Eindeutiges Votum

Eindeutiger als das Votum für das Haus des Jahres fielen die Stimmen für den Regisseur und die Inszenierung des Jahres auf Tobias Kratzer und seinen innovativen Bayreuther „Tannhäuser“: eine Premiere aus dem unendlich fern erscheinenden Festspielsommer 2019 und ein dem Werk zugewandtes Ereignis, wie Richard Wagner es sich in seinen kecksten Momenten erträumt haben könnte. In Frankfurt wohlbekannt sind die Sängerin des Jahres, erneut Marlis Petersen (Frankfurts hellwache Hanna Glawari in der „Lustigen Witwe“, eine Luxusbesetzung, geehrt nun vor allem als Salome im Theater an der Wien und Münchner Marie/Marietta in „Die tote Stadt“), sowie der Sänger des Jahres, Jakub Józef Orlinski, der rasend lebendige Frankfurter Rinaldo (und aktuell für seinen tiefernsten Karlsruher „Tolomeo“ ausgezeichnet).

Die Wahl für die Wiederentdeckung des Jahres gibt Gelegenheit, noch einmal an die großartige Rekonstruktion von Paul Dessaus „Lanzelot“ in Weimar zu erinnern, einem bis ins Letzte durchdachten Projekt des Dirigenten Dominik Beykirch und des Regisseurs Peter Konwitschny.

Das Orchester und der Dirigent des Jahres: erneut das Bayerische Staatsorchester und sein bisheriger Chef Kirill Petrenko, der sich den Titel mit Titus Engel teilt. Der Schweizer Engel hätte in Frankfurt am 14. März – einen Abend nach der Theaterschließung – die Wiederaufnahme des Doppelabends aus Debussys „La Damoiselle élue“ und Honeggers „Jeanne d’Arc au bûcher“ dirigiert. Da scheint sich der Kreis zu schließen, aber glücklicherweise geht es schon weiter.

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