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Frankfurt ist das „Opernhaus des Jahres“: „Jeder in diesem Haus will, dass es gut wird“

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Von: Judith von Sternburg

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„Bei diesen Flügen durch die Luft haben wir am Anfang gesagt, das geht überhaupt nicht.“ Georgy Vasiliev und Andrei Popov in der „Nacht vor Weihnachten“. Foto: Monika Rittershaus
„Bei diesen Flügen durch die Luft haben wir am Anfang gesagt, das geht überhaupt nicht.“ Georgy Vasiliev und Andrei Popov in der „Nacht vor Weihnachten“. © Monika Rittershaus

Die Oper Frankfurt ist erneut zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt worden: Intendant Bernd Loebe über Erfolgsrezepte, Baustellen, herbeigeredete Krisen – und Flugakrobatik sowie Schäferhunde auf der Bühne.

Herr Loebe, Frankfurt bekommt erneut den Titel „Opernhaus des Jahres“. Haben Sie sich daran gewöhnt oder waren Sie doch überrascht?

Meine Überlegung war: Wenn alles fair abläuft, haben wir eine große Chance. Aber genau weiß man es nie. Gestern habe ich bei einem Meeting mit Kollegen das Argument gehört, Frankfurt liege so zentral, da sei es kein Wunder, wenn man prämiert werde. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Ich muss zugeben, daran habe ich auch schon gedacht.

Was Kritiken betrifft, geht es aber vor allem um die Termine. Es ist unglücklich, wenn andere große Opernhäuser am selben Abend eine Premiere haben. Das passiert und ärgert uns, hat uns aber, wie man sieht, nicht entscheidend geschadet.

Worin liegt also der Unterschied, was ist Ihr Rezept?

Zunächst mal haben wir mit sieben, acht Neuproduktionen im Jahr die Möglichkeit, unser Repertoire breit zu streuen. Und ich glaube, wir sind ganz geschickt in der Kreuzung von Produktionsteam und Titel. Denn dieselben Regisseure, die bei uns arbeiten, arbeiten auch woanders und haben da vielleicht nicht so großen Erfolg. Das kann auch daran liegen, dass wir eine künstlerisch sehr interessierte Technik haben und überhaupt alle Abteilungen bis zur Premiere ihr Bestes geben. Jeder in diesem Haus will, dass es gut wird. Wenn Regisseure zum ersten Mal zu uns kommen, haben sie dicht vor der Premiere oft das Gefühl, dass die Probenzeit nicht ausreicht. Und ich versuche dann, sie zu beruhigen und sage: Es gibt hier einen Willen von allen, die Sache zu einem guten Ende zu bringen, entspannen Sie sich.

Und warum wird es so knapp?

Wir sind ein Repertoirehaus, parallel zur Vorbereitung einer Premiere haben wir vielleicht drei Opern auf der Bühne. Unsere Schlussproben können nicht immer so ideal liegen, wie es in einem Stagionebetrieb möglich ist.

Die Textmarker parat: Bernd Loebe am Schreibtisch. Foto Renate Hoyer
Die Textmarker parat: Bernd Loebe am Schreibtisch. © Renate Hoyer

Das überrascht aber doch höchstens ausländische Gäste.

Nicht nur. Tatjana Gürbaca, die erstmals hier gearbeitet hat, hat Stoßgebete gen Himmel gerichtet, dass der Chor seinen hochkomplexen Auftritt im „Ulisse“ noch so hinbekommen würde, wie sie sich das vorstellte.

... in der Dallapiccola-Oper am Ende der vergangenen Spielzeit. Ja, er hat es hinbekommen.

Weil ab der Hauptprobe ein spürbarer Schub durch den Chor ging. Bei der Premiere haben sie gespielt, als wäre alles ein Kinderspiel. Wunderbar, dass auch der Chor diesmal unter den Preisträgern ist.

Sie haben vorhin immer höflich „wir“ gesagt, aber den Spielplan machen schon Sie, nicht wahr?

In der Regel mache ich ihn. Ich rede mit meinem engsten Team, dazu kommen immer mal wieder die Dramaturgen mit Vorschlägen und Ideen, auch der GMD ist einbezogen. Aber eigentlich habe ich mir das dann immer ausgedacht und es hoffentlich so austariert, dass man das Gefühl hat, es ist ein kluger und sinnvoller Spielplan. Sagen wir mal so: Hätten wir Misserfolg, hätte ich ein Problem. Solange das Haus erfolgreich ist, werden viele froh sein, dass da oben einer ist, der Verantwortung übernimmt.

Was sind aktuell die großen Baustellen?

Zur Sache

Die Frankfurter Oper ist zum sechsten Mal zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt worden – zum fünften Mal unter der Intendanz von Bernd Loebe. Bei der jährlichen Umfrage der Fachzeitschrift „Opernwelt“ unter mehr als 40 Kritikern und Kritikerinnen wurde außerdem Christof Loys Inszenierung von Nikolai Rimski-Korsakows „Die Nacht vor Weihnachten“ zur „Inszenierung des Jahres“ gewählt. Der Frankfurter Opernchor ist der „Chor des Jahres“ – vor allem wegen seiner fulminanten Darbietung in „Ulisse“.

Am Donnerstag werden vor der „Cenerentola“-Vorstellung die Urkunden überreicht. Eine ältere, sehr feine Inszenierung von Keith Warner. Die erste Premiere der Saison ist am 2. Oktober, Ted Huffman inszeniert Mozarts „Zauberflöte“, Steven Sloane dirigiert. www.oper-frankfurt.de

Jenseits von Frankfurt wurde Kirill Petrenko zum „Dirigenten des Jahres“ gewählt (für seine „Pique Dame“ in Baden-Baden), als „Regisseur des Jahres“ setzte sich Kirill Serebrennikov knapp vor Claus Guth durch. Mehr zur Kritikerumfrage im Jahrbuch der Zeitschrift „Opernwelt“, das am heutigen Donnerstag in den Handel kommt.

Bernd Loebe, 1952 in Frankfurt geboren, ist hier seit der Spielzeit 2002/03 Intendant. Sein Vertrag läuft bis 2028. Vor seiner Rückkehr nach Frankfurt war Loebe, der lange als Journalist gearbeitet hat, künstlerischer Direktor der Brüsseler Oper La Monnaie.

Neben der Unsicherheit wegen der Gebäudesituation gibt es eine grundsätzliche und berechtigte Unzufriedenheit unseres Orchesters, das zu den besten in Deutschland gehört, auf der Gagentabelle in Deutschland aber auf den vorletzten Platz gerutscht ist.

Der Tabelle der A-Orchester, meinen Sie, der größeren und etwas besser bezahlten.

Nur noch das Orchester der Komischen Oper in Berlin wird schlechter bezahlt als unser Orchester.

Wie ist das möglich?

Die Stadt ist nicht bereit, dem entgegenzuwirken. Alle Versuche von mir und vom Orchester selbst inklusive Sebastian Weigle (dem Generalmusikdirektor, d. Red.) sind bislang gescheitert. Die Deutsche Oper Berlin oder Stuttgart waren hinter uns und liegen jetzt vor uns, ebenso das Orchester der Oper am Rhein in Düsseldorf, wo das Land Nordrhein-Westfalen ordentlich draufgesattelt hat.

Wieso tut sich woanders mehr?

Weil es da offenbar überall Politiker gab, die eingesehen haben, dass man da schrauben muss. Das Orchester hier hätte es längst verdient, dass etwas geschieht. Diese Sache gärt. In Frankfurt wurden im Gegenteil dazu bereits Kürzungen des Etats für die Oper angekündigt, deren Umsetzungen die kulturelle Infrastruktur substantiell gefährden würden.

Stichwort Hilfe vom Land: Wie schaut es da aus?

Ich hatte ein sehr gutes Gespräch in Wiesbaden und warte auf einen nächsten Termin. Ich würde das Gespräch gerne zeitnah fortsetzen. Man kann nicht immer mit uns als „Leuchtturm in Hessen“ angeben und gleichzeitig sagen: sorgt für euch selbst.

Wobei Sie schon angedeutet hatten, dass die Stimmung in der Stadt einer wie immer gearteten Staatstheater-Variante gegenüber nicht mehr so negativ ist.

Man muss eine kluge Konstruktion finden, mit der Stadt und Land gleichermaßen zufrieden sein können.

Die offensichtlichste Baustelle ist die Sanierungs- und Neubaudebatte. Stand jetzt?

Keine Ahnung. Ich habe mich vor den Ferien noch mit Mathias Hölzinger (dem Leiter der Stabsstelle „Zukunft der Städtischen Bühnen“, d. Red.) getroffen. Seine Hoffnungen liegen nach wie vor bei einem Opernneubau an der Neuen Mainzer Straße. Gleichzeitig hat er seinem Eindruck freien Lauf gelassen, dass die Situation unklar ist. Zumal die Energieproblematik jetzt noch dazu gekommen und das Bauen deutlich teurer geworden ist. Ich befürchte, dass das Thema weggeschoben wird, weil die Stadt, vielleicht nicht ganz unberechtigt, andere Probleme auf sich zukommen sieht.

Wenn die Arbeit bei uns nicht so attraktiv wäre, könnte ich keinen guten Sänger halten.

Bernd Loebe

Aber der Abriss ist doch beschlossen.

Ich denke, es gibt da auch gewisse bewusste Verzögerungsmechanismen. Es gibt keinen Termin im engeren Sinne. Als die Städtischen Bühnen begutachtet wurden, fiel die Zahl 2023. Ab dann, hieß es, werde es deutlich gefährlicher. Jetzt haben wir September 2022. Vielleicht will man es einfach riskieren, und wenn irreparable Schäden entstehen, fällt der Vorhang.

In Heidelberg hat das zu einem attraktiven Neubau geführt.

Wobei in Heidelberg alles nicht solche Dimensionen hat wie hier. Und es gab ein Interim in diesem Zelt. Ich hätte große Bedenken gegen eine Interimssituation, zumal es immer noch keine Klarheit darüber gibt, wo diese entstehen könnte. Wenn wir dabei in ein Stagione-System gehen müssen oder zumindest in ein deutlich verschlanktes Repertoireangebot, könnte das leicht dazu führen, dass das Ensemble auseinanderfliegt. Eines der besten in Deutschland, wenn nicht in Europa, wie mir im Kollegenkreis immer wieder bestätigt wird.

Wie groß ist das Ensemble derzeit?

41.

Das ist sehr groß, oder? Der Trend geht eher zu vermehrten Gästeengagements.

An sehr großen Häusern singt das Ensemble die kleinen Rollen, die großen übernehmen Gäste. Hier am Haus dagegen können Sie davon ausgehen, dass 85 Prozent der Sängerinnen und Sänger interessante Partien bekommen, an denen sie wachsen können.

Ist das eigentlich teurer?

Nein, und erst recht nicht, wenn Sie es im Verhältnis zur Qualität sehen. Wir haben gute Ensemblemitglieder, die an einem Abend, an dem sie woanders gastieren, so viel Geld bekommen wie bei uns in einem Monat. Viele von denen brauchen kein festes Ensemble mehr. Sie bleiben, weil sie hier die Qualität sehen, wunderbare Kollegen haben, gute Dirigenten, gute Regisseure und weil sie spüren, dass sie sich hier weiterentwickeln können. Das ist unsere Chance. Wenn die Arbeit bei uns nicht so attraktiv wäre, könnte ich keinen guten Sänger halten.

Sprechen wir noch kurz über Corona, möge es kein großes Thema mehr werden für die Theater. Haben Sie trotzdem einen Plan B?

Der prämierte Opernchor. Foto: Barbara Aumüller
Der prämierte Opernchor. © Barbara Aumüller

Wir hoffen, dass wir eine normale Spielzeit haben.

Tatsächlich scheinen sich die Häuser derzeit etwas mühsam zu füllen. Wird das doch eine Krise über Corona hinaus?

Vor den Ferien lagen wir circa 20 Prozent unter den früheren Verkaufszahlen, jetzt sind es nur noch 10 Prozent. Man darf nicht immer von der Krise der Oper reden. Wenn man ständig eine Krise herbeiredet, will doch keiner mehr herkommen. Wir müssen gute Aufführungen machen und das Publikum wieder anlocken, sonst führen wir die Krise erst recht herbei.

Und die Abonnentensituation?

Von 5000 verlorenen haben wir 400 zurückgeholt. Fünf, sechs Jahre wird es dauern, um das wieder aufzuholen. Aber die Tendenz macht Mut.

Prämiert wird in der Umfrage auch die „Nacht vor Weihnachten“, die dieses Jahr leider nicht auf dem Programm steht. Weil Sie von diesem Erfolg selbst überrascht worden sind?

Wobei es momentan mit den russischen Sängern nicht so einfach ist, es aber für eine solche Oper gut ist, wenigstens ein paar Muttersprachler dabei zu haben. Aber es stimmt, es war ein Riesenerfolg, und selbst mich hat es über Gebühr berührt. Die Musik von Rimski-Korsakow ist meisterlich, Sebastian Weigle, der die russische Musik liebt, und Christof Loy, dem wir die Idee überhaupt verdanken, haben es ebenso meisterlich angepackt. Bei diesen Flügen durch die Luft haben wir am Anfang gesagt, das geht überhaupt nicht, das können wir sicherheitstechnisch nicht verantworten. Aber im Laufe der Proben haben wir gemerkt: doch, es geht, wir können die Sicherheitskriterien einhalten.

Am Wochenende starten Sie mit einer neuen „Zauberflöte“. Dreimal darüber nachgedacht, Alfred Kirchners Inszenierung nach fast einem Vierteljahrhundert abzusetzen?

Die alte „Zauberflöte“ war einerseits sehr erfolgreich, immer voll und auch sympathisch. Gleichzeitig fand ich sie dem Werk nicht angemessen. Es ist keine Kinder- und keine Märchenoper, es geht um große philosophische Themen und mächtige Konflikte. Ich denke, es war an der Zeit, mal nach einem neuen Weg zu suchen. Ich kriege bestimmt böse Briefe, wie ich auch nach der Absetzung von Axel Cortis „La Traviata“ böse Briefe bekommen habe. Man hatte sich an den Schäferhund so gewöhnt, ist er nicht drollig, dabei war es ein Schäferhund der SS. Aber das muss ich aushalten.

Jetzt inszeniert der Amerikaner Ted Huffman ...

... und er hat eine völlig andere Lesart, aber klug. Sein „Rinaldo“ im Bockenheimer Depot war der Ausgangspunkt für uns, ihn zu engagieren. Dass Julia Jones, die Dirigentin, schwer erkrankt ist und wir sehr kurzfristig Ersatz suchen mussten, hat natürlich Unruhe ins Projekt gebracht. Und wir arbeiten nicht mit einem einzigen Gast, dafür haben wir einige sehr junge und unerfahrene Sänger dabei. Ich bin gespannt.

Was ist Ihre Haupthoffnung für die Spielzeit?

Auf dem Papier sieht das wieder alles ganz gut aus. Ich hoffe, „Die letzten Menschen“ von Rudi Stephan wird uns Ende der Saison die Augen dafür öffnen, dass das ein ganz großer ist und ein noch größerer hätte werden können, wenn er länger gelebt hätte. Er ist ja im Ersten Weltkrieg mit 28 Jahren gestorben. Für uns ein besonderer Abend, die letzte Arbeit von Sebastian Weigle als GMD. Ich habe aber an sich keine Hierarchie, was die Produktionen betrifft. Immer die nächste ist für mich die wichtigste. Was den Erfolg betrifft, liegt man ohnehin manchmal daneben, erwartet an einer Stelle den Knaller der Saison, und dann ist es ein ganz anderer.

Interview: Judith von Sternburg

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