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„Francesca da Rimini“ und „Don Pasquale“: Leid, Tod und Traum

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Von: Judith von Sternburg

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Die Titelheldin Francesca da Rimini, Anna Nekhames. Xiomara Bender
Die Titelheldin Francesca da Rimini, Anna Nekhames. © Xiomara Bender

Die Tiroler Festspiele in Erl zeigen Saverio Mercadantes „Francesca da Rimini“, die auch nach Frankfurt kommt, und „Don Pasquale“ als lustiges Nachspiel.

Die Oper liebt das Leid, aber in Saverio Mercadantes „Francesca da Rimini“ ballt es sich gewaltig und hält drei Stunden lang an. „Es gibt kein grausameres Schicksal“, singt Lanciotto und ist noch der aktive Schurke unter den Unglücklichen. Ja, so wenig Hoffnungsschimmer ist selbst für eine ernste Oper selten.

Francesca und Paolo sind jung und schön – ihn sollte sie heiraten und schwebte schon im siebten Himmel, dabei war ihr das nur vorgegaukelt worden, damit sie versehentlich in die Ehe mit Paolos garstigem Bruder Lanciotto einwilligte. Das ist die Vorgeschichte. Francesca und Paolo kommen nun nicht voneinander los, was sie beide das Leben kosten wird. Bis dahin dauert es noch eine Weile.

Mercadante (1795–1870), bald vergessen, aber seinerzeit eine geachtete Figur im italienischen Musikleben, schrieb seine Oper für die Saison 1830/31 in Madrid. Hier stand eine königliche Hochzeit an (offenbar überwog im Verständnis des vielfach vertonten Stoffs die Liebesgeschichte gegenüber der erzwungenen Ehe). Jedoch verhinderten Zank und Kabale die Uraufführung. Sie erfolgte tatsächlich erst 2016 in Italien.

Auch bei der jetzigen Produktion für die Tiroler Festspiele in Erl handelt es sich also nicht um eine Wiederentdeckung, sondern um eine Entdeckung. Man hört noch Bellini und schon Verdi. Obwohl die drei Glücklosen sich einmal fast in ein Rossini-Crescendo steigern, ist der Grundton temperiert elegisch, mag sich Lanciotto auch gelegentlich aufbäumen und Francesca vor Gram in veritable Wahnzustände geraten.

Hans Walter Richters Inszenierung geht mit dieser Supertragik geschickt um und gibt ihr eine überzeugende Fassung - einen passenden Rahmen wie auch eine stimmige, nämlich innigliche Atmosphäre. Johannes Leiackers starkes Bühnenbild arbeitet mit einem finsteren Spiegelboden und einer sich zügig öffnenden und schließenden schräggestellten Rückwand, hinter der das ins Riesenhafte gebrachte Tor von Caspar David Friedrichs „Abtei im Eichwald“ auftaucht – ein Fluchtort, ein Traum- und Albtraumort. Hier doppeln Tänzer und eine Tänzerin die Hauptfiguren, variieren ihr Leid, erzählen Alternativen. Es kommt zu klassischen Doppelgängerbegegnungen, auch die Kostüme von Raphaela Rose orientieren sich am Romantischen. Vorzüglich die Führung des herein quellenden Chores (einstudiert von Olga Yanum), der in der Oper und erst recht bei Richter zum beobachtenden, mitleidenden Protagonisten wird.

Obwohl die Bühne des Festspielhauses eine beträchtliche Größe hat (und erst recht der Orchestergraben), ist die Ausgangssituation doch intim, die Nähe zum hochemotionalen Ensemble kintopphaft intensiv. Ende Februar kommt „Francesca da Rimini“ nach Frankfurt – die Doppelfunktion von Bernd Loebe, der neben der Frankfurter Intendanz inzwischen ja auch die Festspiele in Erl leitet, macht es möglich –, mal sehen, wie es hier wirkt.

Zur Sache:

Tiroler Festspiele Erl: „Don Pasquale“ noch einmal am 6. Januar, „Francesca da Rimini“ 7. Januar. www.tiroler-festspiele.at

Die „Francesca da Rimini“-Produktion kommt in einer zum Teil anderen Besetzung an die Oper Frankfurt, die Premiere (und Deutsche Erstaufführung) ist am 26. Februar. www.oper-frankfurt.de

Alle drei Hauptfiguren singen und spielen sich die Seele aus dem Leib, das fordert diese Oper, und es gelingt ihnen mit Bravour. Theo Lebow, der auch in Frankfurt zu hören sein wird, bietet als diabolischer Schmerzensmann seinen beweglichen, charaktervollen Tenor auf – denn der Unsympath Lanciotto ist eine hohe Männerstimme und sein holder Bruder Paolo eine Hosenrolle. Karolina Makula lässt sich in Erl mit Verve und markerschütterndem Ernst darauf ein – die Leere, die Paolos Passivität mit sich bringt, füllt sie mit Leben bis zum Rand –, stimmlich mit einem jugendlich strahlenden, in der Tiefe großen und warmen Mezzo.

Anna Nekhames ist das Mädchen Francesca, optisch sind das wirklich zwei Königskinder, aber auch die Sopranistin muss lange und groß singen, und sie macht das souverän und mit Gold in der Stimme. Erik van Heyningen, der auch in Frankfurt Francescas Vater sein wird, vermittelt die Noblesse eines väterlichen Verdi-Baritons, greift jedoch erst spät ein, um seiner Tochter zu helfen. Vergebens natürlich. Finster und trostlos über den Tod hinaus bleibt die Szene bei Richter.

Die zweite Opernproduktion der Erler Winterausgabe ist in mehrfacher Hinsicht dermaßen passend, dass sich das unbedingt als Doppel empfiehlt. Auch „Don Pasquale“ erzählt von einer Ehe, wie es sie nicht geben sollte, aber diesmal ist das Glück auf der Seite des Liebespaares. Die Musik von Mercadantes Altersgenossen Gaetano Donizetti (1797-1848) hat in dieser ebenfalls schlank besetzten späten Opera buffa (1843 uraufgeführt und nie vergessen) einen weit schärferen Dreh. Die Inszenierung von Caterina Panti Liberovici stößt aber (es muss reiner Zufall sein, aber was für ein schöner) auf Ähnlichkeiten, angefangen dabei, dass auch hier der Hauptaufenthaltsort des Titelhelden das Bett ist – Sergio Mariotti lässt es in Pasquales marodem Palazzo allenthalben in der Wand verschwinden und wieder auftauchen. Donato di Stefano, ein Pasquale wie er im Buche steht, wird von Liberovici in die Nähe zum bereits schwerkranken Komponisten gebracht, der Tod sitzt ihm im Nacken, die Handlung selbst bekommt Züge einer Halluzination. Hübsch, wenn Pasquale den Brief selbst schreibt, der ihn zugleich beim Lesen in Rage bringt. Papier und Feder sind ohnehin stets und überreichlich zur Hand.

Raphaela Rose hat für das übrige Personal Commedia-dell’arte-Kostüme entworfen. Wie es sich gehört, dominiert Norina, die fabelhafte Bianca Tognocchi, die Szene in Bild und Ton. Flankiert wird sie von Brayan Avila Martinez als zartem Ernesto und Danylo Matviienko als geschmeidigem Malatesta (auch Paolo und Lanciotto sind Malatestas, fast etwas verrückt). Die Regisseurin lässt einiges komödiantisches Potenzial zugunsten ihrer verschatteten Bilder und Lesarten liegen. Es geht für diesmal auf. Ebenfalls eine irre Corona-Folge, dass diese Produktion wiederum schon vor zwei Jahren hätte in Frankfurt zu sehen sein sollen.

Beide Abende stehen unter der fein zügelnden und zündelnden Leitung von Giuliano Carella, das Festspielorchester zeigte sich voll auf der Höhe. Im Sommer schließt Brigitte Fassbaender in Erl ihren „Ring“ ab, mit „Siegfried“ und „Götterdämmerung“, auch keine Kleinigkeit.

Der Titelheld Don Pasquale, Donato di Stefano. Xiomara Bender
Der Titelheld Don Pasquale, Donato di Stefano. © Xiomara Bender

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