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In den Fängen der Liebe: Jonathan Tetelman als Paolo und Sara Jakubiak als Francesca.
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In den Fängen der Liebe: Jonathan Tetelman als Paolo und Sara Jakubiak als Francesca.

Deutsche Oper Berlin

„Francesca da Rimini“: Nacht der Liebe

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Riccardo Zandonais „Francesca da Rimini“, ganz groß in Berlin.

Wenn eine Rarität besonders gelungen inszeniert wird, jubeln bestimmt die Engel im Opernhimmel, denn zu den vornehmsten Aufgaben des Musiktheaterbetriebs gehört es, auch der Vergangenheit immer wieder Zukunft zu geben. Es sollte aber eben nicht immer dieselbe Vergangenheit sein.

Man kann recht alt werden, ohne die 1914 uraufgeführte „Francesca da Rimini“ von Riccardo Zandonai (1883-1944) auf der Bühne gesehen zu haben. Wenn es dann so weit ist – nun bei der Livestream-Premiere der Deutschen Oper Berlin –, erscheint es unbegreiflich, warum das so lange gedauert hat. Das Terrain ist sofort vertraut und fesselnd.

Die Musik changiert zwischen Puccini (die Klangwelt) und Debussy (die geisterhafte Innerlichkeit) mit etwas Strauss und Wagner dabei (die Dekadenz und die Liebes-Ekstase). Aber sie ist auch eigen genug, dazu aus einem Guss und so weit weg von einer Nummernabfolge, wie es in der italienischen Oper überhaupt möglich ist. Carlo Rizzi bringt diese Musik in Berlin und daheim am Lautsprecher zum Blühen und Glühen. Wie er und das Orchester – dazu sichtbare und unsichtbare Bühnenmusik – zugleich Vorsicht walten lassen, die Zartheiten herausarbeiten wie eine Stickarbeit, ist überwältigend.

Die Geschichte erinnert an „Tristan“ und „Bajazzo“

Das Libretto basiert auf einem Stück von Gabriele D’Annunzio, die Geschichte erinnert an „Tristan“ und „Bajazzo“: Die Frau, die mit dem falschen (alten, versehrten) Mann verheiratet ist und den richtigen (jungen, wunderschönen) Mann darum nicht lieben darf. Ohne perfiden Verrat eines dritten Mannes (möglicherweise ein verschmähter Aspirant) wäre es nicht zur Entdeckung des lauteren Betrugs gekommen. Wer wahrhaft liebt, überlebt diese Handlung nicht und will sie auch nicht überleben.

In „Francesca da Rimini“ steht am Anfang eine besonders üble Konstellation, die Regisseur Christof Loy herausragend ins Szene setzt. Wie im Traum nimmt Francesca Paolo wahr, der in Wirklichkeit nur gekommen ist, um für den älteren, hinkenden Bruder zu werben. Der Hof, der die Heirat forciert, besteht aus geschmeidigen jungen Männern in dunklen Anzügen, lebhaft, eiskalt. Die Berliner Francesca, die großartige, ernste Sara Jakubiak – die mit Loy vor Ort schon Korngolds schwieriger zu realisierende Oper „Das Wunder der Heliane“ zum Triumph geführt hat –, wirkt keinesfalls versponnen. Es sagt ihr einfach niemand, was los ist. Nachdem sie, vom wunderschönen Jonathan Tetelman, bezaubert, geistesabwesend den Heiratsvertrag unterschrieben hat, gleitet rasch ihr Mann an Paolos Platz. Loy denkt nicht daran, einen Hinkefuß-Giovanni zu zeigen, Ivan Inverardi hat graue Haare, ein sympathisches Lächeln und einen milden Bariton, und er ist der Mann, den Francesca nicht liebt und der sie deshalb ermorden wird.

So gleitet die Szene vom ersten zum zweiten Akt. Hier gelingt es Loy, eine an sich und erst recht in einem Salon sinnfrei wirkende Schlacht (wie immer Guelfen gegen Ghibellinen) relativ spannend und triftig in Szene zu setzen. Paolo und Francesca – von D’Annunzio Dantes „Göttlicher Komödie“ entnommen – verschlingen sich in einer Kampfpause endgültig zum nacht- und todessüchtigen Tristan-und-Isolde-Paar. Der Verräter ist ein dritter, extrem gewalttätiger Bruder, Charles Workman, der die brutalistische Gestalt mit markantem Tenor als Durchschnittsmann präsentiert. Jakubiaks Francesca, wiewohl angeekelt, zeigt sich hier facettenreicher, als es uns Bürgerlichen lieb sein kann. Die Luft vibriert.

Sara Jakubiaks luxuriöser Sopran

Loys Personenführung ist bewunderungswürdig. Die Sinnlichkeit, die Zandonai aus D’Annunzios überbordender Sprache bereits in die (wenigstens aus heutiger Sicht) hierfür besser geeignete Sphäre einer komplexen Musik gehoben hat, wird bei Loy noch einmal eine Spur heruntergekocht. Das macht sie natürlich größer. Die Liebesszenen zwischen Jakubiak und Tetelman – die Blicke, die Berührungen, der Vollzug, der in der „Walküre“ meist für das rasche Sinken des Vorhangs beten lässt – übertreffen an Schönheit und Überzeugungskraft das meiste, was man auf diesem Sektor auf der Bühne sonst zu sehen bekommt. Jakubiaks dunkel grundierter, luxuriöser Sopran und Tetelmans strahlend, aber nicht angeberisch italienisierender Tenor vollenden die traumhafte Paarung.

Der Chor ist auf die Bühne zugeschaltet. Den Höflingen und Soldaten, mit denen Loy eine imposante Massenhaftigkeit simuliert, stehen Francescas reizende individuelle Damen gegenüber. Die zeitlose Modernität der Konstellation weiß Loy entspannt zu nutzen. Johannes Leiackers Bühne zeigt einen schön tapezierten Salon, hinter dem gelegentlich eine köstliche, aber nicht ungefährlich wirkende Claude-Lorrain-Landschaft sichtbar wird. Wie die Kostüme von Klaus Bruns ist das Interieur sanft an die Entstehungszeit der Oper angelehnt.

Wie erfreulich und verheißungsvoll, dass sich jetzt Theater landauf, landab an „Francesca da Rimini“ versuchen werden. Schwierig – das war schon beim „Wunder der Heliane“ so –, gegen die perfekte Berliner Lesart anzukommen, aber man wird sehen.

Deutsche Oper Berlin: Videostream bis 17. März noch kostenfrei via deutscheoperberlin.de auf takt1.de, anschließend dort im Abo enthalten. Am 4. April nimmt das Haus an dem Berliner „Pilotprojekt Testing“ teil, Vorverkauf hierfür ab dem 18. März.

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