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Forced Entertainment im Mousonturm: „Under Bright Light“ – Anstrengend, irgendwie schön

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Von: Judith von Sternburg

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Die Bühne noch relativ leer, aber die erste Erschöpfung ist schon da. Foto: Hugo Glendinning
Die Bühne noch relativ leer, aber die erste Erschöpfung ist schon da. © Hugo Glendinning

Forced Entertainment zeigt im Mousonturm, was der Mensch so den ganzen Tag tut.

Hier geht es nicht nur darum, was wir arbeiten, hier geht es um alles, was wir so tun und von dem wir hoffen, dass es klappt. Trotzdem wird jeder zuerst an die Arbeit denken.

Nun ist es ein himmelweiter Unterschied, ob mir eine Herztransplantation gelingt, ob ich das Gedicht „Willkommen und Abschied“ schreibe oder ob ich einen Pappkarton von einer Ecke in die andere trage. Wäre wenigstens etwas drin im Pappkarton, es könnte sehr wichtig sein. Käme wenigstens nicht gleich ein anderer und griffe nach dem Pappkarton, um ihn wieder zurückzutragen.

Andererseits: Weiter als der Himmel sind die Unterschiede dann auch nicht. Vom Mars aus betrachtet, wo man scharfe Augen hat, wird das, was hier auf Erden geschieht, unter dem Strich so aussehen, wie das, was Robin Arthur, Nicki Hobday, Richard Lowdon, Claire Marshall, Cathy Naden und Terry O’Connor vorführen. Es macht, je nach Alter, Konstitution, Ausbildung, mehr oder weniger Mühe.

Die englische Truppe Forced Entertainment geht diesmal an die Basis menschlicher Aktion. „Under Bright Light“, vom Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm koproduziert, hatte im März Uraufführung, die Proben starteten vor der Pandemie 2019. Die Zeitunabhängigkeit der 100 Minuten könnte nicht triftiger unter Beweis gestellt werden.

Im Mousonturm-Theatersaal unter dem erst später hellen Licht (abwechslungsreiches Licht-Design: Nigel Edwards) ein grünes Teppichquadrat vor weißer Trennwand (Bühne: Lowdon). Die Teppichfarbe ist die eines Spieltischs, und ein Spiel ist es ja auch, wenn auch nach undurchschaubaren Regeln.

Die sechs tragen zudem reinliche Blaumänner, für sie ist es keine Freizeitbeschäftigung. Acht Pappkartons, vier einfache Plastikstühle, einen Tisch, ein tischgroßes Arbeitspodest und eine Stehleiter bewegen sie im Raum umher, dazu pulsierender Klang (Graeme Miller). Die weiße Wand braucht es, um dahinter weitere Pappkartons, Plastikstühle, Tische, Arbeitspodeste und Stehleitern hervorholen zu können. Denn im frappierenden Einerlei steckt Dynamik, mehr als man zunächst annimmt.

Also: Die sechs bringen die Teile auf der Bühne nach hier, nach dort, keine Roboter, Menschen, die sich unterschiedlich bemühen, unterschiedlich sputen, einige schneller erschöpft als die anderen. Zwischendurch kleine Clownseinlagen, stoisch serviert, und das Publikum hat seine Freude daran. Zugegebenermaßen ist das aber nicht der Punkt. Die Planlosigkeit ist ausgeklügelt, das Erschöpfende eines Spiels ohne Regeln zeigt sich bald. Es wird mit der Zunahme der Gegenstände auf dem Spielfeld anstrengender, aber Forced Entertainment steigert das nicht zum Äußersten.

Stattdessen verschieben sich das Geschehen, die Bewegungsrichtung, der Bewegungsablauf, die Intensität immer wieder leicht. Vorangebracht wird das anscheinend durch Signale in der Schlagbohrer-Puls-Musik – mit kleinen Pfeifereien, zwischendurch ein bisschen wie ein Modem, lange nicht gehört, fast schon vergessen.

Die Steigerungen sind sanft, beharrlich, aber auch sie werden nie ins total Turbulente ausgereizt. Aus kurzem narkotischem Schlafbedürfnis entwickelt sich eine regelrechte Fallsucht, ein Purzeln und Beinehochfliegen. Das Herumtragen wird zum Herumwerfen der Gegenstände.

Fabelhaft aber vor allem, wie der spröde Arbeitsvorgang unter nun veränderten Lichtbedingungen allmählich in etwas Organisches, Natürliches überzugehen scheint. Während man eben noch darauf wartet, dass sich vielleicht doch eine Lösung anbietet, das Ganze ein Tetris-Spiel ist, das zwar ebenfalls (vorläufig) unendlich weitergeht, aber wenigstens sekundenweise Befriedigung ermöglicht. Ein Gelingen. Stattdessen variieren die sechs ihr Vorgehen immer wieder und fangen schließlich an, mit dem ganzen Gerät, jetzt stärker geschwungen als zuvor, über die Bühne zu ziehen. Wie jeweils eine große Woge. Sehr unspektakulär, man starrt geradezu hin.

Dass das Licht-Design oben abwechslungsreich genannt wurde, hängt natürlich damit zusammen, dass in Wahrheit extrem wenig passiert. Es ist trotzdem spannend, auch entspannend. Eine Meditation in Kleinigkeiten für das Publikum, in Bescheidenheit auch mit Blick auf die nahegelegte Selbsterkenntnis. Man begreift auch viel plastischer als sonst, warum man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen muss.

Zwischendurch und ganz am Ende – die sechs ab, ein Müllberg bleibt zurück – totale Stille. War das alles? Das, das war alles.

Mousonturm Frankfurt: bis 8. April. www.mousonturm.de

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