Staatstheater Wiesbaden

Flaschenpost aus Iran

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Das nur scheinbar einfache Stück „White Rabbit, Red Rabbit“ bei den Maifestspielen.

Nassim Soleimanpours „White Rabbit, Red Rabbit“ ist ein seit sieben Jahren still und beharrlich tourender Theatertext, übersetzt in Dutzende Sprachen und probiert auch von Prominenten wie Whoopi Goldberg, John Hurt und Ken Loach. Ach, man muss gar kein Schauspieler dafür sein? Nein, nicht wirklich. Ohnehin kann jeder es nur einmal spielen, und da sich nichts vorbereiten lässt, ist der Aufwand überschaubar. Anschauen kann man es sich hingegen mehrfach, so jetzt am Staatstheater Wiesbaden, wo „White Rabbit, Red Rabbit“ ins Programm der „Jungen Woche“ der Maifestspiele geraten ist, obwohl es sich zweifellos um ein Stück für Erwachsene handelt. Die Kinder hatten aber auch ihren Spaß, etwa bei der Schnapp-dir-die-Möhren-Nummer.

Das jeweilige Ensemblemitglied, das auf die Bühne tritt und den Text nicht kennen darf, muss in den Tagen zuvor eigentlich ein Zeitungslese- und in der Kantine auch ein Zuhörverbot bekommen haben. Es ist ja schon witzig, dass auch ein hunderte Male gespielter Text noch jemandem aus der Branche unbekannt sein kann. Auch ist es eh witzig, Maximilian Pulst im Kleinen Haus dabei zuzuschauen, wie er ad hoc einen Bären spielt, der einen Geparden spielt, der einen Strauß spielt.

Also: Der Autor macht den Schauspieler, der am Anfang des Stückes einen geschlossenen Umschlag mit dem Text angereicht bekommt, einerseits zu seinem Sprecher, durch den er vom Iran aus in Kontakt zur Welt tritt. Er nennt im Text seine E-Mail-Adresse, so oft es geht. Als das Stück entstand, hatte Soleimanpour, Jahrgang 1981, keinen Pass und konnte nicht reisen. Den zweijährigen Wehrdienst, den er dafür hätte absolvieren müssen, wollte er nicht machen. Inzwischen hat sich – das erfährt man natürlich nicht im Stück – seine Situation geändert. Wegen eines Augenleidens wurde er ausgemustert, konnte das Land verlassen, erlebte die Aufführung seines jüngsten Stückes „Nassim“ (!) am English Theatre in Berlin mit. „White Rabbit, Red Rabbit“ ist dadurch noch mehr eine Zeitkapsel geworden: Auf ewig spricht ein junger, fantasievoller, auf die Welt neugieriger Iraner, der sich mit der englischen Sprache herumplagt, durch einen verblüfften Schauspieler zu einem nicht minder verblüfften Publikum.

Von den Zuschauern wird einiges erwartet, es sind aber weitgehend nette Sachen. Ein Kaninchen kommt vor, das beim Zirkusbesuch seine Ohren bedecken soll (logisch, der Hintermann würde ja schlecht sehen). Als das Kaninchen in der fabelhaften Show die Mütze hochwirft, bekommt es allerdings die Schärfe des Gesetzes und der Bärenkrallen zu spüren. Auch sonst ist nicht alles immer so ulkig. Es gibt zwei Gläser mit Wasser, eines ist vergiftet.

Die einen hoffen sicher, dass sie nicht mitmachen müssen, die anderen hoffen sicher, dass sie mitmachen müssen. Man lacht, man staunt, wie schnell man sich in all das verwickeln lässt, man denkt an einen jungen Mann in einem fernen Land, der einen so frechen, seltsamen, quicklebendigen Text auf eine Reise ins Ungewisse schickt. Überhaupt denkt man an die Menschen im Iran.

Noch einmal am 13. Mai, diesmal in der  Wartburg und mit Llewellyn Reichman.
www.staatstheater-wiesbaden.de

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