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Und was bedeutet das? Ein „Flags“-Signal im Frankfurter Mousonturm. 

Tanz

„Flags“ im Mousonturm: Auf dem Rütli und im Vatikan

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Nützlicher tanzen: Paula Rosolen zeigt im Mousonturm die Uraufführung von „Flags“.

Als Choreografin befindet sich Paula Rosolen mit ihrer Company Haptic Hide in einer stringenten Künstlerrecherche von starkem Personalstil. Wie sie in „Aerobics!“ in die Ur-Mutter aller Work-Outs eintauchte und dem Beginn des Aerobic-Drills bei der US-Airforce sowie Sport und Herrschaft nachspürte, spießte sie in „Puppets“ den romantischen Tänzerkörper an Choreografen-Fäden auf. Den gelassensten Ansatz zeigte ihr Musical-Projekt „Libretto“, das uns zu Glamour-Stars erklärte und Profis in die Hand gab.

„Flags“ verbindet die strenge Formalität und das Populäre vom Setting und den Kostümen an. Was Paula Rosolen mit J. M. Fiebelkorn als Design konzipierte und Michaela Kraft realisiert hat, platziert uns frontal vor einer Tanzfläche, die sich als breites weißes Band zur Hinterwand hin verjüngt und an dieser empor weiter verschlankt. Der perspektivische Raumeffekt hat etwas von Landstraße, Exerzier- oder Marktplatz, vielleicht sogar von der Landefläche eines Flugzeugträgers. Links und rechts stehen Kästen für Signal- und andere Flaggen bereit.

Auch wenn man das „Flags“-Heft mit seinen Codes von Alfa bis Zulu, von der Fluglotsen-Sprache zum Morsealphabet und von der Fischerei zum Tauchen nicht im Kopf hat, deutet sich 75 Minuten lang die Illusion an, der Darbietung einer bunten, dank des Ensembles (Douglas Bateman, Leonard Engel, Cindy Hammer, Maria Kobzeva, Stephan Quinci) sehr Ballett-erprobten Truppe beizuwohnen. Ob drei oder zwei Tänzerinnen dabei sind, erkennt man erst – und sollte sich immer noch nicht zu sicher sein –, wenn die fünf späterhin ihre Spiegelmasken zum gestiefelten Fechterkostüm abnehmen.

Dass eine Choreografin variantenreich die unzweideutigsten Zeichensprachen durchdekliniert, kann viele Gründe haben. Für den Swing an der Sache sorgt Rosolen durch viel Rhythmus-Hüpfen und permanentes Oszillieren vom maschinellen Robotik-Stil zu flüssigem Tanz, zwischen technisch-geheimen Bühnensprachen (etwa Bodenmarkierungen) als Knotenwerk hinter dem sichtbaren Webwerk lyrischer Tanzstücke und endlosen Einsatzfeldern: Fluglotsen, rituelles Fahnenhissen, Eckfahnen und Fahnentausch im Fußball, Formel-1-Streckenfahnen und, und, und. Sehr schön auch das Kunsthandwerk der Fahnenschwinger, die an den Schweizer Rütlischwur, Gardisten im Vatikan oder sienesisch-toskanische Stadtstaaten-Folklore erinnern. Selbst Wellness-Anmutungen vermitteln sich im harmonischen Farbgeflirre.

Da Nationen Fahnen haben und der Exerzierplatz wartet, wird auch stechgeschritten und zackig marschiert, was hier gern komisch aus dem Leim geht, ob mit oder ohne akustischen Wind-Einspieler zum Tech-Pop-Sound. Flaggen reichen jedenfalls weiter als Stimmen und „Flags“ tut es ihnen meistenteils stumm nach, wenn das Stück mit ihrer Zeichen-Sprache ficht. Hübsch, Kommunikation so zwischen Ein- und Vieldeutigkeit umspielt zu sehen.

Mousonturm Frankfurt:3. Februar. www.mousonturm.de – Weitere Termine in Köln (in der Tanzfaktur, am 7./8. Februar) und Dresden (in Hellerau, am 20./21. März).

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