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„Finsternis“ mit dem Freien Schauspiel Ensemble in Frankfurt: Keines der Kinder weint

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Von: Sylvia Staude

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Moritz Buch in „Finsternis“. BIld: Felix Holland
Moritz Buch in „Finsternis“. BIld: Felix Holland © Felix Holland

Das Freie Schauspiel Ensemble Frankfurt zeigt Davide Enias Monolog „Finsternis“ und lädt zur großen Werkschau „Ver-rueckt“ ein.

Um am Freitagabend eine stolze neunteilige Werkschau zu eröffnen, hat das bereits 1984 gegründete Freie Schauspiel Ensemble Frankfurts Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg gewonnen, die, aus dem Iran stammend, in ihrer Rede darauf hinwies, dass Autokraten gern als allererstes die Theater schließen. Sie hatte es im Iran selbst erlebt. Was, fragte sie, ist also die Bedrohung, die Diktaturen in einer Theateraufführung sehen?

Es kommt ganz auf das Stück an, kann man schon nach diesem ersten Abend der Werkschau mit dem Titel „Ver-rueckt“ feststellen. Zwar ist das Freie Schauspiel ohnehin dafür bekannt, dass es die politischen Stoffe sucht (und findet). Doch der Monolog „Finsternis“ von Davide Enia ist ein geballter Appell, Menschlichkeit zu zeigen, nicht gleichgültig zu bleiben angesichts der Toten, der Ertrunkenen im Mittelmeer.

Der Italiener reiste einige Male nach Lampedusa – ja, da war doch was und da ist noch was, diese Kriegszeit lässt es in den Hintergrund treten –, sprach mit aus Seenot geretteten Flüchtlingen, sprach mit ihren Rettern, Tauchern vor allem, sah sich Videos der Küstenwache an, bis er sie auswendig kannte. Enia schrieb ein Buch darüber, „Schiffbruch vor Lampedusa“, dann einen Theatermonolog, „Finsternis“, den er auch selbst aufführte, denn er ist auch Schauspieler. Mittlerweile war „Finsternis“, übersetzt von Susanne van Volxem, unter anderem am Münchner Residenztheater zu sehen, Robert Dölle spielte dort Davide.

In Frankfurt inszenierte FSE-Chef Reinhard Hinzpeter, es spielt Moritz Buch – ohne zu „spielen“, vorzuführen in dieser Stunde. Davide Enia verbittet sich jede Bebilderung des Grauens; auf einer kargen Bühne muss der Sprecher einen natürlichen Tonfall erreichen: als säße hier einer, der die schrecklichen Dinge loswerden muss, die er gesehen und gehört hat, als säße er irgendwo, überall.

Ein kleiner Konferenzraum könnte sein, was Gerd Friedrich im Frankfurter Titania hingestellt hat: Stühle mit hoher Lehne und schwarzem (Fake-)Leder, ein schlichter Tisch, mittelgroß, an der Seite ein kleiner Tisch, an dem man sich einen Espresso herstellen kann (wir sind ja in Italien). Davide/Buch spricht gleichsam zu seinem Laptop, die Kamera des Geräts überträgt auf eine Leinwand, die die Bühnenrückseite bildet. Manchmal steht er auf, muss sich bewegen.

Der Text berichtet davon, wie Davide sein erstes „Anlanden“ erlebt. Er beobachtet, wie Rettungsdecken verteilt werden, Pizzasnacks, Tee, wie zuerst die Babies – in den Armen von Rettungstauchern –, dann die Kinder, Jugendlichen, Frauen und schließlich die Männer an Land gebracht werden. Die Kinder sind von lilafarbenen Mini-Dinos fasziniert. „Keines der Kinder weint.“ Mädchen, Teenager fallen vor Erschöpfung in Ohnmacht, auch er fängt irgendwann an zu rennen, um sie aufzufangen, ehe ihr Kopf aufs Pflaster knallt. Die Frauen lächeln und bedanken sich leise. Viele von ihnen sind schwanger, viele sind vergewaltigt worden, nicht nur einmal. Die Männer küssen die Erde. Dann werden sie in ein Aufnahmezentrum gebracht, das inzwischen Hotspot heißt.

Enia berichtet auch von den Toten, die kaum noch zu identifizieren sind. Von Körpern, die Dokumente der Gewalt sind. Von 80 Menschen auf einem Schlauchboot, 75 von ihnen überleben die Überfahrt nicht.

Parallel läuft eine andere Geschichte vom Tod: Der geliebte Onkel Beppe hat Krebs, er wird bald sterben. Davide ist zufällig meist auf Lampedusa, wenn die beiden telefonieren. Im Zimmer des Onkels liegt ein Junge mit Leukämie, er ist mit seinem Vater in einem Schlauchboot übers Meer gekommen. Der Onkel ist froh, dass dieser Junge in Italien genauso gut behandelt wird wie er, der Arzt war, und erzählt es seinem Neffen.

Freies Schauspiel Ensemble im Titania, Frankfurt: Werkschau „Ver-rueckt“ bis 25. September. www.freiesschauspiel.de

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