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In Stimmung: Figaro und seine verkleidete Braut.
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In Stimmung: Figaro und seine verkleidete Braut.

„Hochzeit des Figaro“ in Berlin

„Le nozze di Figaro“ an der Staatsoper Berlin: Wenn der Chef frech wird

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Auch schon wieder ganz schön lange her: „Die Hochzeit des Figaro“ als quirliger Achtziger-Jahre-Retro-Spaß in Berlin.

Mozarts „Le nozze di Figaro“ an der Berliner Staatsoper bewegt sich zunächst einmal so offensiv und unbesorgt an der Oberfläche, dass die Achtziger wieder auftauchen, als wäre es gar nicht lange her. Man hält sich mit Aerobic elastisch und scheut kein Pink, und im Zuge von Übersprungshandlungen steht das Gnubbeln mit einem Zauberwürfel oder mit Lockenwicklern zur Verfügung. Überhaupt wird viel gegnubbelt und gegrabbelt und angefasst. Und man merkt dann auch, dass es doch eine Weile her ist. Offensiv und unbesorgt ist der Umgang mit den Oberflächen und mit anderen Menschen. Überhaupt gibt es das Wort Übergriffigkeit noch nicht, aber das Phänomen selbst umso mehr.

Für eine Operninszenierung ist die quietschbunte, zeitgenössische Anlage selbst schon wieder sehr retro, ein Erlebnis wie einst beim ersten Besuch einer John-Dew-Inszenierung, denn selbst das noch so Erfrischende setzt Patina an. Dann wieder kann man bewundern, wie Regisseur Vincent Huguet eben auch das Unbehagliche im Peppigen zu platzieren weiß. Verzicht leistet er vor allem in einer, allerdings wesentlichen Sache: Dass der Graf die Kammerzofe so verabscheuungswürdig bedrängen kann, liegt eben nicht nur daran, dass er ihr Chef und Arbeitgeber, dass er reicher, älter, stärker und schamloser ist. Es liegt vor allem daran, dass er in einer Ständegesellschaft das Recht dazu hat, während die Verlobte des Figaro durchaus kein Recht hat, das sie davor bewahren könnte. Wenn der Figaro den (abwesenden) Grafen zum Tänzchen fordert, dann weht weiß Gott ein ganz anderer Wind der Aufsässigkeit, des Aufstands, des Umsturzes, der Revolution über die Bühne, als er im Jogginganzugzeitalter üblich und erforderlich ist.

Kein Wunder, dass Riccardo Fassi, erneut ein fabelhaft junger, beweglicher, Bob-Dylan-haft frisierter Figaro, gerade diesen Song sonor und mit kaum mittlerem Aggressionsniveau absolviert. Er wird sich das nicht bieten lassen, selbstverständlich nicht. Aber man trifft sich unter seinesgleichen im todschicken Loft der Grafens, das Aurélie Maestre eingerichtet und in dem Clémence Pernoud für die handverlesene Garderobe gesorgt hat. Eine hippe Kreativszene könnte hier tätig sein, Graf Almaviva und seine Frau sind nur knapp älter als das aktuelle Brautpaar, die Konstellation aus Beaumarchais’ (von Rossini vertontem) Vorgängerstück „Der Barbier von Sevilla“ – in dem sich Almaviva mithilfe des Figaro erst seine Rosina schnappen muss, die er jetzt schon wieder betrügen will – ist noch zum Greifen nah.

Gyula Orendt ist ein angenehm singender, aber kein abscheulicher Mann, Elsa Dreisig ist erneut hinreißend und goldenstimmig – und nach ihrem fulminanten Auftritt als Titelheldin in der Hamburger Internet- „Manon“ von Massenet auch der (wenngleich rare) Beweis dafür, wie Karrieren selbst im schaurigen Corona-Opernjahr befeuert werden können. Zum smarten Figaro passt die in jeder Hinsicht quirlige Susanna von Nadine Sierra. Dass Cherubino, Emily D’Angelo, aus seinem Ballonstoff-Freizeitlook lange nicht herauskommt (keine Uniform weit und breit) demonstriert ein weiteres Mal, dass sich Huguet für die ständischen Umstände nicht interessiert. Dass D’Angelo und auch die Barbarina von Liubov Medvedeva ihre süßesten Lieder – „Voi che sapete“ und „L’ho perduta“ – zum Weinen schön und geruhsam vortragen dürfen, macht klar, dass nichts die Macht der Musik durchkreuzen soll und durchkreuzt.

Im Graben sitzt Daniel Barenboim und dirigiert einen – über die heimischen Lautsprecher – eher verhaltenen, jedenfalls nicht glühenden Mozart, gemessen, aber nicht lahm, sondern würdig. Musik und Bilder finden auch auf diese Weise den langen Atem, den eine Mozart-Oper braucht. Und die Milde, die ihr bekommt.

Genial und durch Musik und Handlung gedeckt ist die sympathische Annäherung zwischen Graf und Gräfin, die Huguet zwischendurch eingebaut hat. Sein Almaviva hat genug Potenzial, um sich vor lauter Möglichkeiten und Gier gleich noch in die eigene Frau zu vergucken. Und sie sich in ihn in einem Augenblick der ehelichen Zuneigung, die auch kluge „Rheingold“-Inszenierungen manchmal einbauen.

Aber ein Happyend kann es für einen solchen Lüstling nicht mehr geben. Die Gräfin serviert ihn in die holde Schlussmusik hinein ab, und Cherubino, der sich für Barbarina gar nicht interessiert, nutzt die Gunst der Stunde. So viele Pärchen haben sich gefunden, es ist offensichtlich nicht auszuhalten, aber es ist natürlich auch weise, aber Huguet wird noch einmal zappelig.

Während einem selbst also endlich noch das Wort einfällt, das man vorhin schon über Barenboim und die musikalische Seite hätte verwenden können. Weise ist die Musik dieses Mozart-Abends, wie nicht andauernd so zu hören.

Die Video-Aufzeichnung der Premiere gegenwärtig bei den Abo-Diensten mezzo.tv und medici.tv

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