+
Angela Vallone als Dalibors Ziehkind Jitka, hier mit Theo Lebow, Vítek. 

Oper Frankfurt

Der Fidelio von Böhmen

  • schließen

Die Oper Frankfurt zeigt Bedrich Smetanas „Dalibor“ in vollem musikalischen Glanz, szenisch aber als bemühte Medienkritik.

Das Manifestative, Heroische, das kollektiv Ergreifende ist es, was Werke Beethovens wie die „Neunte“, den Trauermarsch der „Eroica“ oder den „Fidelio“ für große Ereignisse des öffentlichen Lebens so brauchbar macht: eine ursprünglich im Zuge der Nationwerdung der Französischen Republik entstandene Klanggestaltung, die dank Beethovens rhetorisch effektiver Veredelung bei Staatsakten, Neujahrsbegängnissen oder Opernhaus-Einweihungen beliebter wurde. Der „Fidelio“, die Kopie der „Leonore“-Oper Pierre Gaveaux’ von 1798, wurde zum Vorbild vieler nationalfeierlicher Musik, denn die Befreiungstat ist das Modell der Freiheit zum kollektiven Fürsichsein und zugleich als beispielhafte Gefangenenbefreiung ein richtungsoffenes Modell.

Insofern ist es höchst plausibel, dass Bedrich Smetanas Oper „Dalibor“, die zur Grundsteinlegung der tschechischen Nationaloper in Prag uraufgeführt wurde, auf einem Libretto basiert, das den Fidelio-Stoff nutzt. Zwar machte sich gut, dass schräg gegenüber dem zu bauenden Großen Haus auf der anderen Seite der Moldau der Gefängnisturm der Prager Burg steht: Daliborka. Benannt nach einem dort im 15. Jahrhundert einsitzenden Ritter, der einst mit Besetzern eines benachbarten Gutes gemeinsame Sache machte und unter der Anklage der Besitzaneignung schließlich zum Tode verurteilt wurde. Ein für operale Gefühlswallung jedoch wohl nicht genügend zündender Sachverhalt. Librettist Josef Wenzig machte darum aus Dalibor einen sich über Unrecht und gewaltsamen Tod seines musischen Freundes Zdenek empörenden Helden, der entsprechend mit Verve vor Gericht und König erscheint und mit lebenslanger Haft bestraft wird. Wobei sich seine Anklägerin Milada, deren Bruder Dalibor auf dem Gewissen hat, in den Verurteilten verliebt. Als Mann verkleidet wird sie dem überlasteten Kerkermeister dienen. Den Rest kennt man aus „Fidelio“, nur dass es noch einmal zu einem (misslingenden) Aufstand kommt, Dalibor jetzt zum Tode verurteilt ist und Milada tödlich verwundet wird: Liebestod.

Smetana, der diese Oper für seine beste hielt, hat viele musikalische Anleihen bei Beethoven gemacht, aber auch Richard Wagner („Lohengrin“, „Ring“, „Tristan“) gehört zur Patenschaft. Der Ton ist, dem Anlass angemessen, oft mächtig. Griffige Formverläufe entwickeln sich und Schmissigkeit ist dabei oft kein Fremdwort.

Die Partien, in denen Dalibor den Zeiten mit Freund Zdenek und seinen Geigenklängen nachsinnt oder in denen im Kerker Dalibor und Milada ihre Liebe bekennen, sind von einem Klang-Lyrismus getragen, der die Beethovensche Fallhöhe unberührt lässt, die heroische Attitüde weicher, singender, humaner macht. Stimmlich wird einiges geboten: das hohe C, das tiefe E sind der Ambitus, in dem mit voller Kraft agiert werden kann.

Zur Kamera hat Regisseurin Florentine Klepper in der Inszenierung von „Dalibor“ an der Oper Frankfurt als Schlüsselobjekt ihrer Interpretation gegriffen und das gleich in bis zu zwanzigfacher Vervielfältigung. Die Prager Burg ist nämlich Studio 19 von „Tribunal TV“. Offensichtlich einer Gerichts-Show, in der der König von Böhmen, Vladislav, als Talkmaster in einer Art „Bohemia’s next Top-Convict“-Sendung per Zuschauer-Akklamation den Freiheitskämpfer Dalibor sowie seine Anklägerin medienwirksam zu Wort kommen lässt.

Dalibors Unterstützer sind vermummte Schwarzer-Block-Folkloristen, die erst einmal „fuck the system“ an die Außenwände des Studios sprühen, den Mittelfinger recken und später auf den Bildschirmen in der Beobachtungs-Kanzel zu sehen sind beim Stürmen des Kerkers.

Der Smetana-Ton bleibt hier stets geschmeidig

Jitka, das Ziehkind Dalibors, die anführend dabei ist, wird gleich zu Beginn als Femen-Aktivistin präsent und zieht blank: Free Dalibor. Die Polizei und auch Sicherheitsdienste sind brutal und räumen finaliter dann richtig auf.

Der saure Kitsch der ganzen Veranstaltung besteht in dem Theater, das keines sein will und es um so entschiedener ist. Von dem Vortäuschen falscher Operntatsachen ganz zu schweigen, denn die Figuren mit den gewaltigen Zielkonflikten sind nicht die draußen stehenden Lieblinge der Regie, sondern die im Innern: der König und der Gefängniswärter, denen das Libretto die tiefgründigsten Sätze vorbehalten hat. In der Flachheit dieser pseudo-aktuellen Interpretation sind das nur lächerlich gemachte Charaktermasken. Der missgünstige Blick auf die böse Medienwelt aus der Perspektive der Oper, die dem medialen Fressfeind und seiner Aufmerksamkeitszerstreuung mit deren Wiederholung im eigenen Medium begegnen zu müssen meinte, war der wahre Witz dieses verschenkten Abends.

Gordon Bintner als König Vladislav glänzte mit der schönsten, geschmeidigsten Stimme. Der Dalibor Aleš Brisceins stand dem kaum nach, sieht man von einem auffälligen Anschleifen der Töne ab. Angela Vallone als Jitka kam immer besser und zuletzt strahlend ins Spiel. Izabela Matula als Milada hatte sehr schöne Momente in den lyrischen Partien, bewältigte aber auch die Aufstiege zum hohen C. Trefflich auch Thomas Faulkner als Gefängniswärter Beneš sowie Simon Bailey als der böhmische Pizarro Budivoj. Der Chor als Show-Claqueure und Streetfighter war tadellos. Stefan Soltesz ließ mit dem blendenden Opernorchester den Smetana-Ton nicht dick werden, blieb geschmeidig und wahrte eine gute Balance zwischen Melodiösem und forciert Rhythmischem.

Oper Frankfurt: 2., 8., 16., 22., 24., 30. März. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion