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Festival „Politik im Freien Theater“: Machtspiele

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Von: Judith von Sternburg

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Gruppenfoto für „Es war keinmal oder das Märchen von der Normalität“. Foto Mali Lazell
Gruppenfoto für „Es war keinmal oder das Märchen von der Normalität“. Foto Mali Lazell © Mali Lazell

Das Festival „Politik im Freien Theater“ startet in Frankfurt so virtuos wie energisch.

Der Macht steht die Ohnmacht gegenüber, und es ist eine Setzung, dass das Festival „Politik im Freien Theater“, das sich in seiner elften Ausgabe um das Thema „Macht“ drehen will, die Bühnen zum Auftakt für Machtlose freimachte. Oder sagen wir: Menschen, die mehr Grund haben, sich machtlos zu fühlen.

Einerseits ist Theater von Natur aus politisch und gehört Macht zu den offensichtlichsten Schlüsselbegriffen des Politischen. Andererseits ist das Gefälle zwischen freien und städtisch oder staatlich getragenen Theaterinstitutionen schon in der Ausstattung weiterhin stark und folgenreich. Und ein geballtes Programm schärft den Blick für das, was sonst ebenfalls präsent ist – längst nicht mehr nur in der freien Szene, wobei es großartig war und einem märchenhaft vorkommen konnte, das Stück „Es war keinmal oder das Märchen von der Normalität“ auf der Riesenbühne des Schauspielhauses zu sehen. Dass auch das Schauspiel Frankfurt neben dem Mousonturm und einer eigens gegründeten Festival AG aus der freien Szene der Stadt am Programm mitplante, dokumentiert, wie sich die Grenzen aufgelockert haben. Initiiert wird das Festival von der Bundeszentrale für politische Bildung, in wechselnden Städten und nun erstmals in Frankfurt. Das Thema Macht mag überall hinpassen, aber nach Frankfurt passt es auch sehr, sehr gut.

Und wann hat man mehr Grund, sich machtlos zu fühlen? Wenn man sehr jung ist, wenn man irgendwie anders ist und zeitlebens anders sein wird.

Im Gallus-Theater zeigt das Theater Marabu aus Bonn die „Konferenz der Vögel“. Die virtuose Revue für neun – rigoros aus der Perspektive von Jugendlichen, unsereiner kommt gar nicht vor – orientiert sich an der gleichnamigen persischen Dichtung, bewegt sich aber zugleich (wie ein Vogelschwarm) blitzschnell von einem Aspekt zum nächsten: Zu den Klimaprotesten, zur Frage, was man selbst tun kann, zum Frust, auch zum Spott unter Jugendlichen, denn jede Generation muss die Gutmenschen-Diskussion offenbar wieder neu führen, aber ebenso zur Ermutigung – unter anderem in einer hinreißenden Vertrauensübung, bei der sich auch Publikum von einem Geländer in die Arme des Kollektivs fallen lassen kann. Die Form nämlich abwechslungsreich: Teils als Menschen, teils als Vögel scherzen, reden, erklären, fliegen sie.

Turbulente Debatten bei der „Konferenz der Vögel“. Foto Ursula Kaufmann
Turbulente Debatten bei der „Konferenz der Vögel“. Foto Ursula Kaufmann ©  Ursula Kaufmann

Groß ist die Schwierigkeit, auf Konsum und Bequemlichkeiten zu verzichten – schon feiern sie wieder, aber die Videos zeigen plötzlich kein Feuerwerk mehr und keinen Jahrmarktrummel, sondern Explosionen und Trümmerlandschaften. Es läuft auf den auch nicht neuen Satz „Protect me from what I want“ hinaus, der hier aber als zentrale Krux eindrucksvoll in Szene gesetzt wird. Wer älter ist und das sieht, schämt sich und sollte sich auch schämen. Im Stück ist das aber ausschließlich selbstkritisch gemeint. Das ist vielleicht das Erschütterndste.

Danach im Schauspielhaus die schweizerisch-deutsche Produktion „Es war keinmal“ mit dem Theater Hora und dem Theaterkollektiv Henrike Iglesias. Ein enormer Stoffzopf hängt von der Decke, ein Märchen wird erzählt: Diesmal sind es acht, die sich so gerne im Spiegel sehen. Der Spiegel hat es satt und setzt sich ab. Die acht bleiben belämmert zurück, daraus aber entwickelt sich eine Auseinandersetzung mit sich selbst in einer Welt, die einen anstarrt. Alle acht sind lustig angezogen, einige von ihnen sind kognitiv beeinträchtigt. Sie würden gerne mal nicht angerüpelt, wenn sie langsam sind. Würden gerne mal, wenn wieder einer etwas Gemeines ruft, eine Antwort geben wie: Sag das nie wieder zu mir, sonst: Kopf ab. Wie die Seeräuber-Jenny. Das ist eine Machtlosigkeit, aus der man nicht herauswachsen kann. Die Gesellschaft könnte es allerdings, und so schwer wäre es auch nicht.

Auf wieder andere Weise passt dazu ein weiteres zum Festivalstart gezeigtes Stück, Joana Tischkaus „Yo Bro“ (FR v. 26.9.), eine Koproduktion von Mousonturm und Schauspiel. Dass viele Frankfurter Produktionen, große, kleine, zum Festivalthema passen, spricht nicht gegen das Thema, sondern für die Produktionen.

Festival „Politik im Freien Theater“ in Frankfurt: bis 8. Oktober. www.politikimfreientheater.de

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