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Da hocken sie, die braven Andorraner. Vorne: Lisa Mies.
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Da hocken sie, die braven Andorraner. Vorne: Lisa Mies.

"Andorra"-Inszenierung in Mainz

Wir Feiglinge

Matthias Fontheims stocknüchterne, unerbittliche "Andorra"-Inszenierung in Mainz: Was zuerst lehrbuchhauft wirkt, entwickelt bald einen Sog. Von Judith von Sternburg

In dieser mit Mumm zusammengestellten Mainzer Nur-neue-Stücke-Schauspielsaison gab es jetzt die erste Premiere, die keine Uraufführung war. Als teils mit neuen Schauspielern einstudierte Übernahme aus Zürich zeigte Staatstheater-Intendant Matthias Fontheim seine Inszenierung von Max Frischs "Andorra". Nun ist es für ein herkömmliches Theaterstück nicht schwierig, gegen "Andorra" harmlos zu wirken. Aber es kann einen schon die Melancholie ankommen, wenn man sieht, wie im "Spectaculum"-Band V von 1962 neben Frischs Stück Becketts "Glückliche Tage" und Ionescos "Kahle Sängerin" stehen. Nicht zu reden von Erich Frieds Übersetzung von Dylan Thomas´ "Unter dem Milchwald".

Nicht melancholisch hingegen stimmt Fontheims "Andorra". Die Bühne des Kleinen Hauses hat Johannes Schütz als granitgrau glänzenden Wartesaal eingerichtet. Die Weißel-Arbeit des Mädchens Barblin läuft im gediegenen Ambiente auf eine Schmiererei hinaus. Andorra, könnte man meinen, ist das Foyer einer Bank. Hier sitzt man hart, aber nicht so ärmlich, wie die Andorraner behaupten. Die Bevölkerung trabt durch den Zuschauerraum in den Wartesaal, eine sommerliche Durchschnittsgruppe von heute. Das Saallicht entlässt das Publikum nicht gnädig ins Dunkle.

Was zuerst lehrbuchhaft wirkt, entwickelt aber bald einen Sog: So unerbittlich und ohne Trost, stocknüchtern und ohne Bühnenmusik, gerafft und ohne Pause kommt die immerwährende und zugleich grausig konkrete Geschichte vom Schlecht- und vom Feigesein daher. Die Darsteller geben sich dabei ganz unbefangen, ganz unkompliziert: Stefan Graf ist Andri, den nicht die Geburt, sondern die Behandlung durch die anderen zum Jud´ macht, Lisa Mies seine allerdings schon früh ins wundersam Verträumte neigende Schwester Barblin.

Junge Leutchen unter ständiger Beobachtung, weil keiner den Wartesaal zwischendurch verlassen kann. Viel später als der Zuschauer merken sie, wie feindlich die Welt ist, der Zuschauer merkt es auch nur, weil Frisch so böse Sätze unterhebt. Das Ensemble bleibt lapidar, aber nicht mit V-Effekt und Ausrufezeichen, sondern ein stiller Reigen von Mitbürgern.

Die Feigheit ist erwartungsgemäß noch schlimmer als die Schlechtigkeit (nicht alle sind ja direkt schlecht). Am Ende, als Fontheim einfach eins zu eins zeigt, wie Frisch sich die "Judenschau" vorstellte, liegt eine lähmende Ruhe über dem Raum. Wir sind einmal wieder vor uns gewarnt worden. Und davor, dass es nichts helfen oder ändern wird.

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