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„Fedora“ an der Oper Frankfurt: Die Liebe verwehrt ihr, nicht zu lieben

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Von: Judith von Sternburg

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Die perfekte Diva, hier sogar doppelt: Nadja Stefanoff als Fürstin Fedora an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller
Die perfekte Diva, hier sogar doppelt: Nadja Stefanoff als Fürstin Fedora an der Oper Frankfurt. © Barbara Aumüller

Umberto Giordanos „Fedora“ sprengt an der Oper Frankfurt Zeit und Raum auf überaus geschmackvolle Weise.

Es gibt keine effizientere Kompensationsmaschine für die Liebe als die italienische Oper. Natürlich ist sie dem Original (wenn die Liebe ein Original ist, und sie ist es wohl) sogar überlegen, nicht nur ihrer Süße wegen, sondern weil nichts anderes der verwirrenden Komplexität des Liebesunglücks, lästiges, unvermeidliches Anhängsel der Liebe seit jeher, so rasch und überzeugend beikommen kann.

Wenn der Tenor in Umberto Giordanos „Fedora“ im zweiten Akt seine berühmte Arie „Amor ti vieta“ singt – unwiderstehlich, dabei ist sie so kurz und simpel gestrickt, dass man sich geniert –, erweist er sich nicht bloß als Dialektiker („die Liebe verwehrt dir, nicht zu lieben“). Dem Publikum zeigt er sich auch unschuldig in einer tragischen Verstrickung, die seinen Mumm und Elan todtraurig macht. Das verhaltene Verhalten seiner Geliebten hat finstere Gründe, sinnt sie doch auf Rache für einen Mann, den der Tenor ermordet hat (wenn auch aus anderen Gründen, als Fedora glauben muss). Und sie sinnt nicht nur darauf, sie hat auch Schritte eingeleitet, die im dritten Akt schreckliche Folgen zeitigen werden, während Fedora dem Tenor mittlerweile vorbehaltlos hingegeben ist. Die Liebe vergisst sofort, dass sie nicht im luftleeren Raum schwebt. Der Tenor singt, als gäbe es kein Morgen, und es gibt sozusagen auch keins.

In Frankfurt ist das der 34-jährige, aus Chile stammende, in den USA ausgebildete Jonathan Tetelman, den man unbedingt hören muss, eine Ausnahmestimme in raumsprengendem Umfang und von so klassisch tenoralem Glanz, dass er sich vor der anschließenden nächtlichen „Amor ti vieta“-Dauerschleife mit Placido Domingo nicht zu verstecken braucht. Die Spur von Übermotivation in der Premiere hat ihren jugendlich drängenden Reiz, der leichte Zug zur Rampe ist erst in der nach einem grandiosen Abend etwas abfallenden Schlussszene suboptimal – wobei es freilich eine Regieidee gewesen sein muss, die sterbende Fedora ein wenig prosaisch nach hinten abgehen zu lassen, während der Tenor auf einem Sessel weit vorne ins Publikum jammert.

Dass sich die nun hinlänglich erwähnte Arie als Schlager verselbständigt hat, widerspricht nicht der dramaturgischen Wirkung im Handlungsgefüge. „Fedora“ wird in Deutschland nicht besonders häufig aufgeführt. Aber die lukullische, intelligente Inszenierung von Christof Loy belegt, dass es um Gewohnheiten geht, nicht um die Sache.

Die Produktion kam Ende 2016 in Stockholm heraus, die Übernahme nach Frankfurt (als Erstaufführung der Oper) war für die von der Pandemie ramponierte Spielzeit 2020/21 geplant. Loy brachte damals stattdessen seinen triftigen Tschaikowski-Liederabend „Nur wer die Sehnsucht kennt“ auf die bereits fertige Bühne von Herbert Murauer. Sie geht, das war für das Tschaikowski-Projekt eine glückliche Koinzidenz, mit der veristischen Situation zwanglos um.

Ein großzügiges Salon-Areal wird von Brokatstoffwänden begrenzt, mit Tapetentüren und hinten einem riesigen goldenen Bilderrahmen, hinter dem sich ein weiterer Raum auftun kann. Das eignet sich für die fatalen Petersburger Szenen ebenso wie für die Pariser Welt. Die weitgehend russisch orientierte Handlung macht ohnehin noch einmal deutlich, dass russische Kultur aus der europäischen nicht wegzudenken ist und nicht weggedacht wird. Riesige Gemälde (Schinken) arbeitet Murauer zum Teil ins Bühnenbild ein, zum schon ironischen Schweizer Idyll etwa. Kostüme und Mobiliar bewegen sich zeitlich schneller nach vorne, als es in einem Menschenleben möglich ist (und hinterlassen den Eindruck, dass die Menschheit, so sie es sich leisten konnte, früher einfach besser angezogen war). Das hebt, das wirbelt die Liebe aus den Gegebenheiten einer für sie immer zu engen Welt.

Zumal es Loy mit seiner subtilen Personenführung gelingt, eine lodernd spannende Geschichte zu erzählen. Psychologisch ist sie intrikat, intellektuell bläst er die Situation aber nicht auf. Die Titelheldin, Nadja Stefanoff, die man aus Mainz schon länger kennen und bewundern konnte, überzeugt mit ihrer hohen Stimmkultur an einem für Fedora zehrenden Abend, der zudem 105 Minuten lang durchgespielt wird. Sie ist eine echte Diva, nervös, kühl, eine verschlossene Auster und ein offenes Buch in ihrer maßlosen Diven-Trauer um den Mann, dessen Ermordung die Handlung in Gang setzt. Dem Tenor, der Loris heißt, wird die als nihilistisch deklarierte Tat vorgeworfen. Fedora spielt ein falsches Spiel, dabei sind die beiden, Stefanoff und Tetelman, ein Bühnentraumpaar.

Keine Pause: das betont den filmischen Anteil des krimiesken Geschehens, der so offensichtlich ist, dass er die Videos nicht bräuchte. Es gibt sie aber (Velourfilm AB), und sie setzen vor allem Stefanoffs markantes Gesicht noch einmal in Szene. Vergrößern die Verzweiflung nicht nur, reichern sie auch an, indem sie manchmal kurz eigene Wege gehen.

„Fedora“ strotzt von feinziselierten, quirligen Ensembleszenen (Verismo, wie es aufregender und aufgeregter kaum sein kann, lauter Gleichzeitigkeiten, lauter interessante Leute), die Loy beziehungsweise Anna Tomson, die die Einstudierung in Frankfurt geleitet hat, ausgezeichnet nutzen. Zur Verfügung stehen ein spielfreudiger kleiner Chor (Tilman Michael) und anderthalb Dutzend durchweg glänzend besetzte Rollen und Röllchen – achten Sie etwa auf Peter Marsh als Kammerdiener Desiré, auf Bianca Andrew als Laufburschen Dimitri. Nichts wird hier hingehuschelt, weder gesanglich noch spielerisch.

Das Quartett der großen Partien vervollständigen der mächtige, elegante Bassbariton Nicholas Brownlee als Franzose de Siriex und Bianca Tognocchi als lebenslustige Gräfin Sukarew, behände im Spiel und mit leichtgängigem Sopran ein Pendant zur eher statuarischen Stefanoff. Die Gräfin ist es auch, die ein Klaviergenie anschleppt, so dass es einen veritablen Pianisten auf der Bühne braucht, Mariusz Klubczuk (Solorepetitor am Haus, aber auch schon rein optisch als Chopin-Nachfolger einleuchtend).

Das Glimmende der Aufführung spiegelt sich im Orchestergraben, wo der 1991 geborene Dirigent Lorenzo Passerini feinen, unkandierten Schmelz emporschickt. Wem die uralte Aufnahme mit Tebaldi und Di Stefano im Kopf rumpelt, was das Orchester betrifft, hört hier erst recht, was für ein Wunderwerk man vor sich hat (aus einer bescheidenen Anzahl allerdings hinreißender Melodien zusammengesetzt).

Für das Publikum auch hier keine Maskenpflicht mehr. In der Premiere ließen einige die Masken weg und machten im vorpandemisch dicht besetzten Saal sozusagen die Versuchskaninchen. Die Mehrheit wartet offenbar erst einmal ab. Der jubelnde Beifall in einem vollen Haus selbstverständlich: uneinholbar. Den Mitwirkenden müssen die Herzen geklopft haben, sogar beim Zuhören war es so.

Oper Frankfurt: 8., 10., 16., 18., 21., 23., 28. April, 6., 14. Mai. – Am 28.4., 6.,/14.5. mit Giorgio Berrugi als Loris, am 6./14.5. mit Asmik Grigorian als Fedora. www.oper-frankfurt.de

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