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Hazal, hier: Almila Bagriacik, mit Ladendetektiv, Nicolas Fethi Türksever. 

Nationaltheater Mannheim

Fatma Aydemirs „Ellbogen“ in Mannheim: Unangenehme Wahrheiten

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Der Roman „Ellbogen“ von Fatma Aydemir als offensiver Theaterabend in Mannheim.

Den Figuren in Fatma Aydemirs Roman „Ellbogen“, 2017 bei Hanser herausgekommen und weithin beachtet, wurde gelegentlich ein zu dicker Auftrag der Sprache und vor allem zu ausgeprägte Typenhaftigkeit vorgeworfen. Beides sticht auch in der Theaterfassung ins Auge, die Selen Kara für das Nationaltheater Mannheim erstellt und inszeniert hat. Zugleich zeigt sich auf der Bühne erst recht, dass es ja genau darum auch in der Geschichte geht. Sich einerseits über Klischees aufzuregen und ihnen andererseits in Wort, Bild und Tat zu entsprechen, ist ein Problem von schon länger deutschstämmigen Deutschen (hier Kartoffeln genannt) wie von Migranten, von Frauen wie von Männern, von pubertierenden Jugendlichen wie von pädagogisch unterschiedlich fitten Erwachsenen, von Akademikerinnen wie von Ungelernten.

Schöner wäre es selbstverständlich, gemeinsam darüber zu lachen, wie es Hazal und ihre Freundinnen zum Beispiel ärgert, dass ihr heruntergekommener Gras-Lieferant den Türken Betrug und Diebstahl vorwirft, und wie dann ausgerechnet Hazals Bruder ihn ausraubt. In und über „Ellbogen“ hält sich das Gelächter jedoch in Grenzen. Hazals Geschichte, eine Geschichte familiärer Konflikte, gesellschaftlicher Ablehnung und persönlicher Perspektivlosigkeit, eskaliert auf schockierende Weise. Regisseurin Kara, die sich keineswegs verpflichtet fühlt, den Roman möglichst vollständig nachzuerzählen, lässt sich und den Schauspielerinnen Zeit, wenn es um die Beschämung geht, an Hazals 18. Geburtstag nicht in einen Club gelassen zu werden (das verdammte und nicht widerlegte Gefühl, dass ihnen das nicht passiert wäre, wenn sie Russinnen, ohnehin nicht, wenn sie Kartoffeln wären).

Die Gesichter sagen alles

Die Gewalttat, die darauf folgt – nicht zuletzt, weil die Frauen übel betrunken sind –, ist durch nichts zu rechtfertigen, aber es gelingt Kara doch, die Atmosphäre vorzustellen, in der so eine Situation entstehen könnte. Lässt sie an anderer Stelle zum Mikro greifen, um die übliche Mikro-Stimmen-Geflüster-Intensität zu erzeugen, so ist das Szenario im Kern des Geschehens ganz schlicht. Alles ist nur an den Gesichtern abzulesen. Der Schock über die Tat ist der Tat selbst schon beigegeben.

Durch das präpotente Geschwätz, die typisierten Gesten hindurch wird Hazal im Laufe der 105 pausenlosen Minuten sichtbar. Das ist eine Leistung, zumal es dennoch gelingt, ihren Text auf die drei Schauspielerinnen Almila Bagriacik, Vassilissa Reznikoff und Tala Al-Deen zu verteilen. Almila Bagriacik (die seit 2017 die Tatort-Kollegin von Kommissar Borowski spielt) ist die Haupt- und Normal-Hazal. Reznikoff ist der superaggressive Anteil (schwer auszuhalten, auch durch das extrem manierierte Spiel, aber es leuchtet auf unangenehme Weise ein), Al-Deen schließlich die coole Variante. Zusammen mit Nicolas Fethi Türksever übernehmen die drei auch alle übrigen Rollen, wobei Kara (trotz einer schönen Umkleideszene, Kostüme: Emir Medic) keinen Verkleidungsabend veranstaltet. Man merkt schon, wer spricht.

Die Bühne von Lydia Merkel lässt hinter den Rollläden von vier als Riegel aufgestellten Containern einzelne Spielräume erscheinen, auch können die Frauen aufs Dach klettern. Als Hazal nach Istanbul flieht, werden die Container umständlich beiseite geschafft. Ähnlich wie die technisch in der Premiere vermurkste Skype-Szene (Bagriacik mit Stahlnerven) ist das irgendwie auch gut. Ein Stück über das Misslingen sollte vielleicht nicht zu perfekt sein.

Nationaltheater Mannheim,Schauspielhaus: 30. Januar, 1., 8., 18. Februar. www.nationaltheater-mannheim.de

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