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31. Oktober 1985: Michel Friedman (l.), hier mit Ignatz Bubis.
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31. Oktober 1985: Michel Friedman (l.), hier mit Ignatz Bubis.

Symposium im Schauspiel

Fassbinder-Stück: Vor allem eine Frage der Perspektive

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Die Frankfurter Bühnenbesetzung 1985 gegen „Der Müll, die Stadt und der Tod“: ein Symposium vor Ort.

Das Frankfurter Online-Symposium zur verhinderten Uraufführung von „Der Müll, die Stadt und der Tod“ Ende Oktober 1985 ist ein Beispiel dafür, wie wichtig und lohnend, aber auch schwierig und weiterhin geradezu unmöglich es ist, darüber ins Gespräch zu kommen. Denn einerseits kommt vieles auf den Tisch, am historischen Ort des Geschehens, den Kammerspielen. Andererseits kommt es doch eher nacheinander auf den Tisch.

So spricht der Rechtsanwalt Hermann Alter, damals einer der Mitorganisatoren des erfolgreichen Protests der Jüdischen Gemeinde Frankfurt gegen die Aufführung (inklusive einer Eintrittskartenfälschungsaktion), zwischendurch von dem „Dreck“, der hier subventioniert worden sei. Und keiner hebt den Finger, um doch wenigstens ein einziges Mal schüchtern das Wort „Kunstfreiheit“ in den Mund zu nehmen und den Begriff „Dreck“ zu hinterfragen („subventionierter Dreck“, eine überaus vertraute Wendung aus verschiedenen kulturellen Zusammenhängen). Als umgekehrt Stunden später die junge Regisseurin Rieke Süßkow darüber spricht, dass Theater schmerzhaft sei und sein solle, meint sie dabei gewiss nicht den Schmerz von Menschen, die die Entscheidung für „Der Müll, die Stadt und der Tod“ auch deshalb nicht verstanden, weil sie nach ihrer Zeit im KZ Auschwitz unter Klaustrophobie litten und nachts in der Wohnung alle Zimmertüren offen lassen mussten.

Das Publikum an den heimischen Schirmen bekommt ein weites Spannungsfeld geboten, in einer Kooperation von Schauspiel Frankfurt, Jüdischem Museum, Fritz Bauer Institut und der Theaterwissenschaft der Goethe-Universität. Rainer Werner Fassbinders Stück selbst und die darin auftretende und die Gegenwehr vornehmlich entzündende Figur des „reichen Juden“ bleibt dabei eine Art Leerstelle. Das irritiert, hat aber eine Logik. Schon seinerzeit, so Wanja Hargens, Autor des Buchs „Der Müll, die Stadt und der Tod. Rainer Werner Fassbinder und ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte“, sei der Text selbst kaum zur Kenntnis genommen worden. Hargens spricht von einer „vorgetäuschten Rezeption“. Am einlässlichsten ist in dieser Hinsicht der damals eher zufällig anwesende Regisseur Benjamin Korn in seinem schon 1988 veröffentlichten Text „Der Schock ist fruchtbar noch“ (aufschlussreich auch durch den Bericht von der Besetzung selbst). Mit einem Ausschnitt daraus beginnt der Tag: „Gegen die Ungeheuerlichkeiten, die allabendlich an Hunderten von deutschen Biertischen gegen Juden gesagt werden, ist das, was der Antisemit in Fassbinders Stück sagt, ein Klacks“, so Korn. „Das Stück löst den Antisemitismus nicht aus, es erzählt, dass es ihn gibt, und gerade davor wurden die Augen geschlossen.“

Tobias Freimüller vom Fritz Bauer Institut vermittelt einen Eindruck von der fragilen Situation der Jüdischen Gemeinde nach dem Krieg. Die generationenübergreifende Besetzungsaktion 1985 zeigt sich – wie auch im Zeitzeugengespräch mit Michel Friedman und Hermann Alter – als nicht zuletzt oder sogar zuerst Markstein der Selbstbehauptung und Politisierung. Eine solche Intervention aus der jüdischen Gemeinschaft habe es zuvor in der Bundesrepublik nicht gegeben, ein Vorgang, der auch stark nach innen wirkte. Dies ist vielleicht die entscheidende Bedeutung, wenn man bedenkt – Freimüller erwähnte es beiläufig –, wie lange etwa die Sicht jüdischer Historiker auf die NS-Zeit als „nicht objektiv“ gegolten habe. Dass die Frage, welche Perspektive wie bewertet wird, heute so virulent ist, zeigt den Anschluss der damaligen Debatte an hochaktuelle.

Die Lage im Westend

Michael Lenarz vom Jüdischen Museum machte deutlich, wie im Konflikt um den Strukturwandel im Frankfurter Westend das Wort von den „jüdischen Spekulanten“ die Runde machte, während der Anteil jüdischer Investoren weit hinter den Investitionen deutscher Banken und Versicherungen zurücklag. Hier bitte noch einmal Korns Satz: „Das Stück löst den Antisemitismus nicht aus, es erzählt, dass es ihn gibt.“ Hermann Alter weist nachher darauf hin, dass viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde damals auf Sozialhilfe angewiesen gewesen seien. Umso unerträglicher sei das Stereotyp vom „reichen Juden“ gewesen.

Zwei Runden am Nachmittag versuchen den Blick nach vorne: Studierende haben sich in einer Videocollage und einem Audiowalk mit der Diskussion um das Stück auseinandergesetzt. Den Audiowalk lassen sie unmissverständlich am 1. Revier enden, Zentrum des Frankfurter Polizeiskandals um rechtsextreme Chats. Am Ende geht es um Fassbinder-Inszenierungen. Regisseur Hakan Savas Mican (der unter anderem in Mainz den „Katzelmacher“ inszenierte) weist darauf hin, dass Fassbinders Künstlersprache sozusagen „bigger than life“ sei.

Im Rahmenprogramm ist die Möglichkeit, die „Der Müll, die Stadt und der Tod“-Verfilmung „Schatten der Engel“ zu sehen – ein hochambivalentes Erlebnis –, die der Schweizer Daniel Schmid auf ein Drehbuch und unter Mitwirkung von Fassbinder (als Raoul) 1975 inszenierte. Der Film wurde in Cannes gezeigt, es gab Proteste seitens der israelischen Delegation, aber kein weiteres Aufsehen. Warum nicht? Immer wieder an diesem Tag wird deutlich, dass es eine Konstellation für wirkungsvollen Protest braucht.

Das Video zum Symposium auf Youtube via www.schauspielfrankfurt.de

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