1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

„Family Business“ in Mainz: Menschen unter sich

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Andrea Quirbach, vorne Sebastián Capitán Viveros.
Andrea Quirbach, vorne Sebastián Capitán Viveros. © Andreas Etter

Die Angst vor der Atombombe, und was für Schlüsse daraus zu ziehen sind: Chris Thorpes „Family Business“ in Mainz

Die Tür, die Chris Thorpe mit seinem Stück „Family Business“ einrennt, ist weit offen. Die Folgen eines noch so „kleinen“ Nuklearschlags kommen einem nicht vor wie etwas, das einem erst klar gemacht werden müsste – schon gar nicht, wenn man in den 80er Jahren im Rhein-Main-Gebiet in die Schule gegangen ist und wie jeder vernünftige Mensch bebend Anton-Andreas Guhas Buch „Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg“ gelesen hat.

Chris Thorpe lädt aber trotzdem die Nukemap – vor zehn Jahren von Alex Wellerstein entwickelt, jeder kann sie aufrufen –, markiert Mainz und in etwa das Kleine Haus des Staatstheaters, unter dem die Nebenbühne U17 liegt, und sucht aus dem entsprechenden Menü eine Bombe namens B61 aus. Solche Bomben gebe es, erklärt er, auf dem Fliegerhorst Büchel, gar nicht so weit weg von hier, an dem US-Atomwaffen gelagert werden. Dann drückt er auf den roten Knopf, und wir schauen uns an, wie auf der Karte Farbringe die Arten und Reichweiten der Zerstörung markieren. Man kann es sich besonders gut vorstellen, weil er vorher Bilder von der Explosionskatastrophe 2020 in Beirut gezeigt hat. Eine kleine Explosion im Verhältnis zu der einer B61, erklärt Chris Thorpe. In der Generalprobe sei er gefragt worden, ob hier so tief unten (das U17 liegt wirklich tief unten) auch etwas passieren würde. Ja, vielleicht ist es doch gut, dass er das Ganze einmal thematisiert. Und: Ja, sagte er, hier unten würde auch etwas passieren.

Wer im Netz nach Büchel und der B61 Ausschau hält, kommt fix auf eine „Spiegel“-Seite, dazwischen Reklame für ein Biobabybalsam, damit das Kind „von Anfang an geschützt“ ist. Das Leben ist so viel zynischer als die Kunst. Aber Chris Thorpe geht damit sportlich um.

Der Autor und Performer aus Manchester hat den Abend, inszeniert von Claire O’Reilly, als Kooperation zwischen dem China Plate Theatre (Birmingham/London) und dem Staatstheater Mainz vorbereitet. Schon sein Einpersonenstück „Status“ hatte hier die deutschsprachige Erstaufführung hatte. „Family Business“, deutsch-englisch und in beide Richtungen übertitelt, kombiniert eine Lecture Performance mit Konversationstheater. Es ist auch eine Manipulation und Fokussierung, bestechend durch die Offenherzigkeit des Vortrag. Eine offenherzige Manipulation, das ist nicht die Regel.

Alles weg, was wir kannten

Thorpe begrüßt das eintrudelnde Publikum, stellt auch unverfängliche Fragen. Wenn er nachher zeigt, wie die Bombe auf die Innenstadt fällt, kann er das verwenden: Dass alles auf einen Schlag verschwinden kann, über was wir eben sprachen, der Weihnachtsmarkt, die Leute, mit denen man unterwegs ist, die Lieblingskneipe, der Dom, das Staatstheater. Wir sollten uns aber nicht erschrecken, sagt er, die Lage sei nach dem Ende von „Family Business“ genau dieselbe wie vorher.

Das ist der eine Strang. Der andere dreht sich darum, dass die Existenz von Atombomben in Büchel und anderswo kein Naturgesetz ist. Thorpe baut Spielszenen ein, in denen man eine Expertin bei ihren Bemühungen beobachtet, einen neuen internationalen Vertrag gegen Atomwaffen durchzusetzen. Das ist jedoch kein Lexikonartikel. Thorpe demonstriert lediglich, dass hier Menschen auf Menschen stoßen (ein Familienunternehmen), die einen engagiert, die anderen diplomatisch, alle haben ihre Argumente, und es ist nicht so, dass die schwächere Seite die schwächeren Argumente hätte. Andrea Quirbach, Efè Agwele und Sebastián Capitán Viveros sind die deutsch-englische Runde aus Aktivistinnen und Diplomat, der Ton ist so, dass man nach dem Gespräch ein Bier trinken könnte.

Den Rahmen hält die Inszenierung abstrakt, im Zentrum Eleanor Fields illuminierter Kabelsalatberg. Fragen der Ethik und Moral ergeben sich aus der Sache, nicht aus dem Text und schon gar nicht aus dem eher coolen Spiel.

Staatstheater Mainz, U17: 5., 7., 8. Dezember. www.staatstheater-mainz.com

Auch interessant

Kommentare