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Falk Richter: „Kultur muss sich das Verdrängte und Totgeschwiegene in einer Gesellschaft anschauen“

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Von: Katja Thorwarth

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Falk Richter.
Falk Richter. © Tobias Kruse

Regisseur Falk Richter über Österreichs braune Vergangenheit, rechte Exzesse und Situationen, die aussichtslos scheinen.

Herr Richter, in den Münchner Kammerspielen hat Ihre Bearbeitung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ Premiere. Warum gerade dieser Stoff?

Thomas Bernhard konfrontierte die Österreicher mit ihrer großen Lebenslüge, nach der Österreich ein Opfer des Naziregimes gewesen wäre. Viele Österreicher waren Täter in der NS-Zeit. Massenhaft jubelten sie 1938 auf dem Heldenplatz Hitler zu und feierten den „Anschluss“ ans Deutsche Reich. In dieser Zeit nahmen antisemitische Gewalttaten zu, es wurde gefährlich für Juden, für Kommunisten, für Homosexuelle in Österreich zu leben. Bernhard zeigt die Auswirkungen rechter Ideologien auf das Leben der attackierten Gesellschaftsgruppen.

Warum inszenieren Sie ihn gerade jetzt?

Heute ist die Demokratie angesichts radikal rechter Parteien in Europa wieder in Gefahr. Ungarn und Polen werden autokratisch von radikal rechten Politikern regiert, die gegen Juden und Homosexuelle hetzen, LGBT-freie Zonen errichten, die Meinungsfreiheit einschränken, die Pressefreiheit untergraben, die Gleichstellung der Frau wieder zurücknehmen wollen. Die EU schaut immer noch zu, eilt den Gefährdeten nicht zu Hilfe.

Das Stück spricht eine Wahrheit aus, die für viele Österreicher nur schwer zu ertragen war: Ihr wart keine Opfer, Ihr wart Täter, stellt Euch Eurer Vergangenheit, stellt Euch Eurer Schuld.

Falk Richter, Regisseur

Und in Deutschland?

Auch in Deutschland verschieben Neurechte und radikalisierte Konservative den politischen Diskurs immer weiter nach rechts. Die Sprache wird gewaltsamer und heizt die reale Gewalt an: Die Anschläge in Halle und Hanau haben gezeigt, dass Juden und nichtweiße Menschen in Deutschland nicht mehr sicher sind. Der Staat hat die radikalen Rechten und ihre Gewaltexzesse nicht im Griff. Wichtige staatliche Institutionen wie die Polizei, die Bundeswehr oder der Verfassungsschutz sind selbst tief in rechtsextreme Netzwerke verstrickt. Wer soll also den Opfern zu Hilfe eilen? Das trifft sich mit der Ausgangssituation von Thomas Bernhards Stück: Bernhard zeigt, wann sich bestimmte Menschen nicht mehr sicher fühlen und diskutiert die Frage: Wann ist in einer zunehmend von Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit durchzogenen Gesellschaft der Zeitpunkt gekommen, sich in Sicherheit zu bringen und das Land zu verlassen? Wir fragen mit der Inszenierung, welche anderen Optionen es noch gibt.

„Heldenplatz“ behandelt den Suizid des jüdischen Professors Josef Schuster 1988 in Wien. Wieso ausgerechnet der Tod von Josef Schuster?

Josef Schuster flieht mit seiner Frau und seinem Bruder vor den vom Nationalsozialismus berauschten Österreichern nach England, um so seiner Vernichtung zu entgehen. Nach dem Krieg versuchen beide Brüder, wieder in Wien Fuß zu fassen. Die Österreicher inszenieren sich als Opfer, anstatt ihre Verwicklung in den Holocaust aufzuarbeiten. Mit Kurt Waldheim wird in den 80er Jahren ein NS-Kriegsverbrecher österreichischer Präsident. Der jüdische Weltkongresses enthüllt immer mehr Details über Waldheims Verstrickungen mit dem Naziregime, Waldheim leugnet, und tritt eine neue antisemitische Welle in Österreich los: Er sei Opfer einer jüdischen Verleumdungskampagne. Die Stimmung wird aufgeheizter. „Wir Österreicher haben im Krieg sauber gearbeitet“ oder „Wir lassen uns von den Juden nicht vorschreiben, wen wir zum Präsidenten wählen!“ ist der Tenor.

Die Sozialdemokraten haben seinerzeit mit der FPÖ eine Regierung gebildet.

Richtig, FPÖ und SPÖ (!). Und die nach rechts offenen Konservativen bilden die „Opposition“. Schuster hatte schließlich das Gefühl, alles gehe nun wieder von vorne los. Seine Frau hört das nationalsozialistische Jubelgeschrei vom Heldenplatz. Täglich. Immer lauter. Ein Nervenarzt rät ihr, wegzugehen. Die Schusters beschließen, vor den neuen Nazis aus Österreich zu fliehen. Einen Tag vor ihrer Abreise nach England springt Josef Schuster aus dem Fenster. Die Tatsache, dass nationalsozialistische Kräfte wieder an der Macht sind, erträgt er nicht mehr.

Das Stück wurde zu einem Skandal …

... und das bereits weit vor seiner Premiere, als nur einzelne Auszüge aus dem Text der Öffentlichkeit geleakt wurden. Es gab Forderungen der rechtskonservativen Presse, das Stück gar nicht erst rauskommen zu lassen und den damaligen Regisseur und Intendanten Claus Peymann aus Österreich rauszuschmeißen. Es gab Tumulte bei der Premiere, am lautesten brüllte der junge Rechtsradikale HC Strache, später FPÖ-Vizekanzler unter dem wegen Korruption zurückgetretenen Kanzler Sebastian Kurz.

Warum war die Aufregung dermaßen groß?

Das Stück spricht eine Wahrheit aus, die für viele Österreicher nur schwer zu ertragen war: Ihr wart keine Opfer, Ihr wart Täter, stellt Euch Eurer Vergangenheit, stellt Euch Eurer Schuld. Bernhard zeigt die Kontinuität des nationalsozialistischen Denkens und Handelns auf.

Zur Person:

Falk Richter, 1969 in Hamburg geboren, gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Theaterregisseure und Dramatiker. Seit 1994 arbeitet er an vielen renommierten nationalen und internationalen Bühnen wie u.a. dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg, Schauspielhaus Zürich, Schauspiel Frankfurt, Schaubühne Berlin, Maxim Gorki Theater, Hamburgische Staatsoper, Nationaltheater Oslo, Toneelgroep Amsterdam, Théâtre National de Bruxelles, Ruhrtriennale, Salzburger Festspiele und dem Festival d’Avignon.

Zu seinen bekanntesten Texten gehören „Gott ist ein DJ“, „Electronic City“, „Unter Eis“ und „Trust“. Seine Stücke zeugen von hoher Aktualität und werden weltweit gespielt.

Seine Inszenierung von „Heldenplatz“ nach Thomas Bernhard – in einer Fassung mit neuen Texten von Richter selbst – hat am heutigen Samstag, 4. Dezember, in den Münchner Kammerspielen Premiere.

Weitere Termine unter www.muenchner-kammerspiele.de

Gibt es in Deutschland Parallelen zum Österreich der 80er Jahre?

Wir sehen heute, dass faschistisches Denken und rechtsradikales Gedankengut wieder salonfähig gemacht wurden, nachdem Rechtsextreme und radikalisierte Konservative durch sämtliche Talk-Shows gereicht wurden und von dort aus ihr Gift in die Gesellschaft versprühen durften. Sarrazin, Maaßen, Palmer, Wagenknecht ...mittlerweile hat jede Partei ihre Provokateure, die versuchen, mit von Rechtspopulisten entlehnten Argumenten und Diskursen Aufmerksamkeit zu gewinnen. Aber das sicher größte Problem sind die rechtsextremen Netzwerke innerhalb der Polizei, der Bundeswehr und der Justiz. Diese Institutionen sollten eigentlich die Demokratie vor ihren Feinden schützen.

Bitte konkretisieren Sie das.

Wir hatten mit Horst Seehofer viele Jahre einen Innenminister, der den Rechtsextremismus verharmlost hat. Auch hatte man in den letzten Monaten zeitweise das Gefühl, dass Rechtsradikale und Coronaleugner Narrenfreiheit in Deutschland genießen.

Es ist das erschreckende Erbe aus unserer Vergangenheit: Es hat in Deutschland nie eine Entnazifizierung gegeben.

Falk Richter, Regisseur

Woher kommt das?

Es ist das erschreckende Erbe aus unserer Vergangenheit: Es hat in Deutschland nie eine Entnazifizierung gegeben. Polizei und Justiz und weite Teile der Union waren Sammelbecken für Nazis und Kriegsverbrecher. Noch heute grenzt sich die CDU/CSU nicht entschieden gegen rechts ab, wie man am neurechten Populisten Hans Georg Maaßen sieht, der von der CDU zur Wahl aufgestellt wird. Josef Schuster würde darin eine Kontinuität bei den Konservativen seit den dreißiger Jahren sehen und sich wie viele Juden und migrantisierte Menschen heute fragen: Wie kann ich für meine eigene Sicherheit sorgen, wenn die Polizei eventuell eher mein Feind ist. Das Land verlassen?

Sie sorgen mit Ihren Stücken stets für Aufsehen. „Fear“ löste einen Rechtsstreit aus. Welche Aufgabe hat die Kultur?

Kultur hat auch die Aufgabe, sich unliebsame Wahrheiten, das Verdrängte und Totgeschwiegene in einer Gesellschaft anzuschauen. Als Beatrix von Storch – Enkelin von Hitlers Finanzminister – sich mit ihrem Mann aus dem Exil in Chile zurück nach Deutschland traute, um hier rechte Strukturen aufzubauen, fand ich es wichtig, das zu thematisieren und zu zeigen, wie eng neurechte Aktivisten mit radikalisierten Konservativen zusammenarbeiten. Drei neurechten Aktivistinnen klagten gegen „Fear“.

Es ging ja nicht nur um von Storch.

Nein, sondern auch um Hedwig von Beverfoerde und Gabriele Kuby. Diese Frauen gehören zu den Leuten, die eine politische Zusammenarbeit zwischen der AfD und der Union vorantreiben. Alle drei sind christliche Fundamentalistinnen und arbeiten zusammen in der homosexuellenfeindlichen Aktionsgruppe „Demo für alle“, die von Putins Anti-LGBT Gesetzen beeinflusst ist und ihr Vorbild in den homophoben und anti-feministischen Regierungen Ungarns und Polens sieht.

Warum sind diese Frauen gefährlich?

Wenn sie so gegen Juden hetzen würden, wie sie es gegen die LGBT+ Community tun, säßen sie längst hinter Gittern. Wir haben erlebt, was radikalisierte Internethetze in der Realität auslösen kann. Da besteht eine toxische Kooperation: Leute wie etwa Erika Steinbach oder Gabriele Kuby geben sich einen bürgerlichen Anstrich, verbreiten Hasssprech im Netz und erreichen damit Menschen, die ihre Tweets und Posts als direkte Handlungsanweisung verstehen könnten und potentiell losschlagen.

Womit wir wieder bei „Heldenplatz“ wären.

Richtig, diese aussichtslos erscheinende Situation treibt jemanden wie Professor Schuster in den Selbstmord. Er kann nicht verstehen, dass die Österreicher oder die Deutschen nichts dazu gelernt haben. Wieso gibt es immer noch keine wehrhafte Demokratie in Deutschland? Wieso grenzen die Konservativen sich nicht klar ab gegen die neuen Faschisten? Und wieso werden von rechten Kräften bedrohte Menschen noch immer nicht ausreichend geschützt?

Interview: Katja Thorwarth

Heldenplatz-Projekt: „Wir“ und „Ihr“: Katja Thorwarth: „Die AfD macht nur ihren Job“ | BR KulturBühne | BR.de

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