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Schwarze Schuhe als Symbolträger: Katharina Bach in „Heldenplatz“ in der Inszenierung von Falk Richter an den Münchner Kammerspielen. Foto: Denis Kuhnert
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Schwarze Schuhe als Symbolträger: Katharina Bach in „Heldenplatz“ in der Inszenierung von Falk Richter an den Münchner Kammerspielen.

Münchner Kammerspiele

Falk Richter inszeniert „Heldenplatz“ in München: Alles Nazis, außer Mutti

  • VonK. Erik Franzen
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Falk Richter liest Thomas Bernhards „Heldenplatz“ neu – und inszeniert eine „Gegenwartsbewältigung“ an den Münchner Kammerspielen.

In Reih und Glied stehen sie da, mehr als 100 Paar schwarze, glänzende Herrenschuhe, verteilt über den Bühnenboden der Münchner Kammerspiele. Leerstellen. Netzwerkartiges Erbe eines jüdischen Professors, der Suizid begangen hat – gegenwartsverzweifelt und lebensmüde von den Alt- und Neunazis im Österreich der 80er Jahre. Sein noch offenes, frisches Grab mit schwarzer Erde bildet den Fixpunkt im Koordinatensystem eines gewaltigen politischen Nekrologs. Die Szenerie getaucht in die Farben des Nationalsozialismus: Schwarz-Rot-Weiß. In diesem düsteren Raum geht die Sonne nie auf, immer ist Nacht und Kunstlicht.

Thomas Bernhards 1988 als Skandalstück in die Theatergeschichte eingegangenes Werk „Heldenplatz“ ist mehr als ein bloßer Schrei gegen die erinnerungskulturellen Nachtseiten Österreichs. In Claus Peymanns „werktreuer“ Inszenierung am Wiener Burgtheater gab es den „ganzen Bernhard“ zu bestaunen: Den unnachgiebigen Ankläger von Politik, Kirche, Wirtschaft der Nachkriegszeit ebenso wie den wütenden Kritiker verkommener Familienstrukturen – auch den Umgang mit Alter und Tod sowie die alles grundierende Komik des Stückes legte Peymann offen. Mehr als 30 Jahre danach also Zeit für eine Neubesichtigung dieses Requiems des 1989 verstorbenen Schriftstellers. Und 30 Jahre nach Hoyerswerda und Mölln ist eine neue Lesart dieses modernen Klassikers durchaus notwendig.

„Heldenplatz“ wird für Falk Richter und sein Team an den Kammerspielen Anstoß zur bitteren Gegenwartsanalyse – den drei Akten des Originalstücks fügt Richter einen „Zwischenakt“ hinzu, die Schlüsselstelle des knapp dreistündigen Abends. Direkt nach der Pause gehen Anne Sophie Kapsner, Knut Berger und Bernardo Arias Porras als „junge deutsche Intellektuelle“ mit der Gegenwart der Bundesrepublik Deutschland ins Gericht. Vor dem Hintergrund eines verstärkt aufflammenden Antisemitismus, einer immer kriminelleren, gewaltvollen Fremdenfeindlichkeit, des teils skandalösen Umgangs staatlicher Behörden mit dem Rechtsextremismus und des Auftauchens der AfD in den deutschen Parlamenten schreibt Richter eine Brandrede im Bernhardstyle: „Von der Polizei ist keine Hilfe zu erwarten. Von den Politiker*innen ist keine Hilfe zu erwarten. Von diesem durch und durch rassistischen Innenminister auch nicht.“

Kaum eine Regung

Richters heutige „Alles Nazis“-Anklagen sind ebenso wenig wie die Bernhards als reine Wirklichkeitsbeschreibung zu verstehen – was auch eine Verharmlosung des Nationalsozialismus wäre: Antworten auf österreichische Positionen (personifiziert durch Kurt Waldheim und Jörg Haider) oder deutsche Zustände (Gauland, Merz) sollen gar nicht gegeben werden, die Provokation dient dem Ziel, aufzurütteln. Aber als hätte sich ein schwerer Corona-Schleier über das Publikum gelegt: Die wenigen bei dieser Premiere zugelassenen Zuschauerinnen und Zuschauer reagieren nicht. Kaum eine Regung. Das mag auch an den ersten beiden, leider zu statischen Szenen des Abends liegen. Weder Annette Paulmann als Zittel, wort- und bügelgewaltige Zugehfrau des gerade verstorbenen jüdischen Professors Josef Schuster, noch Katharina Bach als verhuschtes Hausmädchen Hedwig dürfen den Bernhardschen Irrwitz vorwärtstreiben. Auch in der berühmt gewordenen zweiten Szene des Stücks, der donnernden Suada des Bruders des Verstorbenen im Dialog mit seinen Nichten Anna (sehr genau Wiebke Puls) und Olga (wunderbar schüchtern und trans Thomas Hauser), kommt der Wahnwitz der Figuren viel zu selten zum Vorschein. Wolfgang Pregler in der Hauptrolle des Robert Schuster darf seine Wutrede an einer Stelle nur vom Band einsprechen – und sonst wird gerne totenfeierlich herumgestanden. Die an mehreren Stellen eingespielten Collage-Videos all der Populisten und Extremisten, Terroristen und Tyrannen von Hitler bis Boris Johnson sollen den Pulsschlag des Publikums erhöhen. Vergeblich. Wo ist die Bernhardsche Komik?

Zum Schluss stürzt sich auch Jeannette Spassova als an der gegenwärtigen Vergangenheit und ohnehin eigentlich allem verzweifelnde Witwe des Verstorbenen in den Tod. Selbstmord als Ausweg? Sehr lange Stille vor dem Applaus. Am Ende, die Abdrücke der abgenommenen FFP-2-Maske noch lange im Gesicht, bleibt die Frage, warum man da so unberührt herausgegangen ist auf die Maximilianstraße mit den pinkmähnigen Stofflöwen in den Auslagen der Luxus-Modegeschäfte. Und diese Frage ist doch mal ein guter Anfang.

Münchner Kammerspiele: 21., 29. Dezember. 4., 7., 22., 23. Januar. www.muenchner-kammerspiele.de

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