feu_extrawurst_120920
+
„Extrawurst“ im Frankfurter Fritz Rémond Theater: Silvia Maleen, Lutz Reichert, Christopher Krieg, Giovanni Arvaneh, Pascal Simon Grote (v.l.).

Rémond-Theater

Hartes Match

  • vonKatja Sturm
    schließen

Das Fritz Rémond Theater brät sehr kurzweilig eine „Extrawurst“ im Tennisclub.

Gleich zum Auftakt der neuen Spielzeit im Frankfurter Fritz Rémond Theater geht’s um die Wurst. Die kommt beim Tennisverein in einer beliebigen provinziellen Kleinstadt traditionell auf den Grill. Aber der setzt langsam Rost an. Also soll am Ende der laufenden Mitgliederversammlung unter dem sonst gerne vernachlässigten finalen Tagesordnungspunkt „Sonstiges“ der Kauf eines neuen Modells abgesegnet werden, bevor es endlich zum Büfett geht. Doch so einfach ist das nicht, wenn der beste Spieler des Clubs Muslim ist. Dem verbietet der Glaube nicht nur Schweinefleisch, sondern auch die Zubereitung der Alternative auf demselben Gestell.

Die Komödie „Extrawurst“ von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob erlebte erst im vergangenen Oktober ihre Uraufführung. Auf deutschsprachigen Bühnen wird sie seither landauf, landab gespielt. Die Mainzer Kammerspiele zeigen es gegenwärtig auf Tennisplätzen. In Frankfurt soll der satirisch-bissige Rundumblick auf Vorurteile und kulturelle Konflikte unter der Regie von Thomas Weber-Schallauer das Publikum nach der Zwangspause ins Zoogesellschaftshaus locken.

Witzige Anspielungen auf die Pandemie gibt es zur Genüge bei dem Mixed, bei dem der vom Ischiasnerv gequälte Club-Präsident Heribert Bräsemann (Lutz Reichert) anfangs noch die Aufsicht führt, obwohl er doch lieber seinen Hunger stillen würde. Wer einen anderen anzuschreien plant, setzt dafür einen Mund-Nasen-Schutz auf. Um alles im Griff zu behalten, reiben sich die Kontrahenten die Hände mit Desinfektionsmittel ein, für das ein Behälter auf der von Tom Grasshof entworfenen, rustikalen Holzbar herumsteht.

Beim munteren Schlagabtausch mit zeitweise aggressiver Offensive wechseln die Mitspieler die Seiten im Minutentakt. Die eben noch Gleichgesinnten greifen einander kurz darauf heftig an und hauen sich die konträren Meinungen um die Ohren. Treffende Pointen lösen Kalauer ab, der folgende harte Schlag unter die Gürtellinie lässt das Lächeln gefrieren.

„Mit Schwein ist der Grill versaut“, lästert das dauermosernde Mitglied Torsten Pfaff (Pascal Simon Grote) aus dem Plenum heraus, das die ins Spiel einbezogenen Theatergäste bilden. Mit der religiösen Überzeugung von Erol Oturan (Giovanni Arvaneh) hätte der Atheist weniger Probleme, würde der nicht mit Gattin Melanie Pfaff (Silvia Maleen) zusammen so erfolgreich im Doppel das Racket schwingen. Als dies enden soll, um die Eifersucht des weinerlichen Ehemannes zu bändigen, sieht die einzige Frau im Quintett, die eben noch so vehement für Respekt vor dem Anderssein plädierte, sich von der Macho-Gesellschaft unterdrückt.

Der stellvertretende Club-Vorsitzende Matthias Scholz (Christopher Krieg), ein ordentlicher Deutscher mit sorgfältig vorbereiteter, aber wenig aussagekräftiger Powerpoint-Präsentation, will keine Rücksicht auf irgendwelche Unterschiede nehmen. Grillen mit Kopftuch und einen die Vereinshymne jodelnden Muezzin darf es in seiner Demokratie nicht geben. „Der Türke“ steht selbst ziemlich rechts und zieht zusätzlichen Würstchenneid auf sich, als er vom Besitz eines Turbogrillmodels berichtet. Da hilft Bräsemanns dem Vereinsmotto folgender Ruf nach Eintracht und Fairplay wenig.

So geht es flott durch die 80 Minuten und ein kurzweiliges Spiel über die Grenzen von Toleranz und Integration. Sieger kann es bei so viel Verkrampfung nur unterhalb des Centre Courts geben.

Fritz Rémond Theater im Frankfurter Zoo: bis 18. Oktober. www.fritzremond.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare