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Wozzeck , gefangen in Michael Levines Rahmenschachtel.

Wozzeck in Zürich

Expressionistische Verpuppungen

Christian Gerhaher als Wozzeck an der Oper Zürich: Alban Berg zwischen Horror und Groteske mit einer Idealbesetzung und in einer starken szenischen und musikalischen Lesart von Andreas Homoki und Fabio Luisi.

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Gibt es ein seliger abendfüllendes Opern-Doppelgespann als „Cavalleria rusticana/ I Pagliacci“? Gott selbst scheint dieses Paar, das nicht mal vom selben Autor stammt, zusammengefügt zu haben. Eine andere Kopplung ergab vor einiger Zeit in Darmstadt einen ähnlich unumstößlichen Effekt: ?Wozzeck? und ?Wozzeck?hintereinander, der eine von Manfred Gurlitt, der andere von Alban Berg. In dreieinhalb Stunden zweimal die gleiche Geschichte erzählt: Die riskante dramaturgische Idee von John Dew funktionierte verblüffend gut. Nur schade, dass nicht viele Theatermacher darauf anspringen, vielleicht gerade, weil sie einen (dummen) Plagiatsvorwurf fürchten. Soll eine geniale Maßnahme Einzelfall bleiben?

Das Berg-Werk, jetzt in Zürich (wie auch zum kommenden Spielzeitende absehbar in Frankfurt) wieder allein und für sich. Keine Frage, dass es auch so, trotz kaum mehr als 95-minütiger pausenloser Darbietung, einen „runden“ Abend ergibt. Hausherr Andreas Homoki präsentierte eine schlüssige, konzentrierte, eindrucksvolle szenische Arbeit. Michael Levines Bühne ließ die Darsteller wie Kasperpuppen aus einem Rahmen auftauchen. Das zunächst simpel Zweidimensionale wurde indes zunehmend differenzierter durch multiplizierende Rahmen-Schachtelungen, die fast einen Barocktheater-Anschein bekamen, dann aber ins Labyrinthische und zuletzt (bei Maries und Wozzecks Tod) dämonisch-strudelartig verzerrt wurden. Groteske, bizarre Bilder zwischen Hochkomik und Grauen: der Hauptmann unterm Napoleonshut, der zylinderbewehrte Doktor gleich zu einer schauerlichen Medizinerphalanx vervielfacht, der Tambourmajor mit Helmbusch und weißer Unterwäsche ein schriller Imponierphallus.

Faszinierendes Debüt

Die (ebenfalls von Levine entworfenen) Kostüme kehrten in der Schlussszene bei den Kindern wieder – Indiz einer sich fortzeugenden Tragödie. Der kleine Sohn von Marie und Wozzeck denn auch eine echte Handpuppe in der ärmlichen Uniformierung des Vaters (mit geliehener Kinderstimme). Homokis inszenatorische Stilisierung, an die gerne von Achim Freyer gehandhabte Puppenästhetik erinnernd, rieb sich spürbar, aber durchaus produktiv an den „großen“, ja welttheaterhaft-monumentalen musikalischen Formen, Gesten und Emotionen. Richtig sicher die Entscheidung, den Naturalismus beiseite zu lassen. Richtig auch die zugespitzte Sicht, Horror und Komik gleichermaßen zu generieren und aneinander zu steigern. Dabei entging Homoki der Gefahr, das Drama in Harmlosigkeit zu „verpuppen“, aber auch, den Arme-Leute-Realismus (wie Peter Mussbachs Frankfurter Inszenierung vor gut zwei Jahrzehnten) abstrahierend im modischen Design zu ersticken.

Faszinierend, zu erleben, wie Christian Gerhaher, in der Titelrolle debütierend, die Regiekonzeption erfüllte und gewissermaßen durch Übererfüllung zugleich transzendierte. Keiner hatte so deutlich und drastisch wie er das schlenkernd Willenlose, Getriebene, Fremdgeleitete, ja Unkörperliche eines seiner Menschenwürde Beraubten, einer Marionette in den Händen der Mächtigeren, zu realisieren. Doch aus dieser vermeintlich armseligen „halben Portion“ Mensch tönt immer wieder eine Stimme von (oft plötzlich aufschießender) urtümlicher Kraft, profunder Rebellion, riesengroß raumfüllender Anklage („Wir armen Leut“).

Das Paradox, wie ein verhuscht Überflüssiger, sich am liebsten unerkannt durch die Welt Stehlender mit jähen Visionen und Ausbrüchen zur Inkarnation von Weltelend, Weltekel, Unterdrücktsein werden kann: Es gab der Werkinterpretation eine Akzentuierung, die jenseits allen rationalen Umgangs mit einem Meisterwerk den beglückenden Eindruck einer Idealbesetzung hinterließ.

Ähnlich ließe sich das auch von den anderen Hauptfiguren sagen, ebenso minuziösen wie machtvollen Vokalisten (Brandon Jovanovich als Tambourmajor, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Hauptmann, Lars Woldt als Doktor), mit einer kleinen Einschränkung für die erfahren intonierende, reife, aber immer wieder auch auffällig chargierende Marie von Gun-Brit Barkmin, die sogar bei anrührend „hymnischen“ Passagen eine megärenhafte Beimischung nicht vermied. Mit Umsicht und dabei mit beträchtlichen Hitzegraden dirigierte Fabio Luisi. Dem Expressionismus der Partitur blieb er ebenso wenig schuldig wie dem geklärten Formsinn der Berg’schen Musikalität. Eine interessante, ja eine bedeutende „Wozzeck“-Annäherung.

Oper Zürich: 19., 22., 25., 29. September, 6. Oktober. www.opernhaus.ch

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