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Das Kleine Haus, vorne Gregor Schneider und der „Sterberaum“.
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Das Kleine Haus, vorne Gregor Schneider und der „Sterberaum“.

Theater

Exerzitium

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Das Staatstheater Darmstadt präsentiert ein Wochenende lang Gregor Schneiders „Sterberaum“.

Von Donnerstag- bis zum späten Sonntagabend war auf der Internetseite des Darmstädter Staatstheaters der „Sterberaum“ des Künstlers Gregor Schneider zu sehen, aufgebaut auf der Bühne des Kleinen Hauses. Der Augenblick war gut gewählt. Wie Museen in diesen Monaten zu Schulklassen und Test- oder Impfzentren werden konnten (hätten werden können), so kann auch ein Theater sich von einer anderen Seite zeigen und damit doch im Blick bleiben.

Hat es dem „Sterberaum“ nicht sogar die Show gestohlen, wenn man einmal so sagen darf? War von den drei zu wählenden Kamera-Blickwinkeln nicht die die mit Abstand stärkste, die die doppelte Inszenierung bot? Von weit hinten nämlich war der leere, erschütternd leere Zuschauersaal zu sehen, die roten Sessel, dann die Bühne mit der Installation, und erst nach einer Weile zeigte sich, dass es auf der Bühne doch einen Zuschauer gab: eine schemenhafte Gestalt, den Künstler selbst (wie man aber nachlesen musste), der seinerseits von außen durch eine Scheibe in seinen „Sterberaum“ blickte. Dass das für ihn ein äußert strenges Exerzitium gewesen sein muss, steht außer Frage. Aber die Doppelung doppelte und erweiterte auch die Thematik und Idee des „Sterberaums“ selbst. Allein vor dem Bildschirm blicken wir in einen leeren Raum, der Theater heißt und an dessen Ende ein Mensch in einen Raum blickt, der „Sterberaum“ heißt.

Außerdem zeigen sich beide Räume funktionslos, aber von architektonischer Klasse. Schneider nahm sich – auch dies lässt sich nachlesen, von den gediegenen Materialien ist aus der Ferne allerdings kaum noch etwas zu ahnen – Mies van der Rohes Haus Lange/Haus Esters in Krefeld zum Vorbild. Hier hatte er selbst, wie er erklärt, einst seine erste Ausstellung.

Skandal und Reflexion

„Sterberaum“ ist eine inzwischen schon ältere Installation des 51-Jährigen. Entwickelt hatte er sie im Nachgang des nicht ausgeführten Projektes von 2008, einen sterbenden Menschen zu zeigen. Die Skandalisierung dieser Idee ist im Rückblick nicht mehr so leicht nachzuvollziehen, aber indem sie vom Tisch ist, wird der intellektuellere Umgang damit auch wieder möglich. Der „Sterberaum“ wirkt heute nicht wie ein Raum, in dem etwas, jemand fehlt – jemand, der stirbt –, sondern wie ein Ort zum Nachdenken, eine Kapelle ohne Religion. Die naheliegende Gelegenheit, über das eigene, todsicher bevorstehende Sterben nachzudenken, wird einem nicht aufgedrängt. Aber sie steht im Raum.

Dass das Endes des Lebens und der Rahmen, in dem es vonstatten geht, durch die Corona-Pandemie auf neue, für viele so noch nie vorgestellte geschweige denn erlebte Weise in den Blickpunkt rückt, macht die neuerliche Präsentation besonders triftig. Andererseits bietet der „Sterberaum“ das Gegenteil einer Möglichkeit, eines Trostes oder gar einer Lösung. Hier spiegelt sich namenlose Ratlosigkeit. Das Theater, das nicht Theater sein darf, ist der perfekte Rahmen für diese Imperfektion, die nur knapp – und weil es jenseits der Lüftungsanlage so ruhig bleibt – keine nackte Verzweiflung ist.

Vielleicht sind leere Räume gegenwärtig auch so vertraut – und wenn man nur der einzige Mensch in einem großen Büro ist –, dass darum ein Rest Nüchternheit bleibt. Überwältigend wäre es derzeit offensichtlich, die Hand eines kranken Menschen in der Hand eines Menschen zu sehen, der nah und einfach da sein darf.

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