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„Ewig jung“: Party im Altersheim kommt nur langsam in Schwung

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Von: Katja Sturm

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Bei Hits wie „Forever young“ quälen sich die tatterigen Greise auf ihre lahmenden Beine.
Bei Hits wie „Forever young“ quälen sich die tatterigen Greise auf ihre lahmenden Beine. © Eugen Sommer

Die musikalische Komödie „Ewig jung“ feiert bei den Burgfestspielen Bad Vilbel Premiere.

Leidenschaft kennt kein Alter. Die in ihre finalen Jahre gekommenen Schauspieler:innen und Sänger:innen, die zusammen ihr früheres Theater als Altersresidenz bewohnen, sind zwar tatterig geworden. Doch noch immer brennen sie für die Musik und die Stücke, mit denen sie erfolgreich waren, und zelebrieren sie weiterhin im ansonsten tristen Alltag. Als nicht mehr selbstständige Rentner:innen haben sie jedoch wenig zu lachen: Schwester Vera, die sie beaufsichtigt, verordnet neben betäubenden Medikamenten Kinderlieder zum Mitklatschen. Ihre Auftritte begleitet sie dauergutgelaunt mit dem bedrohlichen Pfeifen aus „Kill Bill“ und entertaint selbst in blutrotem Kleid und schwarzem Schleier als Opernsängerin, die in wortkargen Arien das Dahinsiechen und das Sterben feiert.

„Ewig jung“ heißt die morbide Revue des in der Schweizer Hauptstadt Bern geborenen Autors und Komponisten Erik Gedeon, die unter der Regie von Katrin Herchenröther am Samstag Premiere bei den Bad Vilbeler Burgfestspielen hatte. Ein Großteil des Publikums amüsierte sich köstlich über die überwiegend wenig inspirierte Aneinanderreihung bekannter Hits aus länger vergangenen Zeiten, vom titelgebenden Alphaville-Klassiker „Forever young“ bis zu „Sex Bomb“ von Tiger Tom Jones, bei denen die zitternden Greise sich auf die lahmenden Beine quälten und sogar vor einem angedeuteten Strip keinen Halt machten.

Dass sich die selbst noch nicht so betagten Darsteller mit dem handlungsarmen Abend auf die Schippe nehmen, belegt, dass sämtliche Rollen ihre eigenen Namen tragen: Felix Freund als kiffender Rollstuhlnutzer, Ruth Fuchs als breitbeinige Windelträgerin mit Haarausfall, Annette Lubosch als unflätig schimpfende Diva, Theodor Reichardt am Stock, Harald Schröpfer als verliebter Schwächling und Pianist und Arrangeur Jochen Kilian, der sich im Spiel nur noch über die Musik ausdrücken kann, machten sich gut gelaunt über die eigene Zukunft lustig. Vera Lorenz begleitete sie als resolute Betreuerin.

Claus Stump hat dafür eine auf Sehnsüchte wie Erfolg gleichermaßen anspielende Showbühne mit Riesenhalbmond und Sternen entworfen, deren Glitzer mit der heraufziehenden Dunkelheit immer besser zur Geltung kommt. Davor sind diverse Sitzmöbel aus dem Fundus arrangiert, die, thematisch passend, nicht wenige Altersspuren tragen. Es gibt Slapstick-Einlagen in Zeitlupe, fliegende Prothesen, Sterbeszenen mit Shakespeare-Zitaten und sogar einen Mordversuch. Alles allerdings erst nach einer zähen ersten Hälfte. Geduld ist erforderlich bei dieser älteren Generation.

Die Komödie lebt von der Erinnerung an die eigene idealisierte Jugend. Auf der Bühne wird Protestaktionen auf Bäumen und seligen Drogenträumen hinterhergetrauert. Manche im Publikum werden das nachvollziehen können. Gemeinsam wird zu „Born to be wild“ gerockt oder in „Wenn du gehst, dann geht nur ein Teil von dir“ geschwelgt. Alles etwas langsamer als einst, aber mit einer Stola als E-Gitarre und mit der Gehhilfe den Rhythmus klopfend, kann das kurzfristig ganz nett sein.

Bad Vilbeler Burgfestspiele: „Ewig jung“ ist bis zum 11. September im Programm. www.kultur-bad-vilbel.de

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